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Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Börsengänge von Life Science-Unternehmen weltweit zurückgegangen. Mit Curetis wagte nur ein einziges deutsches Biotech-Unternehmen den Sprung aufs Parkett. Die Brain AG, ein Unternehmen der „weißen“ Biotechnologie, folgte im Januar. Das Börsenfenster ist noch geöffnet – doch wer mag hindurch springen?

 

Vielleicht ist es einfach ein Stöhnen auf hohem Niveau: Nach den IPO-Boomjahren 2013 und 2014 sank die Zahl der Biotech-Börsengänge in den USA im vergangenen Jahr laut aktuellem Biotech-Report von EY auf 45 (2014: 63). Insgesamt beläuft sich die Zahl der Biotech-IPOs in den USA zwischen 2013 und 2015 auf 149, in Europa waren es im selben Zeitraum immerhin 74. Zusammen genommen belief sich das Kapitalvolumen dabei auf rund 15,5 Mrd. USD. Dabei ist es nur natürlich, wenn zum neuen Jahr hin ein wenig die Luft aus der Sache ist – möchte man meinen. Vor allem „Cross-over“ und „Public Investors“ sehen laut EY ihre Pipelines inzwischen mehr als gefüllt.

Interessanter Aspekt
Im vergangenen Jahr hat die Marktreife der Börsenkandidaten im Vergleich zu den Vorjahren merklich abgenommen. So hat sich der Anteil der Firmen, die sich entweder in Phase I oder sogar noch in der Präklinik befinden, von 14 auf 30% mehr als verdoppelt. Salopp gedacht, mag dieser Trend darin begründet sein, dass kaum mehr „reifere“ Unternehmen für einen geplanten Börsengang zur Verfügung standen. Oder wollten Investoren noch ein schnelles Stück von der Torte, bevor die Party zu Ende ging?

Cover klein EY

Trotzdem gilt auch weiterhin, dass jene Unternehmen bessere Börsenchancen besitzen, je weiter die strategische Entwicklung fortgeschritten ist, inklusive signifikanter Umsätze und einer gesicherten Produktpipeline. Für IPO-Kandidaten in Deutschland braucht es aber wohl auch mutige Investoren, die nicht ausschließlich in Unternehmen investieren, welche die Bezeichnung „.com“ im Namen führen oder dem Segment „Industrie 4.0“ zuzuordnen sind. Eigentlich schade, denn es gibt einerseits genug Kapital, das für Investitionen zur Verfügung stünde und ob der Qualifikation des wissenschaftlichen (und wirtschaftlichen) Personals herrscht hierzulande übergreifende Einigkeit.

Farbenlehre

Je höher das „Blockbusterpotenzial“ desto größer die Chance auf’s Hochglanz-Parkett. Dabei werden der „roten“ Biotechnologie, also der Arzneimittelentwicklung, weiterhin die lukrativsten Möglichkeiten eingeräumt. Betrachtet man die Biotech-IPOs in Europa, so befanden sich darunter im vergangenen Jahr hauptsächlich (noch) Indikationen für v.a. Krebsbehandlungen, aber auch Neurologie, Stoffwechsel-, Autoimmun- oder Atemwegserkrankungen. Aktuell verschieben sich die Relationen mehr hin zur Diagnostik, wie Dr. Siegfried Bialojan, Leiter des EY-Lifescience-Teams, zu berichten weiß. Er präsentierte die EY-Studie ‚Biotech-Report Deutschland 2015‘ vergangen Dienstag in Frankfurt – hier eine Zusammenfassung

Dr Siegfried Bialojan, EY
Dr Siegfried Bialojan, EY

Übrigens, der vermeintliche Zwist über den besten Börsenplatz wird wohl auch in diesem Jahr seine Fortsetzung finden. Interessant ist allerdings, dass die Nasdaq scheinbar ein bisschen an Reiz eingebüßt hat, im Gegenzug konnte sich die Euronext absetzen. So wagten 2015 lediglich vier europäische Biotech-Firmen ihr IPO an der Nasdaq, hingegen zehn an der Euronext. Und die Deutsche Börse in Frankfurt?

Enthusiasten feierten den Börsengang von Brain als Beleg, dass ein Biotech-IPO auch in Deutschland möglich sei- und führten sogleich und nicht zu Unrecht mannigfaltige Vorteile auf, etwa die Vorteile der heimischen Rechtsanwendung oder die bessere Einschätzung der Haftungsrisiken, ganz abgesehen vom Wegfall der Zeitverschiebungen und der damit verbundenen Auseinandersetzungen um Erreichbarkeiten oder Pflichtveröffentlichungen. Und doch sollte an dieser Stelle kurz inne gehalten werden: Denn Börsen- oder Anlegerverhalten ist auch immer eine Frage der Mentalität. Und diese mit einigen, wenn auch richtigen, Argumenten kurzfristig in andere Bahnen zu lenken, fällt schwer. Der deutsche Anleger, ob privat, öffentlich oder institutionell, tut sich eben schwer mit risikoreicher Arzneimittelentwicklung. Da „ticken“ seine (außer-)europäischen Äquivalente traditionell, egal ob in Paris, Amsterdam oder New York, doch etwas anders.

Ein angenehmes Lüftchen

Der Rückgang der Biotech-IPOs im vergangenen Jahr lässt sich mit einfachen Argumenten begründen. Viele Investoren scheinen erst einmal „satt“ zu sein. Doch sicher gilt: Die nächste Mahlzeit kommt bestimmt. Erst einmal sind die Unternehmen selbst in der Pflicht, die Marktreife ihrer Produkte und Technologien unter Beweis zu stellen. Bis dahin mag der Sturm vorbei sein, doch es wehr ein angenehmes Lüftchen.

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