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In der letzten Woche war es wieder so weit: Die Vertreter der deutschen Biotechnologie, ob rot, weiß oder grün und sogar blau, traf sich in Hannover zum achten Mal zum regen Erfahrungsaustausch. Das wichtigste Forum für die deutsche Biotechnologiebranche zog auch dieses Jahr wieder weit über 800 Teilnehmer an. Das zweitägige Programm bildete die große Bandbreite biotechnologischer Forschung und Anwendung in zahlreichen Symposien und Plenen ab.

160 Referenten diskutierten Rahmenbedingungen und präsentierten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie Anwendungen aus der medizinischen und industriellen Biotechnologie mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Industrie, Forschung, Presse, Politik und Verwaltung.

Gröhe: Viele Menschen hoffen auf Durchbrüche

Prominenter Gastredner war Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Er informierte sich bei einem Besuch der Ausstellung über neueste biotechnologische Produkte und Dienstleistungen in der industriellen Gesundheitswirtschaft. In seiner Ansprache betonte der Minister den wichtigen Beitrag der Biotechnologie für die medizinische Forschung und Entwicklung sowie für Diagnostik und Arzneimittelversorgung. Er sagte: „Die Menschen in unserem Land vertrauen zu Recht auf die gute Gesundheits- und Arzneimittelversorgung in Deutschland. Dies verdanken wir auch einer forschungs- und entwicklungsfreudigen Biotechnologieindustrie. Bereits heute stammt jedes fünfte neu zugelassene Medikament aus der Biotechnologie, 20 Prozent des Arzneimittelumsatzes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entfallen inzwischen auf gentechnologisch hergestellte Medikamente. Gleichzeitig sind an die Branche hohe Erwartungen geknüpft. Viele Menschen hoffen auf Durchbrüche im Kampf gegen Krebs oder Alzheimer.“

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: "An die Branche sind hohe Erwartungen geknüpft." Foto: BIO Deutschland
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: „An die Branche sind hohe Erwartungen geknüpft.“ Foto: BIO Deutschland

Gröhe versprach weiterhin, dass Patientinnen und Patienten auch in Zukunft schnell Zugang zu neuen, wirksameren Arzneimitteln erhalten und Deutschland als Standort für Forschung und Produktion hochwertiger Arzneimittel zu stärken. So soll das neu Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz dafür sorgen, dass Arzneimittel mit einem zusätzlichen Nutzen für Patientinnen und Patienten schnell den Weg in die Versorgung finden. Warten wir es ab!

CRISPR/Cas9: Wann kommt der Mensch an die Reihe?

Kaum ein Thema bewegt die Branche derweil so sehr wie  CRISPR/Cas9. Bislang kannte man das Thema vor allem aus dem Bereich der landwirtschaftlichen Biotechnologie. Doch nicht Wenige fragen sich, wann diese neuartige Methode zum ersten Mal auch beim Menschen Anwendung finden wird. Die Chinesen stehen in dieser Hinsicht schon in den Startlöchern. Bald auch die westliche Welt? Rodger Novak, Geschäftsführer von CRISPR Therapeutics, ging in seinem Impulsvortrag im Eröffnungsplenum auf das große Potenzial der Genom-Editierung in den verschiedenen Sektoren der Biotechnologie ein. Er betonte, dass diese Technologie auch zum nächsten medizinischen Durchbruch beitragen könne. Schon heute gäbe es viele Anfragen betroffener Menschen, die sich durch das Genome-Editing Heilung versprechen. Doch  natürlich wird es, wenn überhaupt, noch viele Jahre dauern, bis dieses Verfahren beim Menschen letztlich Anwendung findet – von den Diskussionen über Ethik und Moral ganz zu schweigen, welche die Einführung von CRISPR/Cas9 beim Menschen ganz sicher begleiten werden. Rodger Novak betonte die große Chance, die in der Entwicklung dieser Technologie liegt: „Es wird viel passieren“, so der Geschäftsführer von CRISPR Therapeutics, der mit seinem Unternehmen im Herbst vergangenen Jahres an die Nasdaq gegangen ist, nicht zuletzt weil der hohe Finanzierungsbedarf für die Forschung und Entwicklung in Europa wohl kaum zu stemmen ist.

Bioökonomie: Ist unsere Volkswirtschaft bereit?

Als ein weiteres spannendes Thema präsentiert sich derzeit auch die Bioökonomie. Hier luden Dr. Steffi Ober von der Forschungswende und Dr. Holger Zinke zum „Zwiegespräch“ – und waren sich doch einiger, als man vorher vermuten durfte.  Zinke betonte die fortschreitende Biologisierung der Wirtschaft und forderte klare Rahmenbedingungen, gerade vor dem Hintergrund einer sich explosionsartig ausufernden Verfügbarkeit von Daten. Wie soll man mit diesen Mengen umgehen? Weiterhin forderte Zinke einen Weggang von der reinen Begriffsdebatte, man müsse sich vielmehr der Größe und Bedeutung der Bioökonomie bewusst werden, die alle Bereiche der Gesellschaft umfasse – und einer Volkswirtschaft, die den Herausforderungen keineswegs gewachsen sei.

Auch Steffi Ober betonte die gesellschaftliche Bedeutung der Debatte um die Bioökonomie. Es sei schließlich auch eine Frage von Missbrauch und Vertrauen. Gleichzeitig forderte sie, man müsse Anreize schaffen, um in Zukunft anders zu wirtschaften. Beispielsweise sei der Ölpreis weiterhin viel zu niedrig, als dass man freiwillig auf die Nutzung dieser Ressource verhindern würde. „Wir lernen Geschichte, aber keine Zukunft“, so Ober. Sie verwies auf die Sorgen vieler Konzerne, aber auch von Arbeitnehmern, vor einem Bedeutungsverlust oder dem Verlust von Arbeitsplätzen durch ein Fortschreiten der Bioökonomie. Kein Zweifel, die Diskussion um die Biologisierung der Wirtschaft, mehr noch, der Gesellschaft, wird weitergehen.