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Bildnachweis: (c) Matthias Baus.

CureVac ist, ebenso wie BioNtech, in aller Munde – auch international. Wir sprachen mit Dr. Ingmar Hoerr, Mitgründer und langjähriger Aufsichtsratschef der CureVac AG, Tübingen, über die Anfänge, das dramatische Coronajahr und neue Ideen. Zum Aufwärmen begannen wir mit Fragen zu Musikpräferenzen, Hoerr´s persönlichem „Corona-Helden“ und in welchem Geschäft man ihn als erstes nach möglichen Lockdownlockerungen antrifft. Die Antworten hierauf am Ende des Beitrages.

Plattform Life Sciences: Zur Firmengründung im Jahr 2000 gefragt, bis heute ist ja eine lange Zeit vergangen: War dies im Rückblick betrachtet „zu früh“, die Wissenschaft doch noch gar nicht so weit für den Sprung ins Unternehmen?
Dr. Hoerr: In diesem großen Abstand betrachtet, kann man vielleicht sagen, es war schon früh. Aber: Wenn man gründen möchte, dann sollte man es einfach machen, ja man muss es machen. Gerade aus der Akademie heraus – man muss diesen Sprung wagen. Eine richtige, perfekte Zeit gibt es sowieso nicht.

PLS: Dann kamen 9/11, der Börsencrash, der Zusammenbruch des Neuen Markts … Ein perfektes Timing sähe wohl auch anders aus?
IH: Das war natürlich schwierig, aber wir hatten vom Start weg ein Geschäft, einen Service rund um RNA-Technologie angeboten und damit gleich Kundenkontakt. So hatten wir ständig ein Feedback und auch die Notwendigkeit, vom Start weg zu liefern. Der Kundenkontakt hat uns weiterhin geholfen, das Produkt „RNA“ in den Griff zu bekommen mit Produktion, Aufreinigung … Das hat uns wichtige Synergie geliefert für das erweiterte Geschäftsmodell. Gleichzeitig haben wir vom Start weg das Unternehmen nicht als verlängerte „akademische Gruppe“ aufgezogen, sondern es ging sofort um die passende Unternehmensorganisation, mit Auftragsabwicklung, Lieferung, Finanzkontrolle, Führungs- und Mitarbeiterstruktur, Kommunikation nach innen und außen.

PLS: Nach so einer Gründung und den ersten, eben auch schwierigen Gehversuchen und einem Servicegeschäft: Geht da die größere Vision auch mal verloren – oder wie schafft man es, diese nicht aus den Augen zu verlieren?
IH: Es geht ja parallel. CureVac sollte nie nur ein Dienstleister bleiben. Aber so hatten wir eine gewisse Basis und sind von dort aus losgezogen, um für die große Vision Investoren zu finden. Dort war es am ehesten so, dass die Zeit vielleicht zu früh war, denn ich bin bei vielen VC-Gesellschaften abgeblitzt.

PLS: Woran lag das?
IH: Das mag schon auch an mir gelegen haben. Ich habe beim Pitch vielleicht übertrieben, weil ich so dermaßen von der bahnbrechenden Innovation überzeugt gewesen bin. Ich hatte gehofft, dass sich jemand für meine Vision – für die Revolution, die damit einhergeht – interessiert und dass ich diese Begeisterung übermitteln kann.

„Friedrich von Bohlen und Dietmar Hopp sind Visionäre,
die sich von Ideen anstecken lassen“

PLS: Das hat dann später bei Dr. Friedrich von Bohlen und Halbach sowie Dietmar Hopp ja geklappt!
IH: Ja, aber – damals zumindest – waren die Gespräche mit VC-Gesellschaften doch sehr enttäuschend. Ich denke sogar, dass der Begriff „Risikokapitalgeber“ völlig falsch ist, denn dort wird oft von Beratern, die nie ein Unternehmen selbst gegründet haben, das Geld anderer „verwaltet“. Risiko wird genau vermieden, lieber geht man in Me-too-Ideen hinein, wie die Kollegen aus anderen VCs, um ja nichts zu verpassen. Das sind dann oft Dinge, die passieren eben in Boston, Harvard, Berkeley, aber doch nicht hier in Tübingen vor der eigenen Haustür.

PLS: Nun ist die Geldanlage für andere eben auch etwas anderes, als wenn man das eigene Geld investiert. Man nimmt natürlicherweise mehr Rücksicht und nicht jeder läuft als Unternehmensgründer einem Milliardär in die Arme und kann den auch noch überzeugen.
IH: Schon, aber die Ansprache von Friedrich von Bohlen und Dietmar Hopp, das war ja so gewollt. Die beiden sind Visionäre und sind angesteckt worden, aber sie ließen sich auch anstecken von der CureVac-RNA-Idee. Es ist ja vielleicht genau die Mischung, die vielen anderen reichen Persönlichkeiten in Deutschland fehlt, dass sie jemanden als Fachexperten haben, der die Dinge vorsortiert, bewerten kann – aber dann auch selbst mit ins Risiko geht, also die Vermögensanlage mitgestaltet, nicht nur verwaltet.

PLS: Nun ein großer Schnitt: Schauen wir auf 2020, ein Jahr, in dem plötzlich alles ganz anders gelaufen ist. Wir als Zuschauer haben in diesem Jahr etwa 350.000 Sendeminuten empfangen – falls man den täglichen Acht-Stunden-Schlaf einhält –, in denen es immer und nur um Corona ging. Ein mediales Trommelfeuer. Wie sieht man das als Akteur?
IH: Das hat natürlich eine noch nie gekannte Dimension erreicht, das Coronathema. Diese Dauerbelastung – ich denke auch, dass das nicht ohne Narben abgehen wird. Wir selbst, bei CureVac, wir haben ja auch diese Meldungen aus Wuhan gesehen, da war das noch weit weg. Mir war aber klar, dass das eine irre Chance ist für CureVac als Unternehmen, wenn wir nun alles darauf konzentrieren. Der damalige CEO war noch geprägt von der ursprünglichen Marschrichtung, und die hieß Krebsforschung; er wollte Corona so ein wenig nebenher machen. Deswegen gab es die Trennung – weil die Strategien nicht zusammengepasst haben. Donald Trump hat damit jedenfalls nichts zu tun.

PLS: Aber schon allein in eine Diskussion mit der Trump-Regierung zu geraten, selbst wieder ans Ruder zu gehen, die Bundesregierung als Ankerinvestor zu bekommen, dann aus dem Koma in der Berliner Charité zu erwachen, russische Stimmen zu hören und sich vom KGB entführt zu empfinden – fühlt sich das nicht einfach verrückt an? Wer ist Ihr Ghostwriter für so ein Drehbuch?
IH: Also ich schreibe dazu kein Drehbuch, und Hollywood hat auch noch nicht angerufen. Das Jahr war verrückt, ja. Und es wurde auch zu viel, ich habe mich ja quasi selbst rausgekickt, nach nur wenigen Tagen wieder auf der CEO-Position. Und obwohl ich dann an der Seitenlinie stand und trotzdem auch dort den enormen Druck verspürt habe, bin ich einfach stolz, dass das CureVac-Team dem Plan gefolgt ist: Qualität vor Geschwindigkeit. Das Wichtigste für uns war immer eine gute Temperaturstabilität der RNA, dass man das im Kühlschrank auch in einem afrikanischen oder asiatischen Land mit weniger Infrastruktur stabil lagern kann. Dazu mussten wir mehr Tests machen, immer und immer wieder. Und hier hat uns die frühe CureVac-Zeit geholfen: Für den Kunden muss extrem sauber und mit höchster Qualität gearbeitet werden.

Lesen Sie weiter in unserem e-Magazin: über den Einstieg des Bundes bei CureVac, das Wettrennen der Impfstoffentwickler, den Glamourfaktor eines Elon Musks oder Bill Gates‘, und was es eigentlichmit dieser Kooperation mit Tesla auf sich hat.

 

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