Barbara Georg, Head of Listing & Issuer Services, Deutsche Börse AG

Während auf dem Markt für Mittelstandsanleihen im vergangenen Jahr die Emissionstätigkeit durchgehend hoch war, kam es am IPO-Markt erst im letzten Quartal zu nennenswerten Eigenkapitalaufnahmen. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin zieht Barbara Georg dennoch eine positive Bilanz und erklärt, wie man die Rahmenbedingungen für mittelständische IPOs verbessern könnte.

GoingPublic: Frau Georg, mit großen IPOs wie Telefónica oder Talanx konnte sich der Primärmarkt 2012 sehen lassen. Wie schätzen Sie das Jahr 2012 ein?
Georg:
Mit insgesamt elf IPOs, acht davon im Prime Standard und drei im Entry Standard, und einem Emissionsvolumen von rund 2,4 Mrd. EUR sowie einem Volumen von rund 6 Mrd. EUR über Kapitalerhöhungen der bereits gelisteten Unternehmen konnte der Primärmarkt im Jahr 2012 durchaus wieder einen relevanten Beitrag zur Finanzierung von Unternehmen leisten. Allerdings sind mit den beiden großen Börsengängen von Telefónica und Talanx im Prime Standard die größten Kapitalaufnahmen erst im 4. Quartal getätigt worden. Die ersten neun Monate verliefen entsprechend der wirtschaftlichen Situation sehr verhalten.

GoingPublic: Nur vier Monate nach dem Börsengang des deutschen Mittelständlers Hess AG meldete das Unternehmen Insolvenz an. Was bedeutet dies für potenzielle Nachahmer?
Georg:
. Grundsätzlich ist eine Insolvenz so kurz nach einem IPO, unabhängig davon in welchem Transparenzsegment das IPO durchgeführt wurde, sicher nicht hilfreich für das Klima von Börsengängen. Das ist schade, aber sicherlich eher der Einzelfall. Der jüngste Deutsche Börse IPO-Indikator für das 1. Quartal 2013 sieht gute Perspektiven für Börsengänge in den kommenden Monaten, insbesondere aufgrund der verbesserten Stimmung bei den Marktteilnehmern.

GoingPublic: Inwiefern ließen sich die Rahmenbedingungen für mittelständische IPOs hierzulande verbessern?
Georg:
Die Marktbedingungen, wie z.B. Anlagevolumen von Fondgesellschaften für SMEs, Risikobereitschaft der Investoren oder die Aktienkultur in Deutschland, fallen immer noch nicht günstig für kleine IPOs aus. So sind die technischen Rahmenbedingungen für IPOs an der Deutschen Börse ausgesprochen gut. Wir bieten einen hocheffizienten und liquiden Primärmarkt und mit dem Prime Standard, dem General Standard und dem Entry Standard drei unterschiedliche Transparenzsegmente. Emittenten haben somit die Wahl, sich entsprechend ihrer Erfahrung, Ressourcen und Transparenzbereitschaft das für sie geeignete Segment zu wählen. Investoren können auf einheitliche, etablierte Standards vertrauen. Die global vernetzte, hoch performante und zuverlässige Handelsplattform Xetra der Deutschen Börse verbindet die Emittenten dabei unabhängig vom Transparenzstandard mit institutionellen und privaten Investoren in aller Welt.

GoingPublic: Ist die geplante Finanztransaktionssteuer ein richtiger Schritt?
Georg:
Wichtig ist darauf zu achten, dass die Marktbedingungen sich nicht weiter verschlechtern. Die geplante Finanzmarkttransaktionssteuer ist hierbei aus Sicht der Deutschen Börse ein Schritt in die falsche Richtung, der die Kapitalaufnahme von Unternehmen, insbesondere für mittlere und kleinere Unternehmen, verteuern und erschweren wird.

GoingPublic: LEG legte den ersten Börsengang des Jahres hin. Was ist Ihrer Meinung nach von 2013 noch zu erwarten?
Georg:
Der Börsengang der LEG brachte bereits früh in diesem Jahr ein Emissionsvolumen von rund 1,3 Mrd. EUR auf die Waage. Dies setzt früh ein positives Signal im Markt und wir hoffen, dass das Volumen von 2012 mindestens erreicht bzw. übertroffen werden kann.

GoingPublic: Viele Unternehmen wählten 2012 die Mittelstandsanleihe, um sich frische finanzielle Mittel über den Kapitalmarkt zu besorgen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Georg:
Durchweg positiv. Mit 19 Bondemissionen im Entry Standard für Unternehmensanleihen und einem Emissionsvolumen von rund 650 Mio. EUR im Jahr 2012 haben sich zahlreiche junge und mittelständische Unternehmen für diese neue Finanzierungsalternative entschieden. Damit hat die Deutsche Börse die Marktführerschaft in Deutschland erreicht. Ende 2012 waren 27 Anleihen junger und mittelständischer Unternehmen im Entry Standard für Unternehmensanleihen gelistet.

GoingPublic: Und was erwartet uns 2013 auf dem Markt für Mittelstandsanleihen?
Georg:
Mit der erfolgreich platzierten Anleihe der Rudolf Wöhrl AG mit einem Emissionsvolumen von 30 Mio. EUR ist der Entry Standard für Unternehmensanleihen auch gut ins neue Jahr gestartet. Sofern die Marktbedingungen stabil bleiben, ist mit einem wieder guten Anleihejahr zu rechnen. Wichtig wird sein, gemeinsam mit unseren Marktteilnehmern an der Nachhaltigkeit des Segments zu arbeiten.

GoingPublic: Mit MTU, SAF-Holland und der Deutschen Börse haben drei Unternehmen den Prime Standard für Anleihen gewählt. Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie hier?
Georg:
Die Erfolgsmechanismen des Entry Standard für Unternehmensanleihen gelten im Prinzip auch für den Prime Standard für Unternehmensanleihen. Der Start im letzten Jahr ist aus unserer Sicht gut gelungen. Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die sich für diese Finanzierungsform interessieren. Daneben ist es auch unser Anliegen, bereits ausstehende Anleihen mit Fokus auf Retailinvestoren vom Prime Standard für Unternehmensanleihen zu überzeugen und ein Umlisting zu erreichen.

GoingPublic: Im Dezember 2012 wurde das First Quotation Board geschlossen. Was bedeutet dies für Unternehmen?
Georg:
Die Schließung des First Quotation Boards zum 15. Dezember und die verschärften Regeln für den Entry Standard, die wir vergangenen Juli eingeführt haben, wurden vom Markt positiv aufgenommen. 2012 sind 37 Unternehmen vom Open Market in den Entry Standard aufgestiegen. Die Maßnahmen waren ein wichtiger Schritt, um die Transparenz, Qualität und Effizienz des Gesamtmarktes zu verbessern und damit die nachhaltige Kapitalaufnahme und die Handelbarkeit sicherzustellen.

GoingPublic: Frau Georg, vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

Dieses Interview ist erschienen im Corporate Finance & Private Equity Guide 2013.