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Trotz der globalen Ausbreitung des Coronavirus zeigte sich der weltweite IPO-Markt laut aktueller EY-Analyse im ersten Quartal in ordentlicher Verfassung: Insgesamt wagten im traditionell wenig aktiven ersten Quartal weltweit 235 Unternehmen den Sprung aufs Parkett –  ein Anstieg von 11% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Interessant: Besonders China liegt sowohl bei der IPO-Anzahl als auch beim Emissionsvolumen vorne – obwohl es zu Coronavirus-bedingten Einschränkungen kam.  

Das Emissionsvolumen kletterte sogar um 89% auf 28,5 Mrd. USD. Trotz der Corona-Krise stieg die weltweit registrierte Zahl der IPOs im Verlauf des ersten Quartals sogar kontinuierlich: von 75 im Januar über 77 im Februar auf 83 im März. Das sind Ergebnisse des aktuellen IPO-Barometers des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY.

Der Grund für das Plus ist der IPO-Markt in Asien: 68%  aller weltweiten Börsengänge im ersten Quartal fanden in Asien – besonders in Shanghai und dem Juniormarkt STAR – statt. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg die Zahl der Börsengänge an asiatischen Börsenplätzen um 13% auf 159, das Emissionsvolumen hat sich auf 18,1 Mrd. USD sogar verdoppelt.

IPO Barometer Q1 2020. Quelle: EY.
IPO Barometer Q1 2020. Quelle: EY.

In Europa und den USA gab es in der zweiten Hälfte des Monats März nur noch einen einzigen Börsengang – das IPO des schwedischen Medizintechnik-Unternehmens Monivent. „In den westlichen Märkten geriet der IPO Markt gegen Ende des ersten Quartals ins Stocken. Die Corona-Pandemie in dieser Geschwindigkeit und Dimension kam für die allermeisten Marktteilnehmer ziemlich überraschend“, stellt Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland, fest. „Es herrschte lange die Erwartung, dass die Auswirkungen auf Asien beschränkt sein würden. Zudem sorgte nicht zuletzt die Entspannung im US-chinesischen Handelsstreit für Rekordstände an den internationalen Börsen – entsprechend positiv entwickelten sich die IPO-Märkte zu Jahresbeginn.“

China ist vorne – trotz Corona-Einschränkungen

Bemerkenswert ist, dass China trotz der starken Ausbreitung des Virus und teils massiver Beschränkungen des öffentlichen Lebens im ersten Quartal weiterhin der aktivste IPO-Markt weltweit war: Insgesamt 90 Börsengänge wurden in China (einschließlich Hongkong) gezählt – 23 mehr als im Vorjahreszeitraum. In den USA lagen die Aktivitäten mit 24 Transaktionen auf dem Vorjahresniveau, in Europa sank die Zahl der Börsengänge von 24 auf 18.

Auch beim Emissionsvolumen hatte China im ersten Quartal die Nase vorn: Insgesamt sammelten die Neulinge an den chinesischen Börsen 13,2 Mrd. USD ein – etwa doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. In den USA kletterte das Emissionsvolumen immerhin um 39% auf 7,3 Mrd. USD, in Europa lag es bei 1,2 Mrd. USD – was gut einer Verdreifachung gegenüber dem sehr schwachen ersten Quartal des Vorjahres entsprach.

Alternative Wege an die Börse

„Der weltweite IPO-Markt war zunächst gut ins Jahr gestartet“, erklärt Dr. Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY. „Die zunehmende Verschärfung der Corona-Krise und die enorme Volatilität an den Börsen bremste die IPO Aktivität aber besonders im stark exportorientierten Europa.“ Einige Unternehmen auch hierzulande standen nach Steinbachs Beobachtung kurz davor, ihre Börsenpläne öffentlich zu machen: „Börsenkandidaten und Investoren wurden von der Zuspitzung der Corona-Krise kalt erwischt. In den kommenden Monaten dürften aber auch in Europa und den USA Unternehmen mit belastbaren Geschäftsmodellen in ausgewählten Sektoren wie Healthcare und Technologie weiterhin den Schritt aufs Parkett wagen“, erwartet Steinbach.

„Alternative Wege an die Börse, die eine Kapitalaufnahme und die Aufnahme der

Dr. Martin Steinbach - Ernst & Young - Head of IPO and Listing Services
Dr. Martin Steinbach

Börsennotiz zeitlich voneinander trennen, dürften jetzt stärker in den Fokus geraten“, erwartet Steinbach. So hat das Tübinger Biotechnologie-Unternehmen Immatics im März öffentlich angekündigt, zunächst mit einem bereits börsennotierten Unternehmen (sog. Special Purpose Akquisition Company – kurz SPAC) zu fusionieren und sich anschließend zum Handel an der Nasdaq zu registrieren. Ein weiterer alternativer Weg sind direkte Notierungsaufnahmen, sogenannte Direct Listings, die gerade Technologieunternehmen öfter in Erwägung ziehen. „Die Ziele dabei sind, für bereits bestehende Investoren einen liquiden Markt zu schaffen und Investitionen in die Börsenfitness zu sichern. Die Kapitalaufnahme erfolgt dabei zeitlich getrennt vor oder nach dem Börsengang“, so Steinbach.

Möglicherweise öffne sich in der zweiten Jahreshälfte das IPO-Fenster wieder, prognostiziert Steinbach. gleichermaßen betroffen sind. „Einige Branchen – etwa der Gesundheitssektor – geraten gerade jetzt wieder stärker in den Fokus der Investoren.“

Größtes IPO in China

Nachdem im Vorjahreszeitraum weltweit kein einziger Deal oberhalb der 1-Milliarde-Grenze gezählt worden war, gab es im ersten Quartal dieses Jahres immerhin sechs derart große Transaktionen. Der weltweit größte Börsengang im ersten Quartal war das IPO des chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahnbetreibers Beijing-Shanghai High Speed Railway, das im Januar 4,4 Mrd. USD einbrachte. Die zweitgrößte Transaktion fand ebenfalls im Januar in Thailand statt: Der Einzelhändler und Shopping-Mall-Betreiber CRC erlöste bei seinem Börsendebüt 2,3 Mrd. USD. Der US-amerikanische Arzneimittelentwickler PPD erzielte im Februar ein Emissionsvolumen von 1,9 Mrd. USD. Die größte Transaktion in Europa war der Börsengang von Calisen, einem britischen Hersteller intelligenter Stromzähler mit einem Volumen von 436 Mio. USD. In Deutschland gab es im ersten Quartal keinen Börsengang.

 

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redaktionsleitern Kapitalmarktmedien bei der GoingPublic Media AG. Ihre Schwerpunktbereiche liegen bei Themen rund um IPOs, Investor Relations, Unternehmensfinanzierung und den Kapitalmärkten in Österreich und der Schweiz.