Nicht nur die gegenwärtige Börsensaison drängt uns harte Entscheidungen auf. Jetzt gilt es, sich das abgeltungssteuerfreie Alterssicherungsportfolio mit Aktien und Aktienfonds zusammen zu stellen. Und bessere Einstiegskurse als gegenwärtig sind kaum vorstellbar. Vielleicht geht es noch einmal 10 oder 20 % herunter, aber das jetzt sind auf jeden Fall schon Sonderangebotskurse.

Doch viele schrecken zurück. Viele denken an den Zusammenbruch, an den großen Crash. Natürlich kann es sich jeder so zurechtlegen, dass die Fakten dabei auf seiner Seite sind. Doch waren die Fakten nicht bereits die gleichen, als vor einem Jahr alle, die jetzt zittrig werden, noch auf der Käuferseite standen?

Für mich verbirgt sich hinter all dem ein ganz allgemeines Problem: Wer handeln will – im Leben wie an den Märkten –, braucht dazu klare Orientierungen. Jedes Handeln benötigt entweder ein klares Ja oder ein klares Nein. Wer versuchen würde, alle entscheidungsrelevanten Details zu kennen und auszuwerten, würde unweigerlich bei einem „Jein“ angelangen. Doch das ist keine Basis für eine Entscheidung.

Wer alles weiß, weiß letztlich gar nichts mehr und nimmt nur noch ein „weißes Rauschen“ wahr. Er taumelt wehrlos im Kreisel des infiniten Regresses umher. Wer also entscheiden will und entscheiden muss, der ist gezwungen, seine Suche nach Informationen und Argumenten an einer beliebigen Stelle abzubrechen. So weit die Außenperspektive unserer Entscheidungen.

Doch wo ist nun diese Stelle, an der wir unsere Suche nach Entscheidungskriterien unterbrechen? Warum betrachten wir das eine Argument noch als wichtig und entscheidungsrelevant, schieben das andere jedoch als irrelevant und nicht mehr beachtenswert zur Seite? An dieser Stelle kommt die Innenperspektive unserer Entscheidungen zum Tragen.

Und meine jahrzehntelange Beschäftigung mit diesem Thema sagt mir ganz klar: Diese Seite, die Innenseite, ist viel entscheidender als die Außenseite. Im Gegensatz zur konventionellen Auffassung werden unsere Entscheidungen keineswegs aufgrund der nackten Fakten und der objektiven Datenlage getroffen, sondern durch unsere innere Wahrnehmung dieser äußeren Fakten. Unsere Entscheidungen hängen damit in weit größerem Maße von unseren inneren Dispositionen, unseren Prädispositionen ab als von den objektiven Fakten.

Konkret bedeutet das: Wer jetzt vor Käufen zurückschreckt, trägt den Pessimismus in sich selbst. Nicht die Fakten sind pessimistisch, auch nicht der Markt, sondern eine große Anzahl von Menschen sind es. Und sie werden genauso an der Kette des Nasenringes durch die Gegend gezogen wie das im umgekehrten Fall beim Optimismus in der Hausse der Fall ist. Nur dass der Weg dabei ein anderer ist. Der Falsche ist es jedoch in jedem Fall.

Ich habe zehn Jahre und ebenso viele Bücher gebraucht, um diese Struktur und das Verständnis dafür einigermaßen in den Griff zu bekommen. Und immer noch immer gibt es jede Menge blinder Flecken. Vielleicht haben Sie ja einmal Lust, in meine neuesten Ergebnisse hereinzuschauen: Bernd Niquet, „Der MADchester-Kapitalismus – das Buch zur Krise“, 143 Seiten, Volk Verlag, München 2008.

Bernd Niquet

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