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Bildnachweis: ©Romain TALON – stock.adobe.com, Workiva.

Als die EU-Offenlegungsverordnung Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR), die nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzsektor fordert, am 10. März in Kraft trat, mag das vielen Unternehmen entgangen sein. Schließlich gilt die Regelung auf den ersten Blick nur für Finanzmarktteilnehmer (Vermögensverwalter, Pensionskassen, Versicherungen etc.) und Finanzberater (Beratung zu Geldanlagen oder Versicherungen). Sieht man sich die Verordnung aber genauer an, werden die Auswirkungen auf Unternehmen aller Art in der EU und in Großbritannien deutlich.

Einfach gesagt zielt SFDR darauf ab, Finanzinvestitionen in nachhaltigere Unternehmen zu lenken. Zu diesem Zweck schreibt die Verordnung vor, dass Finanzmarktteilnehmer und -berater in allen Anlageempfehlungen Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) offenlegen.

Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern konnten am 10. März mit der Bewertung der wichtigsten nachteiligen Auswirkungen (Principal Adverse Impacts, PAI) auf die Nachhaltigkeit beginnen und müssen dies bis zum 30. Juni erledigen. Marktteilnehmer und Berater müssen offenlegen, wie sie PAIs betrachten und Richtlinien zur Integration von Nachhaltigkeitsrisiken erstellen, wenn es um ihre Anlageentscheidungen oder Finanzberatung in Europa geht.

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Unternehmen die Grundlage des Kapitals entziehen

Es stellt sich die Frage: Warum hat die EU die Unternehmen nicht direkt reguliert, um sie zu nachhaltigerem Handeln zu ermutigen, sondern reguliert Investmentgesellschaften?

Die Regulierungsbehörden der EU sind besonders geschickt darin, eines der schwierigsten Probleme im Zusammenhang mit der ESG-Offenlegung anzugehen, ohne direktere Anforderungen an Unternehmen zu erlassen: die Wesentlichkeit. Indem Investment-Firmen verpflichtet werden, die ESG-Faktoren offenlegen, die sie in ihren Anlageempfehlungen berücksichtigen, lenken sie das Kapital in Richtung der Unternehmen, die nachhaltig arbeiten, und weg von denen, die dies nicht umsetzen oder zumindest nicht durch eine umfassende ESG-Berichterstattung nachweisen können.

Der anfängliche Fokus auf den Finanzsektor wird schließlich dazu führen, dass sich die ESG-Berichterstattung auf alle Branchen ausweitet und damit hoffentlich auch das Greenwashing ein Ende hat.

Selektive Nachhaltigkeitsberichterstattung durch unwiderlegbare Daten ersetzen

Aktuelle Nachhaltigkeitsberichte sind oft der Gipfel des raffinierten und selektiven Unternehmens-Storytellings. Hochglänzende „grün gewaschene“ Publikationen und Websites voller lächelnder Menschen, üppiger grüner Wälder und gemeinnütziger Aktivitäten sind typisch dafür. Diese zeichnen jedoch oft ein unvollständiges, wenn nicht sogar verzerrtes Bild der Bemühungen eines Unternehmens. So ist es eine Sache, eine gesunde geschlechtsspezifische Vielfalt zu präsentieren – ein damit verbundenes und signifikantes geschlechterspezifisches Lohngefälle nicht aufzudecken, ist dagegen, milde ausgedrückt, einfach nur irreführend.

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung muss sich schnell weiterentwickeln. Eine echte ESG-Berichterstattung beruht auf Daten und ist transparent, unwiderlegbar und überprüfbar. Wenn jedoch Beteiligte aller Art – einschließlich einer zunehmenden Anzahl von Verbrauchern – Nachweise für nicht finanzielle Faktoren von Unternehmen sehen wollen, in die sie ihr hart verdientes Geld investieren, ist die Genauigkeit, die bei der ESG-Berichterstattung erforderlich ist, genauso entscheidend, wie jene, die für die Finanzberichterstattung angewendet wird. Und hier liegt die Herausforderung, die viele Unternehmen noch nicht angemessen angehen.

Berichterstattung jenseits der Bilanz

Die Berichterstattung über nicht finanzielle ESG-Aspekte bedeutet naturgemäß, dass sich die erforderlichen Daten an zahlreichen Standorten im gesamten Unternehmen befinden. Dies betrifft spezielle Systeme bis hin zu Dateien und Ordnern, die sich auf den Rechnern und Schreibtischen der Mitarbeiter befinden. Hinzu kommt noch die Fülle von ESG-Erfassungsmethoden, Frameworks, Richtlinien, Protokollen, Rankings, Indizes und Standards – und die Komplexität der ESG-Berichterstattung wird deutlich.

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Das Sammeln und Aggregieren dieser Daten ist eine enorme Herausforderung und untergräbt einige der Grundprinzipien einer effektiven ESG-Berichterstattung, nämlich die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Daten. Wenn eigenständige Desktop-Tools zum Sammeln, Speichern und Freigeben von Daten verwendet werden, gehen Prüfpfade, Transparenz und die Fähigkeit, Daten zu überprüfen, verloren.

Abgesehen von den Auswirkungen auf die Wirksamkeit der Daten ist das Arbeiten in Silos das Gegenteil der Kooperation, auf der ESG basieren muss. Die Zusammenarbeit muss zunehmend zwischen der Abteilung für Nachhaltigkeit und dem CFO erfolgen.

Es handelt sich um einen neuen Bereich, der sich nicht mit veralteten Tools verwalten lässt. Angesichts des immer höheren Aufwands, den die ESG-Berichterstattung an Aufsichtsbehörden, Investoren und andere Interessengruppen darstellt, ist die Transparenz von Prozessen und Prüfungen von größter Bedeutung. Dieselbe Strenge und dieselben Instrumente, die sich bei der Berichterstattung über Finanzinformationen bewährt haben, müssen auch auf die nicht finanziellen Faktoren der ESG angewendet werden.

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Gelegenheit, vorne mit dabei zu sein

Kaum jemand zweifelt noch an den Auswirkungen von ESG-Problemen auf die Weltbevölkerung insgesamt. Wie sich aber dieselben Themen auf den Wert eines einzelnen Unternehmens auswirken, das zu ESG-Problemen beiträgt oder von diesen betroffen ist, lässt sich erheblich schwieriger ermitteln.

Um die Wesentlichkeit der ESG-Angaben bedeutender zu machen, haben die europäischen Regulierungsbehörden diese Entscheidung zunächst teilweise auf die Finanzmärkte verlagert. Damit haben sie jedoch die Offenlegung von ESG für Unternehmen zunehmend von Belang gemacht. Denn die Kapitalmärkte werden nun dazu verpflichtet, diese Maßnahmen bei ihren Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen.

SFDR wird dazu beitragen, die Verpflichtung zu aussagekräftigen Nachhaltigkeitsangaben in allen Branchen in der EU weiter voranzutreiben. Es ist ein ehrgeiziges Programm, das ESG-Angaben in vielen Bereichen in den Mittelpunkt rückt. Finanzdienstleister sind dabei nur der Ausgangspunkt. Unternehmen sollten diese Richtlinie begrüßen.

Über Bart van Praag:
Als General Manager für die Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA) verantwortet Bart van Praag die Bereiche Markteinführung, Technologievertrieb und Geschäftsentwicklung sowie die Expansion in neue Märkte in der EMEA-Region für Workiva. Zuvor war Herr van Praag President und Chief Executive Officer bei Dovetail Integrated Systems, einer Technologieplattform zur Transformation der Zukunft der Beschaffung von Biologika.