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Börsengänge von Auf- und Abspaltungen gewinnen im Kontext der Transformation von Industrien an Bedeutung. Unternehmen positionieren sich neu und erschließen sich zugleich über den Kapitalmarkt neue Finanzierungsquellen. Dieser Beitrag ist in der GoingPublic Ausgabe 4/25 erschienen.
In einem dynamischen Umfeld der digitalen Transformation durch künstliche Intelligenz, im Bereich der E-Mobilität und erneuerbarer Energien sowie der Transformation im Hinblick auf veränderte geopolitische Realitäten sind Unternehmen zunehmend gefordert, ihre Strukturen und Strategien anzupassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Strategieoption und Aktivität
Die Verselbstständigung von Geschäftseinheiten und Tochtergesellschaften durch sogenannte Spin-off- und Carve-out-IPOs zählen dabei zu den strategischen Handlungsoptionen im Management. Seit 2000 haben sich im deutschen Kapitalmarkt insgesamt 32 Unternehmen für diesen Weg entschieden, und das mit steigender Aktivität, verursacht durch die Dynamik der Transformationsprozesse in vielen Industrien. Darunter finden sich zehn Auf- und 22 Abspaltungen, die insgesamt zum Start der Börsennotiz eine Marktkapitalisierung von 288 Mrd. EUR verzeichneten.
Häufig werden diese Transaktionen von bereits börsennotierten Unternehmen aus den großen Auswahlindizes wie DAX oder MDAX angestoßen. So hat beispielsweise Siemens gleich mehrere Geschäftsbereiche auf diesem Weg erfolgreich an die Börse geführt. Sektoren wie Technologie, Industrie und Konsumgüter sind besonders aktiv. Für den heimischen IPO-Markt sind sie besonders bedeutend und visibel. Die Zahlen sprechen für sich: Spin-offs mit einer durchschnittlichen Marktbewertung von 6,5 Mrd. und Carve-outs mit einem durchschnittlichen Emissionsvolumen von 1,7 Mrd. EUR.
Unterschiede zwischen Spin-offs und Carve-outs
Eine grundlegende Unterscheidung zwischen Spin-offs und Carve-outs ist entscheidend für das Verständnis dieser Transaktionen. Von einer Aufspaltung, engl. Spin-off, spricht man, wenn aus einem Unternehmen an einer Börse durch Spiegelung der Aktionärsstruktur zwei börsennotierte Unternehmen entstehen. In der Regel werden zum Listing keine neuen Aktien aus einer Kapitalerhöhung platziert. Dadurch entfällt das Platzierungsrisiko der Erstnotiz. Zu den größten Spin-offs zählen Daimler Truck, Siemens Energy und Metro.
Dagegen spricht man von einer Abspaltung, engl. Carve-out, wenn eine börsennotierte Muttergesellschaft Anteile an einer Tochtergesellschaft an die Börse bringt. Bei dieser Art des Börsengangs können Aktien aus dem Altbesitz zum Listing verkauft und/oder neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung platziert werden, was Platzierungsrisiken birgt. Die überwiegende Mehrheit nutzt den Börsengang zur Kapitalaufnahme. Zu den größten Carve-outs zählen z.B. Porsche, innogy und Siemens Healthineers.
Strategische Überlegungen und Ziele
Die Motivation hinter Börsengängen von Spin-offs und Carve-outs konzentriert sich oftmals auf vier Hauptziele: Finanzierung und Investition, Unabhängigkeit, Wachstum und Wertschöpfung.
Die häufigsten Nennungen in Wertpapierprospekten fallen in die Kategorie Finanzierung und Investition. Ziele sind, einen eigenen Zugang zu Kapital und zu neuen Investorenpools mit der eigenen Börsennotiz zu erschließen. Verbunden damit ist auch die Motivation, Kapital zu beschaffen, um in eigene Projekte zu investieren und eigene Kunden und Absatzmärkte zu erschließen. Bei Carve-out-IPOs erzielt die Anteile veräußernde Muttergesellschaft zusätzlich Erlöse, die wiederum für die Stärkung des Kerngeschäfts verwendet werden können.
Im Kontext dazu ist Unabhängigkeit eine weitere Kategorie der Motivation. Ziel ist es, eine höhere Flexibilität und Agilität im eigenen Geschäft zu erreichen, unabhängig und autonom von der ehemaligen Muttergesellschaft. So verspricht man sich, mit schnelleren Entscheidungsprozessen in einer eigenen Corporate Governance besser auf Marktveränderungen reagieren zu können.
Ein stärkeres Wachstum versprechen sich Unternehmen auch, da sie sich durch den Spin-off oder Carve-out besser mit einer eigenen Strategie auf wachstumsstarke Segmente konzentrieren können. Dies fördert die Innovationskraft und kann zu einer besseren Marktposition führen. Zudem ist anorganisches Wachstum durch gezieltere Akquisitionen in einer eigenen M&A-Strategie möglich.
Dem folgend sollen Spin-off- und Carve-out-IPOs auch zu einer besseren Wertschöpfung beitragen. Die stärkere Fokussierung auf das eigene Geschäft schafft Wertpotenzial. Dies wird häufig am sogenannten Konglomeratsabschlag in der Unternehmensbewertung gemessen, der insbesondere nach einem Spin-off und Carve-out wegfallen soll. Die nunmehr fokuusiertere Equity Story soll zu einer vergleichbareren Peergroup-Betrachtung führen, mit positiven Implikationen aufseiten der Bewertungsfaktoren.
Marktentwicklung und Performance
Dabei spielt die aktive Neupositionierung durch gute Investor Relations und die Wahrnehmung dieser vier genannten Argumente auf den Kapitalmärkten eine entscheidende Rolle für den Erfolg von Spin-offs und Carve-outs, und zwar für beide Unternehmenseinheiten – der bereits börsennotierten Mutter und des Börsenneulings. Die Leistungsindikatoren der Börsenneulinge belegen, dass die weit überwiegende Mehrheit signifikante Werte für ihre Stakeholder geschaffen hat. Spitzenreiter gemäß der totalen Unternehmenswertsteigerung sind derzeit Siemens Energy mit einem Plus von 464 % bei Spin-offs und Covestro mit einem Plus von 110 % bei Carve-outs. Zudem ist die Mehrheit der auf- oder abgespaltenen Börsenneulinge wieder selbst in den großen Auswahlindizes vertreten und bereichert den DAX, MDAX oder SDAX. Auch diese neuen börsennotierten Unternehmen entwickeln sich weiter. Insgesamt 16 Unternehmen sind nach wie vor börsennotiert. Sie repräsentieren in Summe eine Marktkapitalisierung von 180 Mrd. EUR bei Börsengang und erreichen heute einen gestiegenen Gesamtwert von 294 Mrd. EUR. Fusionen und Übernahmen sind die Hauptgründe für die Delistings von 16 früher börsennotierten Firmen.
Fazit
In einer Zeit der Transformation, in der Agilität, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit mehr denn je gefordert sind, sind Börsengänge von Spin-offs und Carve-outs Teil der Strategieoptionen für Unternehmen, die sich in einem sich ständig verändernden Markt behaupten müssen. Die Analyse der Spin-off- und Carve-out-Aktivität in Deutschland zeigt, welchen bedeutenden Beitrag ein offener Kapitalmarktzugang für die Transformation von etablierten Industrien bei bereits börsennotierten und diversifizierten Großkonzernen leisten kann. Dabei ist die Börsennotiz der Mutter ein Asset für beide Einheiten bei der Neupositionierung der Geschäftsfelder und für Aktionäre und neue Investoren.

Marktentwicklung und Performance



