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Dr. Wolfgang Blättchen

Auch die IPO-Aktivitäten an den US-amerikanischen Börsen haben sich im letzten Jahr wieder deutlich belebt. Insgesamt erzielten die nordamerikanischen Börsen im letzten Jahr einen Zuwachs von über 120 Neuemissionen bei einem Gesamtvolumen von rd. 40 Mrd. USD. Im Jahr zuvor lagen diese Zahlen noch bei 51 IPOs bzw. bei einem Volumen von rd. 18 Mrd. USD1. Isoliert betrachtet scheint Amerika wieder an seine alte Stärke als führender Kapitalmarktplatz für Wachstumsfinanzierung anzuknüpfen. Leider kann davon jedoch keine Rede sein, wenn man die weltweiten IPO-Aktivitäten der letzten Jahre betrachtet. Die amerikanischen Börsenplätze werden zunehmend von den aufstrebenden asiatischen Finanzplätzen verdrängt. Insbesondere haben sich die chinesischen Börsen als Zugpferd für die globale Finanzierung von Börsendebütanten entwickelt. So betrug der Anteil chinesisch-stämmiger Emittenten am weltweiten IPO-Geschehen im Jahr 2010 rund 40% (447 IPOs) bzw. bezogen auf das erzielte Emissionsvolumen 38% (104 Mrd. USD). Dabei wählte auch die Mehrheit der Emittenten die örtlichen Börsen für ihre Notierung. Eine ähnliche Konstellation existierte bereits im Jahr 2009. Eine Ursache für den Verlust der Führungsrolle des amerikanischen Kapitalmarkts liegt zum einen natürlich in dem schwachen wirtschaftlichen Umfeld, in dem Amerika seit nunmehr fast vier Jahren steckt. Zum anderen tragen die seit Beginn des letzten Jahrzehnts eingeführten strengen Börsenregularien der SEC dazu bei, dass sich IPO-Anwärter, selbst Facebook oder Twitter, aber vor allem ausländische Emittenten beim Schritt an den amerikanischen Kapitalmarkt zurückhalten.

Die beiden führenden chinesischen Börsenplätze Hongkong und Shanghai sind aktuell erste Wahl für Emittenten und Investoren nicht nur mit lokalem Bezug. Es sind zunehmend auch in Europa beheimatete Unternehmen, die den langen Weg nach China für eine Aktiennotierung antreten, wobei der Börsenplatz Honkong aufgrund regulatorischer Besonderheiten zurzeit noch die einzig gangbare Börse für ausländische Emittenten darstellt. Unter den europäischen Debütanten finden sich bekannte Adressen wie Prada, Samsonite oder Rusal. Statt ihre nationale Heimatbörse oder eine alternative europäische Adresse zu wählen, wird Hongkong präferiert. Ebenso haben deutsche Unternehmen den chinesischen Kapitalmarkt entdeckt, um ihre Aktien erstmalig zu notieren. Die Schramm Holding hat im Jahre 2009 den Vorreiter gespielt. Hier spiegelt sich die paradoxe Situation an den hiesigen Börsen wider, wonach auf der einen Seite chinesische Emittenten aus dem Small- und Mid-Cap-Bereich bei ihrem Börsengang erfolgreich stark umworben werden, auf der anderen Seite die großen bzw. bekannten „Fische“ an die asiatischen Börsen gehen. Es ist dennoch an dieser Stelle positiv hervorzuheben, dass sich ausländische Unternehmen bzw. chinesisch-stämmige Börsenanwärter an den deutschen bzw. europäischen Kapitalmarkt wenden. Sicherlich wäre es noch schöner, wenn die hiesigen „Blue-Chip“-Unternehmen sich auch von einem Börsengang an der heimischen Börse überzeugen ließen und die großen amerikanischen Internet-Unternehmen wie früher ein IPO anstrebten, statt im „Pre-IPO-Markt“ für privilegierte Investoren oder Mitarbeiter zu handeln. Vielleicht bringt die bevorstehende Fusion zwischen der Deutschen Börse und der New York Stock Exchange die dafür erforderliche Aufmerksamkeit und Bedeutung für den deutschen bzw. europäischen Kapitalmarkt.

Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen
Ursprünglich erschienen im GoingPublic Magazin 06/2011.
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*) In die Statistik des GoingPublic Magazins (15 IPOs 2010, Emissionsvolumen: 2,6 Mrd. EUR) floss ADC nicht als IPO ein.

1) Quelle: Thomson Financial