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Die Berichtssaison für das Geschäftsjahr 2019 wurde plötzlich und massiv durch die durch das Corona-Virus ausgelöste Krise gestört. Und während „Corporate Germany“ noch auf ein gutes letztes Jahr zurückschauen konnte, wurden die Unternehmen mit den Auswirkungen der Krise konfrontiert: Umsatzeinbrüche, Lockdown oder Kurzarbeit. Der Blick nach vorne wurde ebenso schwierig, einbrechende Konjunkturindikatoren oder auch eine Flut an Gewinnwarnungen zeigen den Ernst der Situation.

In dieser Lage stellt sich für viele börsennotierte Gesellschaften die Frage, wie sie Hauptversammlungen (nachfolgend HV) durchführen können und sollen, um die notwendigen Hygienemaßnahmen zum Wohle der Gesundheit aller Teilnehmer der HVs entsprechend zu berücksichtigen. Während bereits einige Firmen darüber nachdenken, ihre HV zu verschieben, nehmen viele Unternehmen die Möglichkeit einer virtuellen HV wahr, die ihnen durch den Gesetzgeber eingeräumt wurde.

Einerseits mehr Transparenz – andererseits Einschränkungen der Aktionärsrechte

Im Jahr 2020 wird es daher ein breites Spektrum von unterschiedlich ausgestalteten Hauptversammlungen geben. Dieses wird von einem Mehr in Sachen Transparenz und größerem Engagement der Aktionäre bis hin zu Rückschritten bei den Aktionärsrechten – etwa durch die Einschränkung des Rederechts – reichen, abhängig davon wie die Unternehmen die aktuelle Gesetzgebung auslegen und umsetzen werden.

Während viele Unternehmensvertreter als auch Fachverbände trotz dieser widrigen Umstände von einem Schritt in die richtige Richtung sprechen, äußern Aktionärsvereinigungen und institutionelle Investoren die Befürchtung, dass die Aktionärsrechte – genauer das Recht auf Information – nicht erfüllt werden. „Es fühlt sich an, wie der oberflächliche Chat in einer großen WhatsApp-Gruppe. Einen Dialog oder eine Debatte sehe ich da nicht“, war die prägnante Zusammenfassung eines Portfoliomanagers.

Die Hausmeinung eines großen hiesigen Asset Managers zeigt ebenfalls eine klare Präferenz für Präsenz-HVs: „Virtuelle HVs braucht niemand. Wir wollen Präsenzveranstaltungen zu einem späteren Zeitpunkt. Wenn virtuell, dann bitte mit Generaldebatte und aktiver Komponente.“ Ein klares Indiz, wie wichtig die Jahreshauptversammlung ist: Sie ist der Ort, wo durch das Rederecht sowohl der gesamte Vorstand als auch der Aufsichtsrat den Beiträgen in Form der Wortmeldungen der Unternehmenseigentümer, den Aktionären, zuhören müssen. Es ist die Gelegenheit, den Vorstand zur Rechenschaft zu ziehen. Und dies darf – auf lange Sicht – nicht eingeschränkt oder behindert werden.

Bei virtuellen HVs wird daher besonders interessant zu sehen sein, wie Unternehmen die praktischen Aspekte der Aktionärsfragen angehen und umsetzen. Werden diese ernst genommen oder werden die Vorsitzenden den Ermessensspielraum ausnutzen, um teilweise unbefriedigend oder gar nicht zu antworten? Die Ergebnisse der diesjährigen HV-Saison werden auch Einfluss auf die künftige Ausgestaltung von Hauptversammlungen haben; eventuell führen sie zu einer permanenten Hybrid-Variante zwischen virtueller und Präsenz-Veranstaltung.

Hybride HVs als Zukunftsmodell?

Die HVs der Zukunft werden seitens der Aktionäre vermutlich besser vorbereitet sein, da sie detaillierter informiert sind. Möglich ist dies beispielsweise durch das Internet, das immer komfortablere und tiefergehende Recherchemöglichkeiten und Unternehmensinformationen bietet, sodass Aktionäre im Vorfeld die Bedeutung bestimmter Tagesordnungspunkte besser bewerten können. Sollte sich in einer Hybrid-Variante der HV das Rederecht von zu Hause aus durchsetzen, werden Aktionäre nicht nur vorab Fragen stellen, sondern sich auch eher zu Wort melden, da sie nicht von der großen Bühne samt Publikum vor Ort eingeschüchtert sind. Auf der anderen Seite werden die Antworten wahrscheinlich detaillierter sein, da die Unternehmen Zeit haben, die Antworten im Voraus vorzubereiten. Es wird weniger Spektakel geben – aber vielleicht mehr Raum für Videos und andere digitale Innovationen. Umgekehrt könnte es auch weniger „Druck“ für die Vorstandsmitglieder bedeuten, da weniger Aktionäre direkt anwesend wären.

Virtuelle HVs oder Hybride können auch ein zusätzlicher Beschleuniger für die Digitalisierung der Investor Relations sein, denn sie dürfte börsennotierte Gesellschaften ermuntern, mit anderen virtuellen Formaten, etwa bei Investorenkonferenzen oder Roadshows, zu experimentieren. In diesem Sinne könnte die aktuelle Saison eine Zäsur bedeuten und den Durchbruch der Digitalisierung auch bei HVs sowie in der gesamten Investoren- und Kapitalmarktkommunikation markieren.

 

 

 

Über den Autor

Alexander Schmidt

Alexander Schmidt ist Head of Capital Markets Communications bei Edelman in Frankfurt.