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Dr. Sven Janssen, Head of Capital Markets, Close Brothers Seydler Bank AG

Mit mehr als 90% aller Unternehmen in Deutschland bildet der Mittelstand das Rückgrat unserer Wirtschaft. Bei vielen dieser kleinen und mittleren Firmen fällt der Eigentum sowie die Leitung des Unternehmens zusammen. So sind es oft Familien, denen das Unternehmen gehört und die auch Mitglieder in der Unternehmensführung stellen. Damit grenzen sich viele dieser Familienunternehmen deutlich von Publikumsgesellschaften ab, die rein der Kapitalanlage der Gesellschafter dienen.

Starke Seiten

Zu den relativen Stärken von Familienunternehmen gehören Kontinuität der strategischen Ausrichtung, über mehrere Generationen gesammelte Erfahrungen in der Branche sowie langjährig gepflegte Kundenbeziehungen zu anderen Familienunternehmen. Diese Aspekte und die Präsenz der Familie im Unternehmen tragen zu einer Unternehmenskultur bei, die sich durch Beständigkeit, Risikoaversion und das Streben nach Unabhängigkeit auszeichnet.

Familienunternehmen zeichnen sich oft auch dadurch aus, dass die unternehmerischen Ziele nicht ausschließlich auf eine Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. Als viel wichtiger wird der Vermögenserhalt gesehen. Dies impliziert einerseits ein eher risikoaverses Handeln, erfordert andererseits aber auch eine Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen. Dieser Spagat zwischen Innovation als Motor für Wachstum und dem Erhalt von bewährten Strukturen prägt Familienunternehmen auch bei der Finanzierung.

Es gibt aber auch Familienunternehmen im weiteren Sinne, bei denen das Eigentum und die Unternehmensführung voneinander getrennt sind. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn im Rahmen der Nachfolgeregelung von Seiten der nächsten Generation kein Interesse oder keine Befähigung zur Führung des Familienbetriebes besteht und die Mitsprache der Familie über entsprechende Kontrollgremien gewährleistet wird. Doch die wesentlichen Charakteristika eines Familienunternehmens können selbst dann noch vorherrschen, wenn Dritte als Eigentümer mitbeteiligt sind. Als Beispiele können hier einige wenige börsennotierte Aktiengesellschaften wie der schwäbische Automobilzulieferer ElringKlinger AG oder die Drägerwerk AG aus Lübeck genannt werden, die beide mehrheitlich in den Händen der Gründerfamilien sind. Im Falle von Drägerwerk steht mit Stefan Dräger auch in fünfter Generation ein Mitglied der Familie als Vorstandsvorsitzender an der Spitze des erfolgreichen Unternehmens.

Kein Kontrollverlust

Börsennotierte Familienunternehmen zeichnen sich im Idealfall dadurch aus, dass die Interessen der Manager und die der Aktionäre in Einklang sind und somit das sogenannte Prinzipal-Agenten-Problem erfolgreich adressiert werden kann. Dies verdeutlicht, dass mit der Aufnahme von Eigenkapital über einen Börsengang ein Familienunternehmen nicht zwingend die Kontrolle des Unternehmens verliert. Insbesondere über die Emission von Vorzugsaktien lässt sich sicherstellen, dass die Mehrheit der Stimmrechte bei den Familienmitgliedern bleibt.

Für die meisten familiengeführten Unternehmen bleibt der Gedanke an einen Börsengang dennoch oft ein Tabu und wird daher regelmäßig nur bei einer ungeklärten Nachfolgeregelung zum Diskussionsthema. Neben der Sorge um Kontrollverlust ist die notwendige Transparenz- und Offenlegungspflicht ein wichtiger Grund, sich gegen eine Börsennotierung zu entscheiden. So sehr die Offenlegungspflichten als Hemmnis empfunden werden, so schmerzhaft mussten viele mittelständische Unternehmen im Laufe der Finanzkrise aber auch erfahren, wie umfangreich und langwierig die Prüfungen der Banken vor der Kreditvergabe geworden sind. In Verbindung mit den steigenden Risikokapitalanforderungen der Banken und den dadurch erhöhten Margen wurde manch eine Beziehung zwischen Deutschlands Mittelständlern und ihren Hausbanken auf die Probe gestellt. Im Ergebnis ist vielen Firmen ihre Abhängigkeit von den kreditgebenden Banken als Risikofaktor zunehmend bewusst geworden.

Da mittelständische Unternehmen ein wachsendes Interesse daran haben, diese Abhängigkeit zu reduzieren, sehen sich viele Unternehmerfamilien gezwungen, einerseits die Eigenkapitalbasis durch Innenfinanzierung zu stärken und sich andererseits der bankunabhängigen Fremdfinanzierung zuzuwenden. Insofern ist damit zu rechnen, dass sich die Fremdfinanzierung des deutschen Mittelstandes über den Kapitalmarkt in den kommenden Jahren als eine wichtige ergänzende Finanzierungsform weiter etablieren wird. Als Beispiel kommt hier die Emission einer Mittelstandsanleihe in Frage.

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