Immer wieder sind Whistleblower massiven Repressalien ausgesetzt. Das könnte sich in Zukunft ändern, denn Hinweisgeber erhalten künftig Rückendeckung von der EU-Kommission und vom Deutschen Bundestag. Damit ist das Thema geschützte Hinweisgebersysteme auch für viele kleinere börsennotierte Gesellschaften, die sich durch die Handlungsempfehlungen des Deutschen Corporate Governance Kodex bisher nicht angesprochen fühlten, aktueller denn je. Moritz Homann, Managing Director Corporate Compliance der EQS Group, erklärt im Gespräch mit GoingPublic, welchen Mehrwert ein geschützter Meldekanal für Unternehmen schafft.

GoingPublic: Herr Homann, es hat sich im letzten Monat einiges getan im Umgang mit Hinweisgebern. Auf europäischer Ebene hat man sich jetzt auf Mindeststandards zu deren Schutz geeinigt. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Homann: Es ist nach langem, zähem Ringen ein Schritt in die richtige Richtung, denn am Ende können beide Seiten profitieren: Die Hinweisgeber, die in der Vergangenheit oft damit leben mussten, dass ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt und sie als Nestbeschmutzer und Denunzianten abgestempelt wurden, erhalten nun einen neuen rechtlichen Status, der sie vor Mobbing sowie arbeits- und strafrechtlichen Konsequenzen bewahren soll – aber auch für die Unternehmen ist es wichtig, frühzeitig von Gesetzesverstößen und Missständen zu erfahren. Richtig umgesetzt können die neuen Regelungen zu einer Win-win-Situation führen.

Moritz Homann, EQS
Moritz Homann, EQS

Es müssen in Zukunft interne Meldekanäle angeboten werden. Allerdings wird es den Whistleblowern durch die neuen EU-Regelungen auch einfacher gemacht, Missstände direkt nach draußen zu melden, also an Medien oder Behörden.

Das stimmt, und es ist auch absolut richtig, diese Möglichkeit einzuräumen. In einem Konzern, in dem Führungskräfte beispielsweise in ein Korruptionsgeflecht verwickelt sind, bleibt einem Hinweisgeber ja unter Umständen keine andere Wahl. Er oder sie würde sich bei einer internen Meldung unter Umständen sogar selbst in Gefahr bringen – oder der Missstand wird einfach totgeschwiegen. Für das Management ist es deshalb wichtig, die Sinne der Mitarbeiter für ein ethisches und verantwortungsvolles Handeln zu schärfen, um die Hinweise möglichst intern zu erhalten und so finanzielle Risiken oder Reputationsschäden zu vermeiden.

Und wie sieht es mit dem Hinweisgeberschutz in Deutschland aus?

Auch hier sind Fortschritte erkennbar. Zwar gibt es weiterhin kein explizites Whistleblower-Schutzgesetz. Doch es setzt sich immer mehr ein Bewusstsein für den Nutzen von Hinweisgebern und deren besonderes Schutzbedürfnis durch. So wurde das Geschäftsgeheimnisgesetz noch einmal nachgebessert und Ende März vom Bundestag verabschiedet – mit einer Ausnahmeklausel für Journalisten und Whistleblower, die im ersten Entwurf nicht vorgesehen war. Im Sinne einer verantwortungsvollen Unternehmensführung fordert der Deutsche Corporate Governance Kodex von börsennotierten Gesellschaften ja bereits seit einiger Zeit, Beschäftigten auf geeignete Weise die Möglichkeit einzuräumen, geschützt Hinweise auf Rechtsverstöße zu geben.