Im dritten Jahr der Baisse ist Deutschlands Markt für Neuemissionen noch immer schwer angeschlagen. Die Börse ist hoch volatil. Was eben noch als „window of opportunity“ offen steht, kann im nächsten Augenblick schon wieder zuschlagen. Kein Umfeld, in dem man ein Unternehmen halbwegs ruhigen Gewissens an die Börse bringen könnte. Die Konsequenz daraus: Man läßt es bleiben. Noch kein einziger deutscher Börsenkandidat fand im neuen Jahr den Weg an die Börse.

Selbst in den USA mit seinem ungleich größeren Investmentpotential ist es nicht besser. Mit Bancshares of Florida konnte das erste IPO erst Mitte Februar plaziert werden und war dabei mit 0,9 Mio. Aktien relativ mickrig. Eine Situation, wie sie es in den USA seit rund 30 Jahren nicht mehr gegeben hatte. Zahlreiche andere Unternehmen sagten dagegen den Börsengang wieder ab. Selbst nach mehrmals reduzierter Bookbuilding-Spanne und verringertem Emissionsvolumen hatten sich nicht genügend Interessenten finden lassen.

Und nun? Alles verloren, weil selbst im Land der Superlative nichts mehr zu holen ist? – Mitnichten. Die zukünftige Supermacht China zeigt uns, wie es richtig geht. Zugegeben, auch in Hongkong hat es bis zum 13. Februar gedauert, bis der erste Börsengang unter Dach und Fach war. Dennoch unterscheidet sich das IPO des chinesischen Frachtunternehmens Sinotrans von dem der Bancshares of Florida (BoF) dramatisch, denn anders als bei BoF wurden nicht ein paar Millionen, sondern insgesamt 420 Mio. US-$ eingesammelt. Auch war es nicht nötig, die Bookbuilding-Spanne herabzusetzen, damit doch bitte jemand zeichne. Der Sinotrans-Emissionspreis wurde am oberen Ende der Preisspanne festgelegt, und trotzdem fanden sich genügend Käufer – allein die Tranche für institutionelle Investoren war zehnfach überzeichnet. Fast so wie in besseren Tagen am Neuen Markt. Auch der erste Handelstag lief anders als üblich ab. Trotz eines schwachen Hang-Seng-Index gewann die Aktie 2,7 %. Das ist nicht gigantisch, zeigt aber trotzdem deutlich die Stimmung der dortigen Investoren.

Verständlich, dass bei solch einem Börsengang jeder dabei sein will, und zumindest einen Glücklichen gibt es schon. Klaus Zumwinkel hält mit seiner Post AG seit neuestem 5 % am chinesischen Marktführer für Logistik. 52,5 Mio. Euro hat ihn der Spaß gekostet, und es dürfte sich gelohnt haben, obwohl sich auch die Konkurrenz wie UPS oder Exel ihren Anteil am chinesischen Transporter gesichert hat.

Jetzt heißt es also umdenken für den globalisierten Anleger. Nicht die alte, noch die neue Welt interessieren. China gibt den Ton an – und wir warten auch den ersten chinesischen Direkt-Broker!

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Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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