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Restriktionen auch in China

Die ethischen Vorgaben für die Biotechnologie gelten gemeinhin in China als lockerer, doch tatsächlich sind die Restriktionen etwa bei der Forschung am menschlichen Erbgut oder beim Klonen ähnlich streng wie in westlichen Industrienationen. Wissenschaftliche Interviews mit Ärzten und Patienten zeigen laut Döring, dass Moralvorstellungen in China nicht grundsätzlich anders aussehen als bei uns. Immer wieder gebe es aber chinesische Forschungsinstitute, die bewusst Grenzen überschreiten, um im harten nationalen und internationalen Konkurrenzkampf eine Marke zu setzen.

Staatlich geförderte Schlüsselbranche

Jenseits ethischer Diskussionen findet in der medizinischen Biotechnologiebranche in China gerade eine revolutionäre Entwicklung statt. Das Wachstum geht steil bergauf. In den fünf Jahren zwischen 2009 und 2014 wuchs der Umsatz chinesischer Biopharmazieprodukte um mehr als das 3,5-Fache von 75 Mrd. RMB (rund 10 Mrd. EUR) auf 275 Mrd. RMB (36 Mrd. EUR). Beim Blick auf den Aufstieg der chinesischen Biotech-Branche wird eines deutlich: Längst hat der Staat die Branche als Zukunftsindustrie erkannt. Bereits im vorhergehenden und auch im aktuellen 13. Fünfjahresplan wird die Branche als strategische Zukunftsindustrie besonders herausgestellt.

Auch in dem langfristigen Entwicklungskonzept „Made in China 2025“ zählen Biopharmazie und Medizintechnik zu den zehn Schlüsselsektoren für die Modernisierung der gesamten Wirtschaft. Wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in einer Studie zum 13. Fünfjahresplan feststellt, mangelt es der Industrie trotz des insgesamt sehr hohen Niveaus in manchen Bereichen noch an Zugang zu Technologien sowie an Forschungs- und Entwicklungskapazitäten. Daher betont die chinesische Regierung in einem Dokument aus dem vergangenen Jahr ausdrücklich die Notwendigkeit vermehrter grenzüberschreitender Investitionen und Kooperationen sowie einer Stärkung der Outbound-M&A-Aktivitäten.

M&A-Aktivitäten ungebrochen

Die Haltung sowohl der chinesischen als auch der deutschen Regierung gegenüber grenzüberschreitenden Firmenübernahmen ist allerdings in jüngster Zeit deutlich restriktiver geworden. Während Peking Kapitalabflüsse in volkswirtschaftlich unerwünschte Investitionen verhindern will, ist in der deutschen Öffentlichkeit in den zurückliegenden Monaten – auch im Zeichen des Bundestagswahlkampfes – die Sorge vor einem Ausverkauf deutschen Know-hows gewachsen. In diesem Zusammenhang wurde sogar die Außenwirtschaftsgesetzgebung im Juli überarbeitet. Auf die Biotech-Branche jedoch hat der neue politische Kurs in beiden Ländern bisher keinen großen Einfluss gehabt und er wird nach Einschätzung von M&A-Experten voraussichtlich auch künftig ohne einschneidende Auswirkungen bleiben.

Dr. Hermann Meller
„Vor allem Großunternehmen wie Fosun haben schon zahlreiche Übernahmen in Europa erfolgreich abgeschlossen.“ (Dr. Hermann Meller, Partner, Dentons)

Biotech-Investitionen weiter gefördert

Der Rechtsanwalt Dr. Hermann Meller, Partner im Berliner Büro und in Shanghai bei der Rechtsanwaltskanzlei Dentons, beobachtet bei den chinesischen Behörden neuerdings eine restriktivere Haltung gegenüber Auslandsakquisitionen. „Für private Immobilienkäufe oder Investitionen in Hotels, Casinos und Fußballclubs werden in China derzeit keine Devisentransfers mehr genehmigt“, so Meller. Die Regierung will dadurch wenig nachhaltige Investitionen verhindern. Grundsätzlich aber habe sich laut Meller an der Leitlinie des Going-out nichts geändert. Nachhaltige Investitionen in Hochtechnologien wie etwa in die medizinische Biotechnologiebranche seien nach wie vor erwünscht und die notwendigen Devisentransfers würden entsprechend ermöglicht. Das sei auch daran zu erkennen, dass Ansiedlungen solcher Industrien in China weiter willkommen seien.

Die Politik für Ansiedlungen und Auslandsakquisitionen sei in China oft spiegelbildlich. Auch die Reform der deutschen Außenwirtschaftsverordnung dürfte sich nach Einschätzung von Meller auf die meisten Übernahmeprojekte kaum auswirken. Die Bereiche, in denen Transaktionen durch das Bundeswirtschaftsministerium untersagt werden könnten, sei durch die jüngste Änderung im Wesentlichen lediglich konkretisiert worden. Damit gäbe es immer noch genügend Raum für Übernahmen, die nicht von der Neuregelung erfasst werden.

Spektakulärer Deal

Auf die spektakuläre öffentliche Übernahme des hessischen SDAX-Unternehmens Biotest durch die chinesische Creat Group haben die überarbeiteten deutschen Außenwirtschaftsvorschriften jedenfalls keine Bremswirkung gehabt. Die Genehmigung des 1,3 Mrd. EUR schweren Deals lag auf deutscher Seite auch bereits im Juli vor, nur drei Monate nach Veröffentlichung der Übernahmepläne. Auf die Entscheidung der US-Behörden dagegen müssen die Biotest-Aktionäre und Creat dagegen weiter warten. Die endgültige behördliche Zustimmung vorausgesetzt, steht die chinesischen Investmentgruppe vor einem dicken Fang. Der Immunologie- und Hämatologiespezialist aus Dreieich bei Frankfurt erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit seinen 2.500 Mitarbeitern einen Umsatz von 610 Mio. EUR.

Investitionen in deutsche Start-ups

Mit Blick auf deutsch-chinesische M&A-Aktivitäten ist die medizinische Biotechnologie mit ihren zahlreichen Start-ups aber insgesamt noch eine relativ junge Zielbranche. Im Vergleich dazu haben chinesische Investoren in etablierteren Branchen wie dem Automotive-Sektor oder dem Maschinenbau nach zahlreichen Transaktionen reichlich Erfahrung sammeln können. „Seit die Welle chinesischer Akquisitionen in Deutschland ab 2011 so richtig in Schwung gekommen ist, haben sich die Erwerber sehr stark professionalisiert“, hat M&A-Rechtsanwalt Meller beobachtet. „Vor allem Großunternehmen wie Fosun haben schon zahlreiche Übernahmen in Europa erfolgreich abgeschlossen und reichlich Erfahrung auf dem internationalen M&A-Parkett gesammelt.“ Von diesen Erfahrungen auf beiden Seiten dürften jedoch auch neu aufstrebende Branchen profitieren. Das gilt darüber hinaus auch für die Finanzierung von deutschen Biotech-Start-ups durch Venture-Capital-Investoren aus Mainland-China und Hongkong. Wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY in ihrem aktuellen Biotechnologiereport betont, beteiligen sich in jüngster Zeit vermehrt ausländische, insbesondere auch chinesische Venture-Capital-Gesellschaften an Finanzierungen junger Biotech-Unternehmen in Deutschland, vor allem in den Top-Runden.

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