Peer Schatz, CEO, Qiagen N.V.

Qiagen besitzt etwa 2.400 Patente und Lizenzen und vertreibt rund 500 Produkte und Instrumente für die Aufbereitung biologischer Proben und für diagnostische Tests. Innovation ist dabei der Motor des Geschäfts. So hat das Nordrheinwestfälische Wissenschaftsministerium die deutsche Niederlassung von Qiagen 2011 als „Ort des Fortschritts“ ausgezeichnet. Im Interview spricht Peer M. Schatz, CEO von Qiagen, über die neuen Entwicklungen bei medizinischen und genetischen Tests, darüber, welche Rolle Gentests  für medizinische Behandlung spielen werden und wie Qiagen in Zukunft durch Akquisitionen wachsen wird.

VC Magazin: Was ist die technologische Vorgehensweise bei Ihren Tests?
Schatz:
Zunächst hat man die rohe biologische Probe, einen Tropfen Blut, ein Stück Gewebe, Speichel, einen Abstrich, eine Pflanze, eine Lebensmittelprobe, etc. Die Probe wird so vorbehandelt, dass die Zellen aufgebrochen werden, die spezifische genetische Informationen wie DNA oder RNA beinhalten. Dann werden die genetischen Informationsstücke, die von Interesse sein könnten, gezielt extrahiert und aufgereinigt. Weil sie aber nur in geringster Form vorliegen und mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist, kopiert man sie millionenfach und macht sie so nachweisbar und lesbar.

VC Magazin: Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal? Liegt das Herausragende in der Extrahierung, in der Reinigungstechnik oder in der Vervielfältigung?
Schatz:
Wir haben in den ersten Schritten, also von der rohen Probe bis zur gereinigten Nukleinsäure, einen signifikanten technischen Vorsprung, oftmals sogar Marktanteile von 60 bis 70%. Wenn Sie die gereinigte Nukleinsäure vorliegen haben, ist eine der größten Herausforderungen gelöst. Der zweite Schritt, die Vervielfältigung und das „Lesen“, ist dann etwas generischer.

VC Magazin: Was sind Ihre Stoßrichtungen bei Innovationen?
Schatz:
Es gibt zwei Stoßrichtungen: Die eine ist die weitere Vereinfachung der Technologie, oft mittels Automatisierung, damit unsere Produkte bei Lebensmittelkontrollen, in Veterinärlabors, Polizeilabors, aber auch klinischen Labors noch stärker eingesetzt werden. Das Zweite ist, dass wir die Grenzen der Technologie an sich noch weiter nach vorne ausweiten. Wir werden z.B. 2013 ein Gerät auf den Markt bringen, mit dem die Gen-Sequenzierung der nächsten Generation in Bereiche der klinischen Forschung und Diagnostik Einzug erhalten wird.

Eins der 500 Qiagen Produkte: Der ESEQuant TS liefert schnelle Ergebnisse in unterschiedlichen Vor-Ort-Testanwendungen. Quelle: Qiagen

VC Magazin: In welchen Anwendungsfeldern sehen Sie die größten Wachstumschancen?
Schatz
: Heutzutage gibt es in Deutschland einige hundert Labors, die unsere Testtechnologien einsetzen. Das dürfte auf einige tausend Labors ansteigen. Es wird auch mehr Tests geben für neue Krankheiten oder deren Früherkennung. Im klinischen Bereich werden unsere Technologien am stärksten den Bereich Krebs revolutionieren. Das Verständnis über die genetischen Zusammenhänge bei Krebs hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Die neuen Arzneimittel basieren auf diesen Erkenntnissen und werden sehr oft unter Einsatz von Gentests verabreicht. Wo wir auch eine gute Nachfrage sehen, ist bei personalisierten Ansätzen für Autoimmunerkrankungen wie z.B. Rheuma.

VC Magazin: Ihre zwei großen Umsatzbereiche sind der Bereich der Forschung und der der klinischen Diagnostik. Wie wollen Sie hier in Zahlen wachsen in den kommenden fünf Jahren?
Schatz
: Im Jahr 2017 verteilt sich unser Umsatz wahrscheinlich auf ¾ im klinischen Bereich und ¼ in allen anderen Bereichen. Der klinische Bereich ist dabei strategisch der größere Markt. Die anderen Märkte im Forschungsbereich, also vor allem die pharmazeutische und akademische Industrie, weisen ein Umsatzvolumen von 5 bis 6 Mrd. EUR im weitesten Sinne aus, und wir erzielen davon in unserem Segment ca. 500 Mio. EUR. Das Wachstumspotenzial im Bereich der pharmazeutischen Industrie ist sehr gut, wir werden hier solide einstellige Wachstumsraten für viele Jahre erleben. Die pharmazeutische Industrie setzt unsere Produkte mehr und mehr ein, um Patienten in den klinischen Versuchsverfahren zu begleiten, Patienten werden also auf genetischer Basis ausgewählt. Auch ihre Krankheitsverläufe werden auf genetischer Basis überwacht. All diese Einsätze unserer Produkte gab es in der Vergangenheit noch nicht. Beim Markt der klinischen Diagnostik sprechen wir von einer Größenordnung von 2 bis 3 Mrd. EUR. Dieser Bereich macht bei uns etwa die Hälfte unseres derzeitigen Umsatzes aus. Wir haben etwa 30% Marktanteil und fahren ein Kopf an Kopf-Rennen mit Roche. Wir zielen da über die nächsten fünf Jahre auf Marktwachstumsraten zwischen 10 und 15% ab. Der Markt wird sich also bis 2017 auf bis zu ca. 7 Mrd. EUR verdoppeln. Davon würden wir gerne mehr als die 30% Marktanteil bekommen.