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Die Wirtschaftsberater von EY haben ihren jährlichen Biotechnologie-Report vorgelegt. Die Ergebnisse lösten gemischte Reaktionen aus. Denn die deutsche Biotechbranche ist weiter auf Wachstumskurs, doch der große Sprung bleibt aus: Der Umsatz stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent auf ein neues Rekordhoch von vier Mrd. EUR.

Kapitalerhöhungen über die Börse mit größtem Anteil

Die Biotechunternehmen erhielten zudem eine Rekordfinanzierung in Höhe von insgesamt 627 Mio. EUR – eine Steigerung um mehr als 37% im Vergleich zum Vorjahr. Den größten Anteil daran hatten insbesondere die Kapitalerhöhungen an der Börse, die um knapp 60% auf 340 Mio. EUR zulegten. Dazu gab es zwar erneut nur einen einzigen Börsengang, der allerdings hatte es in sich: Der IPO des Jenaer Unternehmens InflaRx brachte 86 Mio. EUR ein – das war mehr als an Kapital in den beiden Vorjahren zusammen eingespielt wurde.

Weniger Umsatz, weniger Risikokapital

Trotz der positiven Kennzahlen: Die Wachstumsraten im Vorjahr waren beim Umsatz höher. Zudem gelang es erneut nicht, das Risikokapital für Start-ups signifikant zu steigern – es ging sogar leicht von 213 auf 201 Mio. EUR zurück. Auch die Investitionen in Forschung und Entwicklung sanken um drei Prozent auf 1,2 Mrd. EUR.

Mehr Venture Capital im europäischen Ausland

Einen ganz anderen Trend zeigt der internationale Vergleich: In Europa stieg das Venture Capital signifikant um mehr als ein Fünftel auf 2,2 Mrd. EUR. In Frankreich stieg das Risikokapital sogar um 85% auf 250 Mio. EUR, womit sich das Land im Ranking noch vor Deutschland positioniert. Das Vereinigte Königreich mit einer Gesamtsumme von 672 Mio. EUR und die Schweiz mit 450 Mio. EUR sind dem deutschen Venture-Capital-Markt innerhalb der Biotechbranche ohnehin schon lange enteilt. In beiden Ländern wurden auch die Top-Fünf-Finanzierungen in Europa beobachtet, die alleine 25% zur Gesamtsumme beitragen.

Mehr Börsengänge in Europa

Während in Deutschland der Gang aufs Parkett eher die Ausnahme bleibt, legte in Europa auch die Zahl der Börsengänge weiter zu. 27 Börsengänge brachten insgesamt 950 Mio. EUR ein (2016: 650 Mio. EUR).

Dr Siegfried Bialojan, EY: „Es braucht ein ‚Modell Deutschland‘.“ Bild: EY

„Der große Sprung nach vorne bleibt aus“

Der Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Dr. Siegfried Bialojan, wünscht sich von der deutschen Biotechbranche größere Entwicklungsschritte: „Rekordumsätze, Rekordfinanzierung, steigende Mitarbeiterzahlen – die Kennzahlen der Biotechbranche in Deutschland sind numerisch positiv. Das ist erfreulich. Dennoch entspricht dies bei weitem nicht dem tatsächlichen Potenzial der Wissenschaft in Deutschland. Der große Sprung nach vorne bleibt aus. Insbesondere beim Risikokapital gibt es keine Entwicklung nach vorne – im Gegenteil: die Summe ging wieder leicht zurück. Dabei ist es gerade das Venture Capital, das Investorenvertrauen ausdrückt und Zukunftsvisionen honoriert – an beidem mangelt es im internationalen Vergleich.“

Stagnation bei F&E-Investitionen bereitet Sorge

Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland e. V. sagt: „So sehr wir uns über die positive Entwicklung bei Umsatz und Mitarbeiterzahlen freuen, bereitet uns die Stagnation bei den F&E-Investitionen und bei den Unternehmensgründungen Sorge. Biotechnologie steht für Innovation in fast allen Lebensbereichen. Sie ist die Brücke zwischen Biologie und Innovation. Die Innovationsintensität der Biotechnologieunternehmen ist mit 30% noch ausgesprochen hoch. Damit dies so bleibt und die Biotechnologiebranche in Deutschland als weiteres Standbein der Industrie etabliert wird, brauchen wir hier ein gemeinsames Engagement von Politik und Gesellschaft und eine Agenda für die Biotechnologie.“

Breite Verteilung von Finanzierungsrunden und Kapitalerhöhungen

Immerhin blieben Finanzierungsrunden für Biotech-Start-ups hierzulande keine Einzelereignisse mehr, sondern verteilten sich breiter auf mehr Unternehmen. Gleich fünf Unternehmen konnten sich signifikante Finanzierungen von über zehn Mio. EUR sichern. Positiv ist auch die Tatsache, dass inzwischen auch internationale Venture-Capital-Investoren zunehmend in Deutschland aktiv sind.

Gleiches gilt für die Kapitalerhöhungen der börsennotierten Unternehmen. An der Rekordsumme von 340 Mio. EUR partizipierten 15 der 22 notierten Biotechs, die Hälfte aller Kapitalerhöhungsrunden lag zudem bei über zehn Mio. EUR.

Es braucht ein „Modell Deutschland“

„Das breiter verteilte Risikokapital und die hohe Beteiligung an Kapitalerhöhungen zeigt: Die Investoren haben Biotech als Innovationsmotor – auch in Deutschland – auf dem Schirm“, so Bialojan. „Die Betrachtung der Absolutzahlen enttäuscht dennoch. Ein Blick nach Europa oder in die USA zeigt, dass die Dynamik in anderen Ländern viel höher ist.“ Dadurch könne sich die Branche dort auch viel besser auf Veränderungen etwa durch die Digitalisierung der Geschäftsmodelle oder den Wandel der Gesundheitsmärkte einstellen.

„Wenn wir international wieder Anschluss finden wollen, muss ein ‚Modell Deutschland‘ her, das viele gängige Praktiken in Frage stellt und neue Wege geht: dazu gibt die Innovationsgleichung den Weg vor: Innovation ist das Produkt aus Forschung. Unternehmergeist und Kapitalverfügbarkeit

Die Forschungsförderung etwa sei zu projektfokussiert ausgerichtet und setze kaum Anreize für einen professionellen Technologietransfer; ebenso fehlen unternehmerische Incentives für die Entwicklung kommerzieller Anwendungen. Unternehmertum und Risiko hierzulande seien bei weitem nicht so positiv besetzt wie in den USA. Hier brauche es ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, das schon in den Schulen einsetzen muss. Zudem müsse die Kapitalverfügbarkeit verbessert werden – etwa durch Steuervergünstigungen für Anleger in Risikokapitalfonds sein. Insgesamt sei ein Wandel der Innovationskultur in Deutschland erforderlich, so Bialojan.

Nur acht Neugründungen im Jahr 2017

Die Gründungsdynamik in Deutschland ist nach wie vor sehr verhalten: 2017 kamen nur acht neu gemeldete Biotech-Unternehmen hinzu. Insgesamt stieg die Zahl der Unternehmen um sechs auf 647. Zusammen beschäftigten sie 25.927 Mitarbeiter, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 12%.

Kein großer Schub vom M&A-Markt

Auch vom M&A-Markt kam 2017 kein großer Schub für die Branche. Ver- und Zukäufe hielten sich in Deutschland mehr oder weniger die Waage. In Europa und den USA ging das Dealvolumen sogar um 39% auf 61 Mrd. USD zurück. Gründe waren unter anderem die Verunsicherung durch die 2018 in Kraft getretene US-Steuerreform aber auch verhältnismäßig hohe Marktpreise. Hier besteht Hoffnung auf Erholung in 2018.

Allianzen mit Beteiligung deutscher Biotech Firmen stiegen zahlenmäßig zwar auf über 100 Deals an. Die Volumensteigerung auf über 3,5 Mrd. EUR ist allerdings nur durch die beiden großen Deals von CureVac (mit Eli Lilly) und immatics (mit Amgen) zu erklären.

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