Ganz so neu ist das Jahr 2017 beileibe nicht mehr, und doch blicken Unternehmer, Investoren und Anleger auf die kommenden M&A-Trends in der Life Science-Industrie. Themen wie „Trump“ oder „Brexit“ lassen aufhorchen, dazu Diskussionen um auslaufende Patente oder überhöhte Medikamentenpreise.

 

Insgesamt ist für die kommenden Monate bis zum Jahresende auf jeden Fall mit einem weltweiten Anstieg der M&A-Aktivitäten zu rechnen. So hatte etwa der „Firepower Index“ von EY vor kurzem auf den hohen Transaktionsbedarf und die große Finanzkraft, insbesondere von „Big Pharma“ hingewiesen. Folglich gehen die Autoren davon aus, dass die im vergangenen Jahr erzielte Marktvolumina von rund 200 Mrd. USD in diesem Jahr übertroffen wird.  Als Hauptgrund werden die mageren Umsatzaussichten genannt. So lassen Kostenträger keine weiteren Preiserhöhungen bei älteren Medikamenten zu, auch den Wachstumsaussichten bei neu entwickelten Wirkstoffen und Medikamenten werden Grenzen gesetzt. „Eine wesentliche Transaktionsrationale in den USA lag in der Vermeidung zusätzlicher Steuerlasten, die bei einer Repatriierung der im Ausland entstanden Gewinne möglicherweise angefallen wären. Die Ankündigungen der amerikanischen Regierung mag dieser Gestaltung ein Ende machen, aber die Maßnahmen der Politik müssen hier erst noch abgewartet werden“, erklärt CatCap-Geschäftsführer Caspar Graf Stauffenberg.

Auch für Europa und die DACH-Region verweist der aktuelle „M&A Report: The European Life Sciences Industry 2016“ von CatCap Corporate Finance auf den wachsenden Preisdruck in der Branche, der künftig zu einer Konsolidierung des Marktes führen wird: „New pricing mechanisms will be considered. This will lead to further consolidations.“ Große Transaktionen würden sich dabei eher auf vorhandene oder künftige Synergien konzentrieren, als auf die Identifizierung neuer Innovationen. „Für 2017 erwarten wir wieder mehr Mega-Deals, die durch die Neuordnung der Pharmaindustrie entstehen wie z.B. die geplante Akquisition des Schweizer Biopharmazeuten Actelion durch J & J aus den USA für 27,2 Mrd. EUR oder der bereits in 2015 angekündigte Kauf von Sanofis Animal Health Business aus Frankreich durch Böhringer Ingelheim aus Deutschland für 11,4 Mrd. EUR“, bestätigt Stauffenberg. „Auch hat Aventis bereits die Abspaltung der Ophtalmic Sparte „Alcon“ angedeutet, um sich danach wieder auf das klassische Parma Geschäft zu konzentrieren.“

Es wird persönlich

Gleichwohl wird der Personalisierten Medizin ein großes Potenzial vorhergesagt. „Due to ongoing scientific advances (…) medical care is shifting towards targeted medicine”, so die Autoren des CatCap-Reports. In diesem Zusammenhang werden auch neue, bisher unterrepräsentierte Player den Ring betreten: Personalisierte Medizin als Querschnitts-Technologie, was in anderen Bereichen der Life Sciences-Industrie, vor allem in der Medizintechnik, längst allgegenwärtig ist, im Life Science- und Pharmasektor wird dieser Trend auch in diesem Jahr weiter zunehmen. „There is a long term trend that companies from other sectors, e.g. telecommunication, technology, retailers and food manufacturers are entering the ring.” Dies gilt auch für Innovationen und Neuerungen aus dem Bereich der Robotik und Automatisierung, ebenso wie für das vielfältige Segment der elektronischen Gesundgeit (E-Health) und der Telemedizin – die Versorgung der Patienten aus der Ferne ist ein klar definierter Wachstumsmarkt.

CatCap-Geschäftsführer Caspar Graf Stauffenberg: "Personalisierte Medizin ist bereits messbar auf dem Vormarsch." Foto: CatCap
CatCap-Geschäftsführer Caspar Graf Stauffenberg: „Personalisierte Medizin ist bereits messbar auf dem Vormarsch.“ Foto: CatCap

Der Mensch im Fokus

Überhaupt rücken die Patienten immer mehr in den direkten Fokus von „Big Pharma“ und anderen Gesundheitsdienstleistern. Auch hier spielt der Aspekt der Personalisierten Medizin eine gewichtige Rolle. Neben den Patienten als eigentliche Betroffene, gilt dies dann auch für deren Angehörige und das Pflegepersonal. Schon gehen Forscher und Konstrukteure bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Geräte dazu über, neben den Patienten mehr und mehr deren Familien, aber auch Mediziner und Krankenhausmitarbeiter in die Entwicklungsarbeit einzubeziehen. Hier wird die Personalisierte Medizin (oder Medizintechnik) von einer weiteren Seite her betrachtet, unabhängig von der reinen Wirkstoffentwicklung und hin zu Behandlung und Pflege.

Hier wird auch „Big Data“ eine führende Rolle spielen. Die massenhafte Verwendung, als Generierung und Auswertung persönlicher Daten, wird ein, wenn nicht das bestimmende Moment der künftigen Entwicklungen in der gesamten Life Sciences-Industrie sein, betonen auch die Verfasser des CatCap-Reports: „Big data intelligence and machine learning are dominating the discussions in the Life Sciences sector at the moment.“ Übrigens trotz aller Unkenrufe betreffs des Datenschutzes zum Trotz. Gerade hier sollten deutsche Unternehmen darauf achten, aus Furcht vor massenhaftem Missbrauch von „Bits und Bytes“ den Anschluss an die Weltspitze nicht zu verlieren.

DACH steht gut da..

Wie schaut es nun speziell in der DACH-Region aus? Ein besonderes Merkmal ist der hohe Anteil ausländischer Käufer im M&A-Sektor. In über die Hälfte aller Life Science-Deals im vergangenen Jahr waren ausländische Firmen auf der Käuferseite involviert. „Compared to other European countries the DACH region is characterized by a high interest of international buyers who were involved in more than 52% of the deals.” (CatCap, M&A Report: The European Life Sciences Industry 2016) Auf großes Interesse sind vor allem Innovationen im Bereich der Onkologie und der Antikörper-Entwicklung gestoßen. Hervorzuheben ist besonders die Übernahme der Mainzer Ganymed AG durch die japanische Astellas Pharma für über 420 Mio. EUR exklusive weiterer potenzieller Erfolgszahlungen von bis zu 820 Mio. EUR.

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Blick auf den Nachbarn Schweiz. Hier sind – lukrative- M&A-Deals in der Lebenswissenschaft im Vergleich zur allgemeinen Schweizer Wirtschaft überproportional repräsentiert. Hier profitieren die Eidgenossen ganz klar von den traditionell gewachsenen Life Science-Clustern im Land. Und auch der „Frankenschock“ konnte der guten Entwicklung nichts anhaben. „The Swiss National Bank’s abandoning of the cap of the Swiss franc’s value against the Euro and the consequent strengthening of the Swiss frank has not impacted the number of acquisitions in Switzerland.” (CatCap) Bezeichnend dafür war nicht zuletzt die Akquisition der EngMab AG durch den US-Konzern Celgene für umgerechnet 534 Mio. EUR.

..oder doch nicht?

Im Jahr 2016 ist die Zahl der Medtech-M&A-Deals laut CatCap allerdings um 19% zurückgegangen, von 166 auf 134 – im Bereich der herkömmlichen Medizintechnik gar um 24%, auf das Niveau von 2014. Der Druck zur Konsolidierung wird sich also weiter fortsetzen, insbesondere in den Teilsegmenten Labor- und Krankenhausausrüstung sowie Einwegartikeln.

Auch im Bereich Pharma sank die Zahl der M&A-Deals in Europa um 12%, von 262 auf 232. Der wachsende Bedarf an medizinischen Life Style- und Anti-Aging-Produkten konnte den Abfall allerdings abfedern. Vor allem in den Entwicklungsländern und im Rahmen der Entwicklung der Gesundheitssysteme rechnen die CatCap-Experten mit weiteren M&A-Zuwächsen. „Mit inzwischen knapp 60% findet der Großteil der Transaktionen im Providers Segment statt – hier wird die Konsolidierung auch in 2017 noch voll im Gange sein“, erklärt Stauffenberg.

Interessant wird die weitere M&A-Entwicklung, wie allseits bekannt, vor dem Hintergrund des Auslaufens vieler Patente. Doch ein weiterer Wehrmutstropfen bleibt: Die Zukunftsthemen „Big Data“ und „Personalisierte Medizin“ haben sich im europäischen M&A-Markt noch nicht wiedergespiegelt. Trotzdem ist die Personalisierte Medizin weiter auf dem Vormarsch. „Besonders deutlich wird das durch neue Therapien in der Onkologie“, ist dich CatCap-Geschäftsführer Caspar Graf Stauffenberg sicher. Auf Basis von Big Data erwartet er mittel- bis langfristig große Veränderungen und Fortschritte in der Medizin. Durchbrüche sieht der Experte jedoch eher in anderen Ländern, da es die Entwickler in Deutschland aufgrund der regulatorischen Rahmenbedingungen besonders schwer hätten. „Wir rechnen aber mit einer wachsenden Zahl an Transaktionen, die aus der Digitalisierung hervorgehen“, schließt Stauffenberg. „Dazu zählt auch, dass digitale Giganten wie Google, Microsoft, Amazon aber auch SAP und IBM stark in das Dealgeschehen im Life Sciences Bereich einsteigen werden.“

Muss also erst noch zusammenfinden, was eigentlich schon längst zusammengehört? Zumindest könnte dieser Umstand eine gute Chance für heimische Life Science-Unternehmen sein. Ob Start-up oder Mittelstand, es lohnt sich schick zu machen, für Interessenten jenseits der heimischen Grenzen und im Zweifelsfall in bestehende und lukrative Lücken zu stoßen.

 

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