Besser hätte man einen Venture-Capital-Deal kaum abschließen können, zumindest nicht als Gründer: CEO auf Lebenszeit, 10% Carried Interest ohne Zins auf die Hurdle Rate, kein eigenes Risiko, zusätzlich eine Option auf 12,5% der Erträge ­gegen Übernahme von 12,5% der Kosten. Christoph Kolumbus muss am 17. April 1492 den Vertrag von Santa Fé im ­Gefühl des Triumphs unterschrieben haben. Er ahnte nicht, dass wir heute anhand seiner Geschichte sogar die Erfolgs- (und Misserfolgs-)Faktoren von Venture Capital nachzeichnen können, auch in der Biotechnologie. Von Dr. Matthias Kromayer

Im 19. Jahrhundert hatten amerikanische Investoren erste Erfahrungen mit VC-Finanzierungen von Technologieprojekten gemacht – durchaus gute vor ­allem mit Eisenbahnen und Telefonen. Als in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts die Erfindung des PCs neue Geschäfts­modelle ermöglichte, entstand in Kalifornien geradezu ein Wagniskapital-Boom: Apple, Oracle, Microsoft – die damals gegründeten und mit VC finanzierten Marktführer der IT-Industrie kennt heute jedes Kind.

Fast Forward in die Siebziger

Findige Investoren wurden etwa zur ­selben Zeit auf die wichtigste Erfindung der Lebenswissenschaften aufmerksam: rekombinante DNA. Schon nach wenigen Jahren landeten die jungen VC-finanzierten Biotechs an der Börse, und Generationen institutioneller wie privater Investoren verdienten in der Folge Milliarden. Aus den erfolgreichen Finanzierungen von Genentech, Amgen und Biogen lernte die Welt das Dogma der Biotechfinanzierung: „DNA makes RNA makes Protein makes Money“. Seit fast einem halben Jahrhundert ist das VC-/Biotechgeschäftsmodell in den USA etabliert; die Biotechnologiebranche als Innovations- und Zulieferindustrie von Big Pharma hat inzwischen ihre Auftraggeber schon überholt: Sieben der neun weltweit umsatzstärksten Arzneimittel (mit jeweils mehr als 6 Mrd. USD Umsatz) im Jahr 2016 waren sogenannte Biologika, also klassische Biotechpro­dukte.

„Die Biotechnologiebranche als Innovations-und Zulieferindustrie von Big Pharma hat inzwischen ihre Auftraggeber überholt.“

Allemagne: Zero points

Derweil machte sich ein kleiner Kreis ­engagierter Wagniskapitalinvestoren Anfang der 90er-Jahre in Deutschland daran, die Erfolgsgeschichte diesseits des Atlantiks zu wiederholen. Mit dem Börsengang der T-Aktie und der wachsenden Internetblase kam gegen Ende des Jahrtausends auch zum ersten Mal Schwung in den Markt. Reihenweise wurden Biotechs ­gegründet; man hatte ja Ressourcen ­genug: Max-Planck-Institute sowie Bio­chemie- und Genetik-Lehrstühle fütterten den Markt mit Patenten, Technologien und gründungswilligen Doktoranden, Sechzehn­ender aus der Pharmaindustrie schulten auf Unternehmer um, und businessorientierte Absolventen versuchten sich als ­Investmentmanager. Nur eines fehlte den meisten Unternehmungen: ein belastbares Geschäftsmodell. Dem Hype folgte deshalb bald die Ernüchterung; sie hält bis heute an.

Nach 25 Jahren VC-Finanzierung gibt es in Deutschland ein einziges börsennotiertes „echtes“ Biotechunternehmen mit ­einer Marktkapitalisierung von mehr als 1 Mrd. EUR: MorphoSys. Kein einziger Blockbuster (ein Medikament mit 1 Mrd. USD Jahresumsatz oder mehr) kommt aus deutschen Laboren, auch wenn Humira (Abbott), das kommerziell erfolgreichste Medikament der vergangenen Jahre, ­zwischendurch aus Deutschland heraus entwickelt wurde.

Die wenigen erfolgreichen Unternehmen wurden fast allesamt ins Ausland verkauft. Schlimmer: Die Investoren haben sich aus Deutschland zurückgezogen. Im internationalen Vergleich sind deutsche Bio-Forscher zwar nach wie vor Welt­klasse, aus industrieller Sicht spielen wir aber immer noch in der Regionalliga. Und das ist volkswirtschaftlich aus mindestens zwei Gründen ziemlich betrüblich. Erstens hätte Deutschland die Chance ­gehabt, seinen Status als „Apotheke der Welt“ wiederzuerlangen, den es nach dem Niedergang der chemiebasierten Pharmaindustrie verloren hat (Hoechst war in den 80er-Jahren der größte Pharma­konzern der Welt). Und zweitens könnten Investoren – private wie institutionelle – von einer weltweit führenden Biotechbranche profitieren.

Der Misserfolg hat viele Väter

Dabei wäre es gar nicht so schwierig, ­vorne mitzuspielen. Um zu erkennen, was Biotechinvestitionen erfolgreich macht, muss man erst einmal untersuchen, was zu ihrem Scheitern beiträgt. Und da kann man von Kolumbus bis zum ersten ­deutschen Biotech-Hype um das Jahr 2000 viel lernen. Die größte Warnung ­sollte für einen Investor ein Hype sein, etwa um eine neue Technologie. In den vergangenen zwanzig Jahren entwickelte sich beispielsweise um Gentherapie, RNA-Interferenz, induzierte pluripotente Stammzellen und Zelltherapien jeweils ein riesiger Hype. Kommerziell erfolgreiche Anwendungen oder gar Produkte? Fehl­anzeige. Ein weiteres wiederkehrendes Muster des Misserfolgs: Der erste Anlauf misslingt oft. So scheiterten die ersten ­monoklonalen Antikörper, die ersten ­Antisense-Oligonukleotide, die ersten ­siRNA-Wirkstoffe entweder während der klinischen Entwicklung oder später am Markt. Die sogenannten Krebsimpfstoffe haben bereits mehrere Generationen ­hinter sich und sind immer noch kein ­Erfolg. Merke: Meistens schafft es erst die (über-)nächste Generation einer neuen Produktklasse in den Olymp. Dritte ­Erkenntnis: Der Ansatz „Technologie sucht Markt“ funktioniert meistens nicht. Auf dem Friedhof der (deutschen) Biotechnologie stehen die Grabsteine zahlloser ­Spitzentechnologien, die keiner brauchte. Auch heute noch experimentieren deutsche Biotechs mit atemberaubend komplizierten Technologien, anstatt sich auf das Naheliegende zu konzentrieren: Produkte, die der Markt wirklich benötigt und für die er bereit ist, der Innovation und dem ­Risiko entsprechende Preise zu bezahlen.

Honi soit qui Malinowski

Die empirische Datenlage ist bestechend; man muss nur etwas Field Work betreiben: Wer sich an den tatsächlichen Markt­bedürfnissen orientiert, wer zuerst die Aufgabe definiert, etwa die konkrete medizinisch-klinische Fragestellung, wer zuerst ein Geschäftsmodell konstruiert und dann ein passendes Produkt designt, wer sich dann quasi rückwärtsgehend zuletzt die am besten passende Technologie dazu aussucht, dem winken weiterhin märchenhafte Umsatz- und Ertragspotenziale.

Die Zukunft der deutschen Biotechnologie hängt nicht davon ab, ob wir blind in gehypte Technologien wie Gene-Editierung oder Trendthemen wie Anti-Aging ­investieren. Auch Zivilisationserkrankungen wie die nichtalkoholische Fettleber­erkran­kung (NASH) sind nicht automatisch ­attraktive Zielindikationen für VC-Investoren. Der kluge Investor denkt zuerst an medizinischen Bedarf, Behandlungsleit­linien, Preisbildung und Kostenerstattung, dann an integrierte Versorgungskonzepte, Restriktoren der Gesundheitssysteme und gesundheitspolitische Einschränkungen. Vielversprechende Ansätze beinhalten ­immer auch durchdachte Vermarktungs- und Distributionskonzepte. Ein Parade­beispiel ist die individualisierte Krebs­immuntherapie, bei der Diagnose, ­Arzneimittelherstellung und therapeu­tische Intervention zu einem eng verzahnten logistischen Konzept verschmelzen.

„Der Ansatz „Technologie sucht Markt“ funktioniert meistens nicht“

Wagniskapital: ein scheues Reh

Das nötige Kapital für die durchdachten, aber anfangs teuren Geschäftsmodelle muss übrigens nicht notwendigerweise von institutionellen Investoren kommen: Wenn Deutschland den Mut besitzt, eine neue Gründerkultur zu schaffen, in der ­Unternehmer hoch geachtet zu Reichtum kommen dürfen, werden auch Durchschnittsverdiener den Charme unternehmerischer Beteiligungen kennen und schätzen lernen. Würde jährlich nur 0,1% der mehr als 5.000 Mrd. EUR Geldver­mögen deutscher Privathaushalte in ­Biotech investiert, wäre Deutschland in weniger als einer Generation wieder ganz vorne dabei. Und Geld verdienen lässt sich mit Biotech ganz bestimmt. Für jeden privaten Anleger könnte das ein genialer Deal sein.

 

ZUM AUTOR

 

Dr. Matthias Kromayer ist General Partner und Vorstand der MIG Verwaltungs AG. Er studierte Biologie und Chemie in München (Ludwig-Maximilians-Universität) und London (King´s College) und verfügt über einen Abschluss als Diplombiologe. Kromayer promovierte in molekularer Mikrobiologie.


Dieser Artikel ist erschienen in der Ausgabe „Biotechnologie 2017“, die Sie bei uns auf der Seite bequem bestellen oder als E-Magazin lesen können.

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