Schwierige Zeiten für die deutsche Biotech-Branche: Die zunehmende Komplexität der Medikamentenentwicklung – hohe Entwicklungsrisiken, lange Dauer und extreme Kostensteigerungen – stellt Biotech-Unternehmen immer mehr vor nahezu unlösbare Probleme. Die anhaltende Finanzierungsschwäche der Branche, nach wie vor rar gesäte Fortschritte bei neuen Therapeutika und zunehmende Verluste machen dies deutlich. Das sind zentrale Ergebnisse des aktuellen Deutschen Biotechnologie-Reports 2013 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.

Insgesamt ist die Zahl der Wirkstoffe in der Medikamentenentwicklung bei den deutschen Biotech-Unternehmen im Jahr 2012 von 304 auf 294 gesunken. In der wichtigen klinischen Prüfung – in den Phasen I bis III – befinden sich derzeit mit 128 Wirkstoffen deutlich weniger Projekte als im Vorjahr (145). In der Zulassungsphase ist – wie im Vorjahr – kein einziger Wirkstoff. So nahmen auch die Verluste – getrieben vor allem durch börsennotierte Therapeutikaentwickler – weiter zu: von 419 auf 490 Mio. EUR.

Die Kapitalausstattung der deutschen Biotech-Branche hat sich im Jahr 2012 zwar gemessen am Investitionsvolumen publizierter Finanzierungsrunden von dem Einbruch des Vorjahres leicht erholt. So flossen im Jahr 2012 mit 287 Mio. EUR rund 156 Mio. EUR mehr in Biotech-Unternehmen als 2011. Von den hohen Mittelzuflüssen der Jahre vor der Wirtschaftskrise ist die Branche aber noch weit entfernt: 2006 und 2007 hatten die Geldgeber noch 550 bzw. 450 Mio. EUR in deutsche Biotech-Unternehmen investiert. Außerdem kommen die Finanzmittel zumeist nur einigen wenigen Unternehmen zugute. Seit 2010 kristallisieren sich im Bereich der privaten Unternehmen erneut vermögende Privatinvestoren und deren Family Offices als Hauptfinanziers heraus, während traditionelle Venture-Capital-Unternehmen kaum noch in Erscheinung treten: 2012 standen Family Offices hinter insgesamt 182 Mio. (88 %) der insgesamt 207 Mio. EUR an neuem Beteiligungskapital in private deutsche Biotech-Unternehmen.

Siegfried Bialojan, Leiter des Life-Science-Industriezentrums bei Ernst & Young

„Die deutsche Biotech-Branche ist nach wie vor innovativ und forschungsstark; die immer teurere und riskantere Entwicklung eines Wirkstoffs bis zur Marktreife übersteigt allerdings die Kapazitäten und finanziellen Möglichkeiten der meisten, vorwiegend kleinen Unternehmen. Ausbleibende Erfolge haben deshalb bereits zu einer insgesamt negativen Bewertung des Biotech-Sektors geführt“, erklärt Siegfried Bialojan, Leiter des Life-Science-Industriezentrums bei Ernst & Young und Autor der Studie.

Daher sollte sich die Branche mehr auf ihre eigentlichen Stärken besinnen und sich als Ideenschmiede und strategischer Zulieferer von Innovationen – in Form neuer Technologieplattformen oder daraus generierter Produktkandidaten – positionieren.

Dass trotzdem die Anzahl der Unternehmen (403) und die Gesamtzahl der Mitarbeiter (10.000) annähernd konstant geblieben und die Umsätze sogar geringfügig um 4 % auf 1.128 Mio. EUR angestiegen sind, ist bereits einem Umdenkprozess zu verdanken, der die Unternehmen zunehmend weg von der Medikamentenentwicklung und hin zu Dienstleistungsmodellen im Umfeld des Therapeutikasektors geführt hat. „Für innovative Technologien besteht großer Bedarf bei Industriepartnern, die entsprechende Finanzkraft haben – etwa große Pharma-, Diagnostik- und Chemieunternehmen –, aber auch in anderen Branchen“, so Bialojan.

Dass deutsche Biotech-Unternehmen auch als Technologielieferanten erfolgreich am Markt agieren können, beweisen einige richtungsweisende Allianzen. Das Gesamtvolumen der publizierten Allianzen deutscher Biotech-Unternehmen mit Partnerunternehmen lag 2012 bei 1,6 Mrd. EUR und damit fast auf dem sehr hohen Niveau des Vorjahres (1,8 Mrd. EUR). Bialojan: „Allianzen zwischen Biotech und Pharma werden zu einem Lebenselixier für die Biotech-Branche“.

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