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Bildnachweis: Plattform Life Sciences.

Ist Kapital ein scheues Reh? Wie aktiv ist der High-Tech Gründerfonds in dieser Region?

Pfister: Der High-Tech Gründerfonds ist bei einigen Life-Sciences-Unternehmen in dieser Region engagiert, und gerade im Biotech­bereich habe ich derzeit nicht den Eindruck, dass Kapital ein scheues Reh ist. Die Themen werden extrem früh angesehen, gerade in der Vor-Ausgründungs- oder Transla­tionsphase, wenn es beispielsweise darum geht, ein Gründerteam aufzubauen. Pre-Seed-, Seed- oder Series-A-Finanzierungen zu organisieren ist in Deutschland momentan kein großes Problem. Schwieriger wird es beim Thema Wachstumsfinanzierung. Größere Runden lassen sich nur mit inter­nationalen Investorenkonsortien stemmen.

Höger: Die Probleme beginnen, wenn es um die Finanzierung der klinischen Entwicklung geht. Hier setzen Investoren, aber auch Big Pharma häufig mindestens eine durchdesignte Phase-II-Studie mit positiven Studien­­ergebnissen für einen Deal voraus. Im Detail bedeutet dies, dass man bei etwa 200 rekrutierten Patienten in einer solchen Studie mit Kosten von bis zu 100.000 EUR pro Patient rechnen muss, zumindest im ­Bereich der Onkologie, in dem oft umfangreiche molekularbiologische Untersuchungen des Tumorgewebes durchgeführt werden. Solche 20-Mio.- bis 30-Mio.-EUR-Runden findet man eher selten.

Wieland: Investoren wie die Gebrüder Strüngmann oder SAP-Gründer Dietmar Hopp sind gar nicht wegzudenken. Ohne sie wäre die Situation für einige Biotechunternehmen in Deutschland viel schlechter.

Bialojan: Es gibt viel Bewegung in Richtung Start-up-Finanzierung, und das ist sehr ­erfreulich. Schaut man sich jedoch das ­Gesamtkapital an, wurden in den vergangenen zehn Jahren von hiesigen Investoren maximal bis zu 200 Mio. EUR jährlich in deutsche Biotechunternehmen investiert. Das ist nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Gemessen am Poten­zial der Biotechbranche geht eindeutig zu wenig Geld in diesen Sektor. Das heißt nicht, dass nicht genügend Geld da wäre – doch fließt das Gros an Venture Capital in andere Bereiche, vor allem in Richtung IT. Und da erschließt sich ein klares Mindset. Das sind andere Modelle, die weniger kostenintensiv daherkommen und einen schnelleren Erfolg am Markt versprechen. Es gibt in Deutschland kein Bewusstsein, die langen und teuren Strecken mit höherem Risiko anzugehen.

Kerber: Aus der Perspektive eines grund­lagenorientierten Forschungsinstituts wie des EMBL ist es wünschenswert, dass Mittel ­speziell für die frühe Finanzierung disruptiver und naturgemäß riskanterer Projekte zur Verfügung stehen. Denn so haben wir die ­Möglichkeit, das vorhandene große Innova­tionspotenzial voll auszuschöpfen. Das ist heute angesichts der großen gesellschaft­lichen Herausforderungen wichtiger denn je.

Hilft der Blick über die Ländergrenzen hinweg?

Kalkbrenner: Im Ausland, allen voran in Frankreich, Großbritannien oder in den ­Beneluxstaaten, haben wir eine ganz andere Situation. In diesen Ländern gibt es eine starke staatliche Förderung von Biotech. Deutschland, da muss man ehrlich sein, ist kein starkes Biotechland, und es wird auch von der Bundesregierung nicht als solches gefördert. Das hat auch mit der steuerlichen Behandlung von Biotechinvestments zu tun. Die Fonds in den Beneluxstaaten oder Frankreich haben so viel Geld gesammelt, dass sie das in ihren eigenen Ländern gar nicht mehr ausgeben können. Diese Fonds kommen nach Deutschland und suchen Investitionsopportunitäten. Hier erleben wir mittlerweile regelrechte kompetitive Syndikate an Investoren. Das hat es vor einigen Jahren in Deutschland noch gar nicht gegeben.

Bialojan: Viele Gründer, die es ja gibt, wandeln ihre Geschäftsmodelle angesichts dieser wirtschaftlichen Opportunitäten früher oder später ab. Beispielsweise gibt es eine starke Entwicklung in Richtung Service. Die Gründer machen sich damit bewusst unabhängig von Venture Capital, und das ist angesichts des vorhandenen Potenzials kontraproduktiv.

Wieland: Der Adressat dieser Fragen ist ganz klar die Politik, die die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen muss. Warum sollte es in Deutschland nicht ebenso funktionieren wie in Frankreich? Das ist unverständlich. Man kann nur hoffen, dass wir alsbald Veränderungen sehen – sonst droht die Gesundheitswirtschaft in ihrer Mitte auszudünnen.

Die Zahl der klassischen Medikamentenentwickler geht zurück, Segmente wie Dienstleistung und Tools sind im Wachstum begriffen. Droht da ein Verlust an wertvollem Wissen?

Schwenkert: Es gibt leider immer noch zu viele wissenschaftliche Einrichtungen, in denen die Vorbereitung des Gründungs­geschehens nicht ausreichend ist. Da geht auf dem Weg zur Gründung viel Potenzial verloren, weil vielen Wissenschaftlern dieser Weg zu lang und zu anstrengend ist. Der Weg von einer guten Idee über das Patent bis hin zur tatsächlichen Gründung ist nicht überall geradlinig. In der Betreuung der Gründer besteht ein großer Qualitätsunterschied.

Pfister: Da kann man sicherlich mehr tun. Deutschlands Techtransfereinrichtungen haben noch ungenutztes Potenzial. Allerdings sehen wir deutlich mehr Projekte als noch vor wenigen Jahren – klassische ­Wissenschaftlerteams, die ihren Wirkstoff, ihren Antikörper aus der Uni in einer Gründung weiterentwickeln wollen, und zwar mit Risikokapitalgebern.

Bialojan: Die Tatsache, dass die Gründungszahlen stagnieren, hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass Wissenschaftler, die potenziell vorhaben zu gründen, auch ein Stück weiter schauen. Sie sehen zwar Förderprogramme wie Exist oder GO BIO oder Frühphaseninvestoren wie den High-Tech Gründerfonds – aber sie sehen auch die Mauer, an die sie mittelfristig stoßen werden. Das hat wiederum Einfluss auf die Gründungsdynamik und die Geschäfts­modelle. Bekomme ich für meine Idee eine ausreichende Finanzierung zu einem späteren Zeitpunkt? Warum sollen diese Wissenschaftler das Risiko eingehen, ihre gesicherte akademische Existenz zu verlassen?

Welche Rolle spielt es dabei, dass der Börsengang als Exit- oder Finanzierungsoption für deutsche Biotechfirmen kaum ins Gewicht fällt?

Höger: In der Tat: Wir haben so gut wie keine Börsengänge im Biotechbereich. Theoretisch gelten IPOs als Exits, faktisch sind sie eine andere Form der Finanzierung – und diese ist für deutsche Biotechfirmen kaum existent. Somit entfällt für viele Firmen eine wichtige Finanzierung in der Spätphase. Im Zweifelsfall werden die lukrativen Produktkandidaten auslizenziert, häufig an US-amerikanische Firmen. Das bedeutet dann aber auch, dass die weitere Wertschöpfung im Ausland stattfindet.

Kalkbrenner: Andererseits ist ein Börsengang kein Allheilmittel. Unser Geschäfts­modell sieht vor, dass wir Firmen ausgründen und zum passenden Zeitpunkt verkaufen – im Idealfall an Boehringer, aber auch an andere Konzerne. Im Verbund mit zwei oder drei anderen institutionellen Investoren ist es durchaus möglich, eine Biotechfirma so weit durchzufinanzieren, dass sie zum Zeitpunkt einer Phase-II-Studie an ­einen strategischen Investor verkauft werden kann. Als Investor muss man darauf achten, den richtigen Zeitpunkt zum Verkauf oder Ausstieg zu wählen. Wird eine ­Firma zu groß, wie etwa eine BioNTech, dann wird es schwierig, einen geeigneten Kaufkandidaten zu finden.

Letztlich schadet sich die deutsche Biotechindustrie also selbst, wenn sie ihre Produkte ins Ausland auslizenziert?

Bialojan: Man muss zwei Diskussionsebenen unterscheiden. Einerseits kann ich diese Sicht der Investoren, aber auch mancher Corporates nachvollziehen. Andererseits ist dieses Vorgehen auch ein volkswirtschaft­licher Verlust, denn durch einen Verkauf oder eine Auslizenzierung wird verhindert, dass in Deutschland, anders als beispielsweise in den USA, die großen Pharmafirmen der Zukunft gegründet werden.

Kalkbrenner: Man darf nicht vergessen, dass die Hälfte aller Healthcare-Ausgaben weltweit in den USA getätigt wird. Die USA sind weiterhin der wichtigste Gesundheitsmarkt der Welt. Künftig wird China hinzukommen. In Deutschland existiert einfach kein geeignetes Umfeld und auch kein Markt für die Gründung solch großer Pharmafirmen.

Pfister: Die Gründer wollen ihr Produkt schnellstmöglich an den Patienten bringen. Wo das passiert, ob in Deutschland oder im Ausland, ist ihnen schlussendlich egal. Da spielt die Makroökonomie keine große Rolle. Im Gegenteil: Da finden auch frühe Auslizenzierungen nach einer Phase I große Befürworter.

Wieland: Trotzdem muss man dieses Thema volkswirtschaftlich betrachten: Ein Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wird sich über­legen, ob es sich weiterhin lohnt, Forschungsförderung zu betreiben, wenn ein Unternehmen wie beispielsweise GANYMED ins Ausland verkauft wird. Abgesehen ­davon wird das Thema Auslizenzierung an vielen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen immer noch kritisch gesehen. Hier haben viele gründungswillige Forscher wenig Rückhalt.