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780 Mio. Euro für ein deutsches Antiinfektiva-Biotech: Asahi Kasei übernimmt die in Wuppertal ansässige Aicuris vollständig – abgewickelt über die US-Tochter Veloxis Pharmaceuticals. Mit dem etablierten CMV-Präparat PREVYMIS sowie dem Phase-3-Wirkstoff Pritelivir gegen therapieresistente HSV-Infektionen sichert sich der Konzern klinisch validierte Assets im Transplantations- und Immunsuppressionsumfeld; hinzu kommt mit AIC468 ein fortgeschrittener Kandidat gegen BK-Virus-Komplikationen bei Nierentransplantierten. Von Urs Moesenfechtel
Mit dem Deal wechselt das Unternehmen vollständig den Eigentümer; sämtliche Anteile gehen an Asahi Kasei. Die Übernahme erfolgt gegen Barzahlung, das Closing ist für das erste Halbjahr 2026 vorgesehen. Bank of America und Gibson Dunn begleiten den Prozess.
Für ATHOS, einen der frühen und langjährigen Investoren von Aicuris, markiert die Transaktion den vollständigen Exit nach erfolgreicher Phase-3-Validierung von Pritelivir. Der Einstieg erfolgte in einer frühen Entwicklungsphase, der Ausstieg nun an einem Punkt, an dem die Pipeline klinisch weitgehend de-risked ist.
Zugriff auf späte Antiinfektiva-Assets
Im Kern der Übernahme steht ein fokussiertes Portfolio für schwere Virusinfektionen bei immunsupprimierten Patienten. Mit Pritelivir verfügt Aicuris über ein Phase-3-Asset, das in einer globalen Studie bei refraktären HSV-Infektionen den primären Endpunkt erreichte und der Vergleichstherapie statistisch überlegen war. PREVYMIS (Letermovir) zur Prävention von CMV-Infektionen bei definierten Transplantationspatienten, das von MSD auf Basis einer Lizenzvereinbarung vermarktet wird, bildet den kommerziellen Anker des Portfolios. Hinzu kommt mit AIC468 ein Phase-2-bereiter Kandidat gegen BK-Virus-Reaktivierungen bei Nierentransplantierten. Damit erwirbt Asahi Kasei ein eng zugeschnittenes, klinisch validiertes Spezialportfolio im klar definierten Hochrisikosegment.
Strategische Logik: Integration in ein tri-regionales Modell
Asahi Kasei verfolgt ein integriertes Pharma-Modell, das Forschung, klinische Entwicklung und Vermarktung über Japan, die USA und Europa hinweg verzahnt. Aicuris wird in diese Struktur nun eingebunden. Dabei geht es nicht nur um Portfolioerweiterung, sondern um die Kombination von Entwicklungs-Know-how mit vorhandener kommerzieller Infrastruktur. Über Veloxis verfügt Asahi Kasei über einen etablierten Zugang zu Transplantationszentren in den USA. Gleichzeitig betont der Konzern die Nutzung seiner umfassenden Erfahrung im Bereich geistigen Eigentums, um den Wert der Pipeline langfristig abzusichern. Auch die Vorbereitung auf eine mögliche Markteinführung in den USA wird explizit hervorgehoben – ein Hinweis darauf, dass der Käufer nicht nur Entwicklungsprogramme übernimmt, sondern deren kommerzielle Umsetzung beschleunigen will.
Antiinfektiva galten im M&A-Kontext lange nicht als bevorzugtes Spielfeld strategischer Käufer – insbesondere jenseits pandemiegetriebener Sonderlagen. Umso bemerkenswerter ist der Fokus auf ein eng definiertes Hochrisikosegment: schwere Virusinfektionen bei immunsupprimierten Transplantationspatienten. Hier treffen medizinische Dringlichkeit, klar abgrenzbare Zielpopulationen und spezialisierte Versorgungsstrukturen aufeinander. Dass Asahi Kasei bereit ist, dafür einen hohen dreistelligen Millionenbetrag zu investieren, zeigt: Attraktiv sind nicht breite Volumenmärkte, sondern klinisch validierte Nischen mit klarer Erstattungs- und Zentrenlogik. Bewertet wird hier nicht Masse, sondern Spezialisierung.
Maßstab für späte Biotech-Assets
780 Mio. EUR für ein privat finanziertes Unternehmen mit einem Phase-3-Asset sind im hiesigen Marktumfeld keine Selbstverständlichkeit – insbesondere außerhalb der Onkologie. Antiinfektiva-Programme standen in den vergangenen Jahren selten im Zentrum größerer M&A-Transaktionen. fokussierte, klinisch validierte Nischenprogramme finden also weiterhin strategische Käufer, vorausgesetzt, sie adressieren klar definierte Hochrisikopopulationen und sind regulatorisch greifbar. Bewertet wird hier nicht eine Plattform, sondern ein de-risked Spätphasen-Portfolio. Gleichzeitig bestätigt sich wieder einmal eine strukturelle Realität des Standorts: Sobald Programme die Phase erreichen, in der globale Zulassung, Marktzugang und internationale Vermarktung entscheidend werden, erfolgt häufig die Integration in größere Konzernstrukturen. Ob Wuppertal als Entwicklungsstandort langfristig gestärkt wird oder primär als Forschungs-Unit innerhalb eines globalen Netzwerks fungiert, wird ein entscheidender Indikator dafür sein, wie viel nachhaltige Wertschöpfung im Land verbleibt.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






