INTERVIEW: Die Berliner Beteiligungsgesellschaft German Startups Group hat am Mittwoch ihre Zeichnungsfrist begonnen und will am 17. Juli an die Börse gehen. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklärt CEO Christoph Gerlinger u.a., warum er ausgerechnet jetzt ein IPO anstrebt, was ein Start-up für Bedingungen erfüllen muss, um an die Börse zu gehen, und wie es um die Zukunft des Unternehmens bestellt sein wird.

GoingPublic Magazin: Herr Gerlinger, Was ist die Motivation für die German Startups Group, jetzt an die Börse zu gehen?
Gerlinger: Der Börsengang ist eine reine Finanzierungsmaßnahme. Nachdem wir das Geschäft nun drei Jahre lang aufgebaut, eine gute Marktposition erreicht und eine solide Bruttorendite auf das durchschnittlich erwirtschaftete Kapital erzielt haben, wollen wir in die nächste Größenordnung vordringen. Die Altaktionäre verkaufen keine Aktien. Nur für den Fall, dass der Greenshoe von den Emissionsbanken ausgeübt wird, werden sie einen kleinen Anteil veräußern.

Warum ziehen Sie den Börsengang anderen Möglichkeiten der Beschaffung von Eigenkapital vor?
In einem Börsengang liegt für uns als Venture Capital-Anbieter eine besondere Chance: Wir schlagen eine Brücke von den „normalen“ Kapitalanlegern, also auch Kleinanlegern, hin zur Venture Capital- und Start-up-Szene. Wir sind der Ansicht, dass Start-ups in Deutschland strukturell unterfinanziert sind. Sie verfügen im Vergleich zu den USA nur über weniger als ein Siebtel des Wagniskapitals gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Aber auch weniger als in Großbritannien oder Frankreich. Offensichtlich reicht das vorhandene Wagniskapital aus den bisherigen Finanzierungsquellen nicht aus. Die klassischen Venture Capital-Fonds verlangen unserer Beobachtung nach normalerweise Mindesteinzahlungen im siebenstelligen Bereich, die für acht Jahre oder länger gebunden sind. Solche Möglichkeiten stehen nur wenigen, sehr vermögenden Familien offen. Der normale Anleger hat diese Option nicht. In Deutschland gibt es aber viel Kapital – beispielsweise im Bereich der Freiberufler, leitenden Angestellten und kleinen Unternehmer. Dies für Start-ups zu erschließen hat zwei Vorteile: Bessere Finanzierungsmöglichkeiten für die Wachstumsunternehmen sowie eine größere Auswahl an Anlagemöglichkeiten für Kapitalgeber.

Welche weiteren Vorteile sehen Sie durch das IPO?
Wir denken, dass unser Ruf durch die zusätzliche Aufmerksamkeit und Feuerkraft durch den Börsengang weiter gefördert wird. Auch schafft es neue Anlagemöglichkeiten für uns, da die Bekanntheit aufgrund des Börsengangs zu einer höheren Qualität des Dealflows führen kann. Aus den Beteiligungsmöglichkeiten können wir daraufhin die Besten herausfischen. Auf der anderen Seite haben auch die Start-ups einen Vorteil: Ihnen wird ebenfalls Aufmerksamkeit zuteil, und sie erhalten über uns einen mittelbaren Kapitalmarktzugang.

Sie haben bereits im Jahr 2000 mit CDV Software Entertainment und 2006 mit Frogster Interactive Pictures zwei Unternehmen an die Börse gebracht. Worin unterscheiden sich die IPOs von damals und heute?
Heute ist es um einiges schwieriger. Nach der Finanzkrise sind die Regelungen erheblich komplizierter geworden. Die Kosten, die man für Anwälte aufzuwenden hat, sind deutlich angestiegen, und die Prospekte sind umfangreicher geworden.

Was werden Sie künftig als börsennotierte Gesellschaft anders machen können als bisher?
Wir können unsere Strategie nun auch verstärkt um Mehrheitsbeteiligungen erweitern. Gerade haben wir eine Mehrheitsbeteiligung an Exozet erworben. Aber dies war uns bisher nicht so einfach möglich, da wir nicht die notwendige Finanzierungskraft hatten. Wir haben in Zukunft vor, weiterhin die Mehrheit an Start-ups zu erwerben. Das bietet sich in vielen Fällen nach und nach an, wenn sich die Beteiligung an einem Start-up positiv entwickelt und man über einige Finanzierungsrunden hinweg investiert bleibt und seinen Anteil vergrößert. Zu einem gewissen Zeitpunkt stellt man dann oft fest, dass manche der frühen Gründer, Business Angels oder auch der ersten Venture Capital-Fonds, die am Ende ihrer Laufzeit angekommen sind und Gewinne realisieren möchten, ausscheiden wollen. Da wir kein Closed End-Fonds sind, sondern eine unbegrenzte Laufzeit haben, können wir als Beteiligungsgesellschaft solche Anteile übernehmen, wenn es uns attraktiv erscheint.

Welche konkreten Indikatoren sollte ein IPO-Kandidat erfüllen?
Gerlinger: Bei operativen IPO-Kandidaten sollten substanzielle Umsätze im zweistelligen Millionenbereich vorhanden sein. Tech-Unternehmen sollten eine Wachstumsrate von mindestens 20-30% vorweisen können. Bei noch unprofitablen Unternehmen sollte ein Pfad zur Profitabilität erkennbar sein – wann und wie diese konkret erreicht werden kann. Allerdings sehe ich Profitabilität selbst nicht als erforderlich an. So sind beispielweise viele Start-ups in einzelnen geografischen Märkten häufig bereits profitabel. Nur in jüngeren Märkten, wo der Eintritt erst vor kurzem stattfand, verzeichnen sie noch Verluste. Daher ist möglicherweise der Gesamtsaldo noch negativ, aber bei näherer Betrachtung lässt sich erkennen, dass man nur noch etwas abwarten muss, bis die jüngeren geographischen Märkte auch in die Profitabilität hineinwachsen.

Herr Gerlinger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Stefan Gätzner, VentureCapital Magazin. Es erschien zum ersten Mal im GoingPublic Magazin 7/8 im Juni.

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