Bezüglich des Gründungsgeschehens hatten wir zuletzt gute Jahre in Deutschland. Allerdings sind die Zahlen immer noch marginal im Vergleich zu anderen Industriesegmenten in Deutschland. Nehmen wir zum Beispiel Software und IT und blicken nach Berlin, dann lässt sich dort eine völlig andere Begeisterung und Aktivität registrieren als in der Biotechnologie.

Eine weitere Frage ist die nach der Nachhaltigkeit der Biotechindustrie in Deutschland. Aktuell sehen wir viele Dienstleister im Biotechsegment. Diese verrichten gute Arbeit und erzielen ihre Margen. Doch dies sind in der Regel nicht die Firmen, die man eines Tages an die Börse bringen kann. ­Zudem werden heute viele Unternehmen in einer Art Projektstatus begonnen mit dem Ziel, dieses Projekt nach einer erfolgreichen Phase II zu verpartnern oder zu verkaufen. Das ist natürlich lukrativ für Investoren, für den Standort Deutschland aus meiner Sicht eher schwierig, da viele dieser Projekte ins Ausland verkauft werden.

Auf der politischen Ebene hat sich sicher einiges getan, beispielsweise beim Thema „Verlustvortrag“. Auf der anderen Seite ­müssen wir genau fragen, was passt wirklich zu Biotech? Es gibt interessante Förderprogramme im KMU-Bereich, die jedoch ­wenig helfen, wenn die Dinge über Kredite ­finanziert werden müssen. Damit fällt Biotech ob der inhärenten Risikostruktur häufig durchs Raster.

V.l.n.r.: Prof. Dr. Horst Domdey, Dr. Hubert Birner und Holger Garbs
Plattform Life Sciences: Herr Honold, was müsste geschehen, um das Gründungsgeschehen im ­Biotechsektor noch mehr zu fördern?

Honold: In der Tat, die Gründer in der Biotechnologie stehen oft im Vergleich zu ­Unternehmungen aus der Digitalwirtschaft. Dort schafft man es häufiger, mit vergleichsweise wenig Geld enorme Umsätze zu erzielen oder Kapital nachzufinanzieren. Gleichzeitig werden damit aber oft keine bahn­brechenden und nachhaltigen neuen Technologien finanziert, was ja im Gegenzug ­gerade die Biotechnologie auszeichnet.

Außerdem stehen auch andere Industrien unter Innovationsdruck und haben einen entsprechenden Kapitalbedarf, etwa die ­Automobil- oder Chemiewirtschaft. Dadurch wird ein gewisser Druck auf die Politik ausgeübt, Innovationen und notwendige Gründungen künftig stärker und mit höherem ­Volumen zu fördern. Zwar ist hier durch verschiedene Maßnahmen in den vergangenen Jahren einiges geschehen. Doch insgesamt sind die Ticketgrößen immer noch viel zu gering, um das Problem der mangelnden Folgefinanzierungen wirklich aufzulösen. Ein INVEST-Zuschuss mag Gründungen fördern und Gründerzentren füllen, aber es ist nicht nachhaltig hilfreich vom Volumen her.

Aus meiner Sicht kann dieser Knoten nur ­dadurch aufgelöst werden, indem wir mehr Kapital in die Venture-Capital-Fonds hineinbekommen. Steuerliche Vorteile, wie beim INVEST-Zuschuss, sollten auch für VC-Fonds gelten. Eine Alternative wäre das verstärkte Engagement der Industrie, gerade im Corporate-Venture-Bereich.

Dr. Dirk Honold, BIO Deutschland

 

„Wir müssen die Möglichkeiten und Lösungen der Biotechnologie für den Menschen noch stärker in den Mittelpunkt ­stellen.“ 
 
 

 
 

Plattform Life Sciences: Inwieweit fehlt der Biotechbranche in diesem Zusammenhang die Öffentlichkeit?

Honold: Wir müssen die Möglichkeiten und Lösungen der Biotechnologie für den Menschen noch stärker in den Mittelpunkt stellen. Lösungen für ein besseres Leben oder ein besseres Wohlbefinden durch Möglichkeiten der Biotechnologie sind den Menschen im Land nicht hinreichend bewusst. Es ist bedauerlich, dass Deutschland über eine herausragende Wissenschaft verfügt, die ihren Weg in die Öffentlichkeit nicht ­findet.

Domdey: Die Branche selbst muss insgesamt mehr Lobby-Arbeit bei den Medien betreiben. Gegenüber der Politik funktioniert das besser. Insgesamt sind die Berichte über Biotech in den Printmedien, aber auch im Fernsehen aus meiner Sicht eher weniger geworden. Und wenn berichtet wird, dann häufig negativ, etwa im Zusammenhang mit CRISPR/Cas. So entsteht ein fatales Bild, wie man es aus den Anfangszeiten der Gentechnik kennt, dass Ängste geschürt werden.

Birner: Ich halte die breite Öffentlichkeit nicht für eine geeignete Zielgruppe. Man darf nicht vergessen, es ist im Namen der Biotechnologie auch Schlechtes passiert. Es sind Menschen im Rahmen von klinischen Studien gestorben.

V.l.n.r.: Dr. Peter Hanns Zobel, Enno Spillner und Benjamin Heimlich

Meine Einschätzung nach vielen Jahren in der Branche ist, dass sich der Laie zuweilen schwer tut mit dem komplexen Thema der Biotechnologie, vor allem mit der Langfristigkeit des Themas. Alternativ sollte man neben den Firmen andere Multiplikatoren der Biotechindustrie in Szene setzen, beispielsweise Direktoren der Max-Planck-­Institute. Welche Leuchtturmkliniker gibt es in Deutschland, die eventuell Nobelpreis-verdächtig sind – und woran forschen sie? Wir müssen ein systemisches, makroöko­nomisches Bild der Branche zeichnen. Nur den erfolgreichen Industrievertreter zu ­präsentieren, erzeugt in Deutschland l­eider immer noch einen gewissen Neid­effekt. Wenn es ­jedoch gelingt, ein gesamthaft positives Bild zu erzeugen, dann hört auch die Politik besser zu. Es kommt ­darauf an, nicht nur den Wert der lokalen Industrieförderung, sondern auch den Wert für das ganze Gesundheitssystem zu erklären, und zwar durch Wissenschaftler und Menschen außerhalb der Branche. Hier fehlt es noch an einem ganzheitlichen Ansatz in der deutschen ­Biotechszene.

Was wir in Deutschland leider nicht ­haben, ist eine Vielzahl von nachhaltigen Unternehmen, die ein eigenes Produkt auf dem Markt haben. Unternehmen wie Micromet sind schlicht weggekauft worden.

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