Das Softwareunternehmen weclapp, eine Tochter der börsennotierten 3UHolding, wird bereits seit einiger Zeit als Börsenkandidat gehandelt. Wir sprachen mit Gründer und CEO Ertan Özdil u.a. über die konkreteren IPO-Pläne, den Wachstumsmarkt von ERP- und Cloud-Systemen sowie die weiteren Expansionspläne.

GoingPublic: Herr Özdil, wie hat die Geschichte mit weclapp überhaupt angefangen?

Özdil: Als ich das Unternehmen vor elf Jahren gegründet habe, hatte ich die Vision, ein ERP-System für die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen zu schaffen. Zu dieser Zeit wussten wir bereits, dass sich die Technologielandschaft enorm verändern wird. Die Entwicklung hin zu cloudbasierten Systemen hat sich damals bereits deutlich abgezeichnet. Mit unserem Finanzinvestor 3U Holding hatten wir von Beginn an einen starken Partner an der Seite. Das waren ziemlich spannende Zeiten, denn in den ersten fünf Jahren haben wir mit unseren internationalen Teams in Indien, Vietnam und der Zentrale in Deutschland ausschließlich nur entwickelt. Und das Angebot war seit dem Marktstart sofort sehr begehrt: Wir sind ununterbrochen gewachsen. Wir haben den Nerv der Zeit getroffen und ein Produkt geschaffen, auf das die Kunden gewartet haben.

Ertan Özdil, CEO & Gründer weclapp
Ertan Özdil, CEO & Gründer weclapp, blickt optimistisch in die Zukunft. Foto: weclapp GmbH.
Was genau zeichnet Ihre Plattform aus?

Wir haben ein Produkt für den Weltmarkt kreiert. Wir setzen unseren Schwerpunkt auf Materialwirtschaft und nicht auf Finanzbuchhaltung, wie viele andere ERP-System-Anbieter. Das hat den Vorteil, dass wir uns nicht mit deren länderspezifischen Regularien auseinandersetzen müssen. Derzeit haben wir einen Kundenstamm aus über 35 Ländern und das bei mehr als 60 Mitarbeitern sowie 15.000 aktiven Usern pro Tag. Es treibt uns enorm an und macht uns extrem Spaß, Menschen aus der ganzen Welt für unser ERP-System zu begeistern. Unsere hoch qualifizierten, jungen und agilen Mitarbeiter haben das Verständnis für Cloud-Systeme gänzlich verinnerlicht. Unser User Interface ist dabei gerade für jüngere Menschen ansprechend – für Gründer, Manager, Beschäftigte gleichermaßen: Facebook-Like, intuitiv – und das Wichtigste: man kann von überall auf der Welt von jedem Endgerät aus mit unserem System arbeiten.

Um ein konkreteres Bild vom Markt zu bekommen: Wer sind Ihre direkten Wettbewerber?

In Deutschland gibt es sehr wenige vergleichbare Wettbewerber. Einer ist z.B. die Bonner Scopevisio AG, die aber schwerpunktmäßig auf Finanzbuchhaltung spezialisiert ist. Globale, größere Wettbewerber sind z.B. Sage oder Microsoft Dynamics. Viele Wettbewerber haben aber kein vollumfängliches Cloud-ERP-System, so wie wir es anbieten. Wir hatten enormes Glück, dass wir das System auf der grünen Wiese aufbauen konnten. Anbieter, die diesen Weg gegangen sind, sind insbesondere im europäischen Raum sehr selten. Die Anzahl echter Cloud-ERP-System-Anbieter ist demnach sehr überschaubar.

Bereits seit längerer Zeit wird weclapp als Börsenkandidat auf unserer GoingPublic-Watlichst aufgeführt. Wie konkret sind die Börsenpläne inzwischen?

Unser Ziel ist es, 2020 an die Börse zu gehen: Darauf arbeiten wir mit voller Kraft hin. Wir sind aktuell auf einem guten Weg und optimistisch, dass es klappt nächstes Jahr. Auch das Interesse der Investoren ist hoch. In erster Linie wollen wir mit dem IPO unser internationales Wachstum ausbauen, um zum globalen, führenden Anbieter cloudbasierter Softwarelösungen für den Mittelstand zu werden. Und auch dieser Ehrgeiz, dieser Schwung zeichnet uns vor unserem Wettbewerb aus. Derzeit sind die 3U Holding mit 75% und ich weiterhin mit 25% beteiligt. Wir wollen zum Börsengang keine Anteile abgeben. Vorbörslich soll eine Kapitalerhöhung für einen Ankerinvestor durchgeführt werden, um anstehende Übernahmen realisieren zu können. Die Aktien für den IPO werden dann aus einer Kapitalerhöhung stammen. Sie sehen also: Die Pläne sind durchaus konkret.

Viele nutzen den Kapitalmarkt, um weitere Unternehmen zuzukaufen. Wäre eine solche Buy-and-Build-Strategie denkbar für Sie?                    

Wir sind kein Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen, weshalb wir natürlich keine Mega- Deals über die Bühne bringen können. Aber es ist eine präzise strategische Überlegung, ein bis zwei Übernahmen möglichst noch vorbörslich zu stemmen. Das kann ein Wettbewerber sein oder aber auch Unternehmen, deren Kundenstämme für uns interessant sein könnten.

Wie aufgeschlossen sind denn insbesondere deutsche KMUs hinsichtlich Cloud-Computing? Vielen Mittelständler wird ja nachgesagt, nicht sehr innovativ zu sein im Hinblick auf Digitalisierung.

Das können wir aus unserer Erfahrung nicht bestätigen. Cloudbasierte ERP-Systeme sind mittlerweile auch im Mittelstand angekommen, selbst wenn dort Unternehmenslenker der älteren Generation agieren. Auch diese Unternehmen merken zusehends, dass die Welt sich verändert hat. Die neue Welt möchte Standard-ERP-Systeme, bei denen es z.B. keine Updatekosten gibt. Bei unserem System funktionieren die Innovationszyklen viel einfacher und schneller als bei nicht-standardisierten, komplexeren Systemen. Das haben auch viele traditionelle Mittelständler inzwischen erkannt, weshalb wir da natürlich auch einen großen Wachstumsmarkt sehen.

Wo liegt Ihr Alleinstellungsmerkmal?

Wir haben eine einzigartige Plattform entwickelt, die maximal skalierbar ist. Unser System ist zudem für eine Vielzahl von Nutzern geeignet. Außerdem wird die Offenheit unseres Systems von den Kunden sehr geschätzt. So gibt es einen eigenen Community-Store, bei dem Partner ihre Produkte platzieren können, die sie zur Ergänzung und Bereicherung des weclapp-Systems entwickelt haben. Das bieten die wenigsten Cloud-Anbieter in der Form an.

Und wo besteht das größte Einzelrisiko Ihrer Unternehmung?

Das größte Risiko liegt im Fachkräftemangel. Es ist nicht einfach, kreative Mitarbeiter zu finden. Das Positive aber ist, dass wir von Anfang an eine attraktive Arbeitgebermarke aufgebaut haben. Um ein Bespiel zu nennen: Einer unserer ehemaligen Werkstudenten hatte die Wahl, nach dem Studium zu einem internationalen Großkonzern zu wechseln, hat sich aber letztlich für uns an unserem Standort in Kitzingen entschieden. Wir sind also auf einen richtigen Weg, auch künftig kompetente Mitarbeiter zu binden und dem Fachkräftemangel zu trotzen. Dadurch wird dieses Einzelrisiko eingedämmt.

GoingPublic: Herr Özdil, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für den Börsengang – wahrscheinlich ja im nächsten Jahr.

Das Interview führte Svenja Liebig

Fotoquelle im Beitrag: www.instagram.com/teamweclapp

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redakteurin des GoingPublic Magazins sowie verantwortlich für goingpublic.de