Deutschland ist ja bekanntlich kein klassisches Aktienland. Zeichnen sich hier Änderungen ab?

Walchshofer: In Deutschland liegt der Fokus nach wie vor sehr stark auf Finanzierungen über klassische Bankkredite, was in erster Linie historisch bedingt ist. Die erhöhte Nachfrage nach Aktien ist und wird auch in der Zukunft nicht in dem Umfang vorhanden sein wie im angelsächsischen Raum. Obwohl bekannt ist, dass eine Eigenkapitalfinanzierung viele Vorteile mit sich bringt.

Bommer: Ich erwarte in Hinsicht auf die hiesige Aktienkultur leider ebenfalls keine drastischen Verbesserungen. Das Risikobewusstsein und das Unternehmertum sind hierzulande nicht so stark ausgeprägt wie in den USA. Allein schon die Kultur des Scheiterns in der Unternehmerwelt ist in Deutsch- land eine ganz andere als in angelsächsischen Ländern. Hier gilt das Scheitern meist noch als Makel. Wir beobachten jedoch auch, dass sich das Bewusstsein der Eigenkapitalfinanzierung stark ändert. Viele Unternehmen nutzen vermehrt Eigenkapitalmittel. Im Bereich Finanzkommunikation beobachten wir zunehmend eine engere Verschmelzung zwischen Eigenkapital- und Fremdkapitalgebern. IR- und Finanzabteilungen gehen heutzutage gemeinsam auf Roadshow, was es vor mehr als zehn Jahren noch nicht gegeben hat. Dennoch bleibt die Fremdkapitalfinanzierung dominierend in Deutschland.

Wie kommt es zu diesen starken Verschmelzungen von IR- und Treasury- Abteilungen?

Bommer: In den letzten Jahren hat man sich viel stärker die Unterschiede verinnerlicht: Zum Beispiel bevorzugen Eigenkapitalgeber Dividenden, Fremdkapitalgeber eher nicht. Neben den Unterschieden gibt es aber auch viele Gemeinsamkeiten. So werden in der Regel die gleichen Investoren angesprochen. Den Investoren wird also eine kohärente Kapitalmarktstory aus einer Hand erzählt. Wir reden beim DIRK deshalb auch nicht mehr von der Equity Story, sondern von der Kapitalmarktstory. Unternehmen von heute müssen viel verflochtener mit ihren Stakeholdern kommunizieren als noch vor ein paar Jahren.

Walchshofer: Fremd- und Eigenkapital- verantwortliche müssen in einem Unternehmen allein schon deshalb eng zusammen- arbeiten, um die Kapitalausstattung nicht zu belasten. Wird die Investorenkommunikation auf Equity-Seite nicht beherrscht, sodass weniger Eigenkapitalgeber zur Verfügung stehen, steigen auch automatisch die Fremd- kapitalkosten. Dies wirkt sich wiederum langfristig negativ auf die Bilanz aus. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche. Daran wird deutlich, dass die einzelnen Abteilungen wie Zahnräder ineinandergreifen und funktionieren müssen.

Wie kann man Unternehmen noch stärker dazu animieren, vernünftige Creditor Relations zu betreiben? Besonders KMU tun sich da ja aufgrund ihrer Größe sicher- lich schwerer …

Bommer: Erstmal sollte das Bewusstsein dafür geschaffen werden, was ein ganz wichtiger Punkt ist. In einem zweiten Schritt sollten die Ressourcen entsprechend aufgebaut werden. Weiterbildungsmaßnahmen etwa können dabei ungemein helfen.

Walchshofer: Neben sehr vielen positiven Ausnahmen gibt es besonders bei KMU, die häufig nicht börsennotiert sind, noch viel Nachholbedarf. Bei vielen hat sich zudem der Eindruck verfestigt, dass eigenständige Creditor Relations-Abteilungen etwas sind, was lediglich für die Außenwahrnehmung gebraucht wird, aber nur unnötig Geld kostet. Diese Auffassung ist leider nicht richtig: Denn Creditor Relations sind in erster Linie ein Tool zur strategischen Geschäftsentwicklung, welche sich später ganz stark und mess- bar in den Zahlen niederschlägt.

Herr Bommer, Herr  Walchshofer,  vielen Dank für das Gespräch.

Kay Bommer (Rechtsanwalt, MBA) ist – mit einer Unterbrechung von 2011 bis 2012 – seit 2001 Geschäftsführer des DIRK. Dr. Markus Walchshofer berät Unternehmen bei der effizienten Beschaffung von Fremdkapital.

Das Interview führte Svenja Liebig und erschien in der Dezember-Ausgabe des GoingPublic Magazins (Vorabdruck zum Deutschen Eigenkapitalforum – die Hauptausgabe erscheint Anfang Dezember)

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redaktionsleitern Kapitalmarktmedien bei der GoingPublic Media AG. Ihre Schwerpunktbereiche liegen bei Themen rund um IPOs, Investor Relations, Unternehmensfinanzierung und den Kapitalmärkten in Österreich und der Schweiz.