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Bildnachweis: Plattform Life Sciences.

Nun ist die Forderung nach geänderten Rahmenbedingungen nicht neu. Was also tun, wenn sich seitens der Politik auch künftig nichts ändert?

Kremoser: Als Unternehmer ist es meine allererste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass mein Unternehmen funktioniert – und das tun wir tagtäglich, trotz der bestehenden Rahmenbedingungen. Persönlich hege ich wenig Hoffnung, dass sich an den gegebenen Umständen langfristig etwas ändern wird. Letztlich ist es auch eine Partisanentaktik: Man versucht, sich unter den gegebenen Umständen einen Weg durch den Dschungel zu bahnen, die Projektentwicklung voranzutreiben und das nötige Geld zu akquirieren. Im Grunde funktioniert das mit viel unternehmerischem Einsatz auch. Wenn man jedoch versucht, volkswirtschaftlich relevant etwas zu bewegen, die Wirkung des Ganzen quasi um den Faktor zehn erhöhen will, dann müssen sich grundlegende Dinge ändern. Es ist auch nicht nur eine Frage der Geldmenge. In den USA wird beispielsweise viel mehr auf Qualität in der Forschung geachtet. Wer dort an den Forschungsinstituten als Wissenschaftler nicht die entsprechende Leistung bringt, wird nicht mehr gefördert. Zudem wird der Wert einer Idee nicht an der Anzahl der Veröffentlichungen in Fachpublikationen gemessen, sondern daran, wie anwendungsfähig sie letztlich ist. Auf der Venture-Seite sitzen viele ehemalige Wissenschaftler vom Fach. Umgekehrt gibt es in Deutschland schon lange ­keine fähigen Analysten mehr, die sich mit Biotechnologie oder Biotech-IPOs auskennen, ganz zu schweigen von einer Großbank, die in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt auch ihren Namen verdient.

Bialojan: Der „Shift“ ist längst passiert. Die Art der Unternehmen ändert sich: weg von der klassischen kostenintensiven Medikamentenentwicklung, hin zu Service oder Tools. Natürlich geht es auch diesen Unternehmen gut, denn ihre Dienstleistungen werden gebraucht. Doch es könnte sehr viel mehr werden, und so geht viel Potenzial verloren. Auch eine steuerliche Forschungsförderung wird an der mangelhaften Aktivierung privaten oder institu­tionellen Risikokapitals wenig ändern.

Pfister: Ich bin optimistischer: Unser aktueller, dritter Fonds ist in großen Teilen privat finanziert – damit nicht mehr öffentlich – und durch mittelständische Unternehmen geprägt. Da gibt es spannende Entwicklungen in tra­dierten, familiengeführten Unternehmen. Beispielsweise hat ein deutsches Stahlbauunternehmen aus dem Ruhrgebiet in einen Life-­Sciences-Fonds investiert. Auch dieses Kapital fließt nun in Biotechunternehmen.

Wieland: Nach dem Motto „steter Tropfen …“ möchte ich dem „Rohrverteilungssystem“ doch eine Chance geben, um Forschern zur Gründung zu verhelfen. Ich glaube auch, dass es noch steuerliche Vergünstigungen gerade für kleinere und mittlere Unternehmen geben wird. Zahlen und Berichte des BDI, des VfA und von BIO Deutschland zeigen, dass sich in Deutschland dringend etwas ändern muss. Sonst werden nicht-validierte wissenschaft­liche Ansätze nicht weiterentwickelt. Eine Translation zum Patienten bleibt aus.

Wäre eine Lösung, dass die großen Konzerne noch früher als strategische Partner oder Investoren in die Start-ups hineingehen?

Kalkbrenner: Es gibt nicht das eine Corporate-Venture-Modell, sondern vielmehr verschiedene Corporate-Venture-Fonds, die unterschiedliche strategische Interessen verfolgen, immer ausgerichtet an der Strategie des Mutterkonzerns. Doch auch vom ­Volumen her können das die Corporates ­allein gar nicht ausgleichen. Wünschenswert wäre eine politische Vorgabe, wie sie etwa in Frankreich oder den Beneluxstaaten vorherrscht, dass Rückversicherer oder Pensionsfonds einen bestimmten Prozentsatz ­ihres Vermögens in innovationsfördernde Fonds investieren. Nur deswegen haben diese Länder in den vergangenen Jahren in der Biotechnologie so stark aufgeholt, weil die Politik auf diese Weise veranlasst, dass den Unternehmen mehr Kapital zufließt.

Wieland: Sanofi Venture investiert bislang ausschließlich in den USA. Das heißt nicht, dass es in Deutschland oder Europa keine guten Ideen gibt. Vielmehr gilt die Devise, dass es sich bei den zu fördernden Unternehmen um hoch dekorierte wissenschaftliche und unternehmerische Personen in frühen Biotechs handeln sollte, die das Netzwerk von Sanofi von Forschung und Entwicklung bis Produk­tion und Kommerzialisierung nutzen können. Auch können Corporates nicht die Funktionalität eines Cross-overs übernehmen.

Bialojan: Entscheidend bleibt der Gedanke an ein funktionierendes Ökosystem. Da bilden Corporates nur ein Mosaiksteinchen. Und dieses System bekommt man nicht in Gang, wenn man nicht den Kapitalmarkt als Ganzes angeht – womit man wieder beim Thema Rahmenbedingungen wäre.

Kremoser: Schlussendlich bleibt den Biotechunternehmen in der Regel nur die Auslizenzierung an Big Pharma. Wie sollen sie die Wirkstoffentwicklung sonst auch vorantreiben? Es gibt keinen funktionierenden Kapitalmarkt für Biotechentwicklung in Deutschland und auch keinen funktionierenden IPO-Markt. Die großen Pharmakonzerne, allen voran in den USA, treiben die Wirkstoffentwicklung sehr viel ­aggressiver voran als etwa ihre euro­päischen Konkurrenten. ­Ärgerlich ist es, wenn heimische Innovationen auf diese Art in die USA auswandern. Aber der ­globale Gesundheitsmarkt wird eben von den USA dominiert.

Wieland: Vielleicht sind die europäischen Pharmafirmen weniger aggressiv. Am Ende zählt der Erfolg für alle Seiten, eine erfolgreiche Zulassung, also die Translation zum Patienten, und ob es einen Return für das eingesetzte Kapital gibt.

Was also soll der deutsche Biotechunternehmer abschließend tun, um seinen Weg auch in Zukunft erfolgreich bestreiten zu können?

Bialojan: Die Unternehmen holen sich das nötigte Geld von den US-amerikanischen ­Investoren. Sie machen die notwendigen Deals im Ausland. So entsteht allerdings kein nachhaltig positiver Einfluss auf die heimische Volkswirtschaft. Die Frage ist: Was ist das Ziel unserer Diskussion? Es gibt viele Unternehmen in Deutschland, die es individuell richtig machen. Doch das gesamte Ökosystem bleib davon unberührt.

Pfister: Ich glaube nicht, dass nationale Sichtweisen hilfreich sind. Biotechunternehmen befinden sich grundsätzlich in einem guten Umfeld und können hier vernünftige Bewertungen aufrufen. Das ist durchaus ein „Asset“ im Wettbewerb um internationale VC-Gelder.

Meine Damen und Herren, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Das Gespräch führte Holger Garbs.

Das Gespräch wurden im Rahmen der Ausgabe 3/2019 „Biotechnologie“ in Heidelberg geführt. Das E-Magazin zur Gesamtausgabe finden Sie hier.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als freier Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform LifeSciences und das VentureCapital Magazin.