Am 21. November war es soweit: In seiner Key Note zum Eigenkapitalforum 2016 verkündete Carsten Kengeter, CEO der Deutschen Börse, dass diese ein neues Segment speziell für kleine und mittlere Unternehmen ins Leben rufen wird.  Seitdem wird das Thema intensiv und durchaus kontrovers diskutiert. Auch wenn noch nicht alle Details bekannt sind, läßt sich eine erste Einschätzung vornehmen. Von Klaus Schinkel

Klaus Schinkel, Edison Investment Research
Klaus Schinkel, Edison Investment Research

Was ist bekannt?

Das Ziel des neuen Segments ist klar: kleinen und mittleren Unternehmen soll der Zugang zu Kapital zur Finanzierung des Wachstums erleichtert werden. Das neue Segment löst den Entry Standard ab. Allerdings werden nicht alle dort notierten Unternehmen in das neue Segment wechseln können. Interessierte Emittenten müssen eine Reihe von Reifekriterien erfüllen.

Darüber hinaus gibt es weitere Neuerungen. So muss jeder Börsengang in diesem Segment von einem Kapitalmarktpartner begleitet werden. Auch nach dem Börsengang steht der Kapitalmarktpartner dem Emittenten zur Seite

Außerdem werden für jedes Unternehmen obligatorisch regelmäßig Equity Research Studien veröffenlicht. Die Beauftragung erfolgt direkt durch die Deutsche Börse.

Neuer Markt 2.0?

Dass es sich bei dem neuen Segment nicht um eine Neuauflage des Neuen Markts handelt, hat die Deutsche Börse mehrfach betont. Der Blick zurück lohnt aber trotzdem:  Die spektakulären Betrugsfälle bei einigen der damals gelisteten Unternehmen und die Praxis einer Reihe von Börsenbriefen und Anlegerzeitungen, deren Empfehlungen zu teilweise extremen Kursübertreibungen führten, sind noch in guter Erinnerung. Als die Dotcom Blase platzte führte dies zu einem massiven Vertrauensverlust.

Auf den Punkt gebracht scheiterte der Neue Markt also nicht zu letzt an mangelnder Qualitätskontrolle bei den Emittenten und dem Mangel an transparenten und verläßlichen Informationen über die gelisteten Unternehmen.

Ein Ökosystem der Wachstumsfinanzierung

Die Deutsche Börse hat ihre Lehren aus den Erfahrungen der Jahrtausendwende gezogen. Den ersten Qualitätsfliter bilden die erwähnten erforderlichen Reifekriterien.  Die Tatsache, dass jeder Emittent zwingend einen erfahrenen Kapitalmarktpartner an seiner Seite hat, sollte die Wahrscheinlichkeit böser Überraschungen weiter vemindern.

Auch beim Thema ‚Transparenz und Information‘ setzt die Deutsche Börse an und organisiert regelmäßig unabhängige Research Studien für jedes notierte Unternehmen – dies ist ein wichtiger Baustein, um die Informationsasymetrie zu verrringern. So führt auch der Bericht der EU IPO Task Force die Bereitstellung von Analyst Research als eine Empfehlung auf, um funktionierende Kapitalmärkte für KMUs zu gewährleisten.*

Eine Reihe von internationalen Wertpapierbörsen haben dies erkannt und unterstützen die bei ihnen notierten Emittenten diesbezüglich. Als Beispiele sind hier die Neuseeländische Börse, die Tel Aviv Stock Exchange, die Schweize Börse und auch die Singapore Stock Exchange zu nennen.

Um sicherzustellen, dass auch kleinere institutionelle Investoren, Family Offices , Vermögensverwalter und auch Retailinvestoren Zugriff auf diese Analysen haben, wird das Research frei verfügbar sein. Die Deutsche Börse hat es sich zum Ziel gesetzt, das Interesse internationaler Investoren für die Unternehmen des neuen Segments zu wecken. Die Research Reports werden daher auf Englisch veröffentlicht und eine deutschsprachige Zusammenfassung erstellt.

Es geht darum, eine Grundversorgung mit Research zu gewährleisten. Idealerweise wird die Abdeckung über die Zeit durch Analysen weiterer Researchhäuser ergänzt.

Weitere Schritte, wie zum Beispiel die Schaffung eines entsprechenden Index, um die notierten Unternehmen weiter in den Fokus nationaler und internationaler Investoren zu rücken, werden bereits diskutiert.

Fazit

Die Deutsche Börse unternimmt mit der Schaffung eines neuen Segments für kleine und mittlere Unternehmen einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Selbstverständlich wäre es naiv zu glauben, dass das neue Segment auf einen Schlag alle Probleme löst und einen Boom von Börsengängen zukünftiger Weltmarktführer hervorruft. Die oft bemängelte ‚fehlende Aktienkultur‘ in Deutschland lässt sich nicht über Nacht ändern.

Steuerliche Vergünstigungen bei Investitionen könnten die Initiative weiter unterstützen. Auch beim Wachstumssegment der Londoner Börse, AIM, gibt es solche Vergünstigungen.

Beginnend mit dem Venture Network und Venture Match hat die Deutsche Börse hier einen sinnvollen und durchdachten Ansatz gewählt, um kapitalsuchende Unternehmen in ihren verschiedenen Wachstumsphasen zu unterstützen.  Mit dem KMU Segment wird ein weiterer wichtiger Baustein diesem Ökosystem hinzugefügt.

Der Gastautor Klaus Schinkel ist Director bei Edison Investment Research in Frankfurt.

 

* FESE (2015) EU IPO Report – Rebuilding IPOs in Europe Creating jobs and growth in European capital markets

Über den Autor

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