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Neben klassischen chemischen Molekülen und monoklonalen Antikörpern arbeiten Pharmaforscher an einer weiteren Form von Wirkstoffen: Nukleinsäure-Therapeutika. Obwohl die Theorie hinter dieser Form der Behandlung schon eine Weile bekannt ist, steht die praktische Umsetzung noch am Anfang. Im Interview mit GoingPublic sprechen Prof. Dr. Jochen Maas und Dr. Sabine Scheidler über die Chancen, Möglichkeiten und Entwicklungstrends Nukleinsäure-basierter Wirkstoffe.

GoingPublic: Herr Prof. Maas, Frau Dr. Scheidler, was zeichnet eine Therapie mit RNA-Wirkstoffen aus?
Scheidler: Im Prinzip besteht in der RNA-Therapie kein Unterschied zu Therapien mit kleinen Molekülen oder Antikörpern, doch können mit RNA-Wirkstoffen neue Targets adressiert und damit andere Erkrankungen behandelt werden. Je nach Zielstruktur wird die entsprechende Therapieform gewählt und die Wirkstoffart angepasst.
Maas: Wir wollen tatsächlich alle Therapiemöglichkeiten abdecken und dann die richtige Darreichungsform aussuchen können – wohl wissend, dass jede Wirkstoffart ihre Vor- und Nachteile hat.

GoingPublic: Gibt es spezielle Erkrankungen, für die diese Moleküle besonders geeignet sind?
Scheidler: Gerade in der Onkologie sind sehr gut validierte Targets bekannt, die mit kleinen Molekülen oder Antikörpern nicht erreicht werden können. Da schauen wir, ob uns Nukleinsäuren einen Weg ermöglichen. Beispielsweise Mikro-RNAs lassen sich gar nicht anders als mit Nukleinsäure-Therapeutika adressieren. Viele Biotechund Pharma-Unternehmen konzentrieren sich auf Erkrankungen, die ihren Ursprung in der Leber haben. Das liegt daran, dass wir dort das Delivery im Griff haben, also einen Weg gefunden haben, den Wirkstoff an sein Ziel zu bringen.
Maas: Seltene Erkrankungen und die Onkologie bieten sich momentan für das Feld an. Auch bei den Antikörper-Therapien erfolgten dort die ersten Einsätze und heute sind sie in weit mehr Indikationen etabliert. Das kann durchaus bei den Nukleinsäuren auch passieren.

Prof. Dr. Jochen Maas & Dr. Sabine Scheidler
Prof. Dr. Jochen Maas & Dr. Sabine Scheidler

GoingPublic: Welche Probleme beim Einsatz von Nukleinsäure-Therapeutika bestehen (noch) und gibt es schon Lösungsansätze?
Maas: Die erste Barriere ist natürlich, dass die Substanz überhaupt in den Körper gelangt. Da sehe ich auf jeden Fall für die nächsten Jahrzehnte nur die Möglichkeit der intravenösen Anwendung. Die Magen-Darm-Passage würden diese Substanzen nicht überstehen. Solange es alternative Stoffe gibt, die als Tablette eingenommen werden können, schließen sich diese Methoden also für Volkskrankheiten aus. Wer lässt sich schon gerne spritzen?
Scheidler: Bei Nukleinsäuren besteht grundsätzlich das Problem, dass der Wirkstoff zunächst in die Zelle gelangen muss. Hinzu kommt, dass Nukleinsäuren Nukleaseinstabil sind, also von Nukleasen abgebaut werden. Das haben wir durch chemische Modifikation bereits ganz gut gelöst. Dann besteht das Problem, dass Nukleinsäuren nicht als Doppelstrang in die Zellen oder Organe gelangen. Da bieten sich verschiedene Transportmoleküle als Hilfsmittel an, etwa Nanopartikel. In der Zelle gibt es dann die Probleme der Entpackung. Es gibt also eine ganze Reihe von Hürden, bis die Nukleinsäure die mRNA erreicht, die sie hemmen soll. Für einige Zelltypen in Leber, Niere und Blutgefäß gibt es schon Lösungen.

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