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„Gedränge auf dem Parkett – Rekordjagd geht weiter!“, „Rasantes Wachstum bei Emittenten und Investoren“ oder: „Der börsennotierte Mittelstand – Ein deutscher Exportschlager!“. Könnten dies die Schlagzeilen der Finanz- und Wirtschafts­presse zu Beginn des Jahres 2020 sein? Deutschland hätte das Po­tential dazu. Von Dr. Marc Feiler

Dr. Marc Feiler, Justiziar und Mitglied der Geschäftsleitung der Bayerischen Börse AG, München.
Dr. Marc Feiler, Justiziar und Mitglied der
Geschäftsleitung der Bayerischen Börse
AG, München.

Die EU-Kommission schreibt sich auf die Fahnen, den Kapitalmarktzugang für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu stärken. Denn es ist längst bewiesen, dass Mit­telständler an der Börse ihre nicht notierten Wettbewerber an Umsatz- und Ertragswachstum ebenso deutlich schlagen wie beim Beschäftigungszuwachs. Ein höherer Kapitalmarktanteil beim Finanzierungsmix stärkt die Unternehmen in Kreditverhandlungen und macht sie krisenresistent. Schließlich mussten die Banken nach Lehmann gerettet werden, damit deren Pleite nicht auf die Realwirtschaft durchschlägt. Dies ist die Kehrseite einer überbetonten Bankenfinanzierung. Und in Zeiten des Anlagenotstands suchen Investoren dringend nach rentierlichen Anlagen und Portfoliodiversifizierung. Angesichts der vorgenannten Dynamik können KMUs dabei eine besondere Rolle einnehmen. Schließlich zeigen gerade die USA, dass eine Eigenkapitalfinanzierung über den Markt immer wieder für rasantes Wachstum sorgt.

Nach seriösen und vorsichtigen Schätzungen gibt es in Deutschland 1.000 börsenfähige Gesellschaften. Wären sie tatsächlich an der Börse, hätte sich die Anzahl der börsennotierten Unternehmen mehr als verdoppelt. Dass in der größten Volkswirtschaft der EU gerade einmal ein paar hundert Un­ternehmen an der Börse gehandelt werden, verblüfft immer wieder.

Die Kommission möchte ihren Teil dazu beitragen, dieses Potential mit „Prospekterleichterungen“, „KMU-Wachstumsmarkt“ und „IFRS für den Mit­telstand“ zu heben. Auch die hemmenden Effekte der steuerlichen Privilegierung von Fremdkapital werden von ihr offen angesprochen. Hier würden Verbesserun­gen vermutlich schnell zur Initialzündung. Projekte wie die Finanztransaktionssteuer oder das Ersetzen der pau­schalen Abgeltungssteuer durch den individuellen Steuersatz sind dagegen kontraproduktiv.

Chancen für KMUs

In diesem Umfeld nimmt die Deutsche Börse AG weitreichende Änderungen ihrer Markstruktur für KMUs vor. Der Entry Standard ist abge­schafft, ein neues KMU-Segment mit anderen Rahmenbedingungen eingeführt und Emit­tenten, die innerhalb Frankfurts keinen Wechsel vornehmen, werden in ein Basic Board überführt. Das Basic Board ist für diese Emittenten reserviert – Neuzugänge soll es dort nicht mehr geben.

Das KMU-Segment der Börse München heißt „m:access“. Namensbestandteil ist „access“, also der Zugang zum Kapitalmarkt. Der Zugang und das 2005 einige Monate vor dem Entry Standard eingeführte Segment sind dauerhaft. M:access ist damit kein bloßes Einstiegssegment. Das Attribut „Entry“ zwingt fast dazu, ein solches Umfeld zu verlassen, um nicht dauer­haft als „Einsteiger“ zu gelten. Dagegen haben über 80 Unternehmen m:access als ihren Kapitalmarkzugang genutzt und insgesamt rund 60 Kapitaler­höhungen durchgeführt. Die IPO-Volumina reichen von 1,5 Mio. EUR bis zu 75 Mio. EUR. Die Unternehmen kommen aus allen Branchen und stemmen eine Gesamtmarktkapitalisierung von über 9 Mrd. EUR. Darin sind mit Aurelius, LEW Lechwerke und Sedlmayr Grund und Immobilien drei Emittenten mit einer Market Cap größer eine Milliarde. Rund 80% der in m:access notierten Unternehmen weisen eine Bewertung von unter 100 Mio. EUR auf. Konzernweit beschäftigen m:access-Unternehmen 32.000 Mitarbeiter.

Persönlicher Kontakt zählt

Für ein Listing in m:access müssen Unternehmen einen Prospekt bzw. eine Unternehmensdarstellung und einen Jahresabschluss als Kapitalgesellschaft vorweisen. Das Grundkapital soll mindestens 1 Mio. EUR betragen. Als Antragsteller und Emissionsbegleiter fungiert ein Emissionsexperte – an der Börse München sind aktuell 19 solcher Kapitalmarktprofis zugelassen. Sie überwachen das Einhalten von Folgepflichten und stehen den Emitten­ten mit Rat und Tat in allen Fragen des Kapitalmarktes zur Verfügung. Neben den neuen gesetzlichen Pflichten der Marktmissbrauchsverordnung (Ad-hoc Mitteilung, Meldung von Directors‘ Dealings und Führung von Insiderlisten) bestehen nur wenige ergänzende Transparenzanforderungen. Wichtig ist, dass die Emittenten außerhalb der Hauptver­sammlung sich mindestens einmal im Jahr Investoren und Analysten zeigen und auf Anfor­derung auch One-on-one Gespräche führen. Die Börse München bietet dafür eigene Analystenkonferenzen an, denn die stetige Investorenkommunikation ist essenti­ell.

Bis dato hat die Börse München 64 derartige Konferenzen in München und Frankfurt organisiert – kostenfrei für die Unternehmen. Die in der Regel gut besuchten Veranstaltungen werden vor allem von Analysten und institutionellen Investoren (rd. 50 % der Besucher) und interessierten Privatanlegern (rd. 25 %) genutzt, sowie von Pressevertretern und Emissionsbegleitern. Hier gibt es einige Neuerungen, wie etwa Sektorenkonferenzen, Paneldiskussionen und Roundtable-Gespräche. Selbstverständlich steht Emittenten des ehemaligen Entry Standards der Zugang zu diesen Formaten offen.

Ausblick

Das Feedback aus dem Markt stimmt zuversichtlich, dass das wichtige Ziel einer intensiveren Kapitalmarktfinanzierung für KMU zu erreichen ist. Denn das Nullzinsumfeld ist endlich und die Wachstumsperspektive zahlreicher Unternehmen ungebremst. Dann bleiben die eingangs formulierten Headlines kein Wunsch- und schon gar kein Fiebertraum mehr.