Werbung

Es ist auch eine fundamentale Krise. Hauptsächlich aber ist es eine Vertrauenskrise. Die Banken sind extrem liquide, doch sie leihen sich diese nicht gegenseitig aus, sondern parken sie lieber zu schlechteren Konditionen bei der Zentralbank. Die Anleger haben ebenfalls volle Taschen, doch sie trauen sich nicht zuzugreifen. Für ein derartiges Ausmaß an Vertrauensmangel stehen die Aktien eigentlich noch sehr gut: Der Dax knapp unter 6.000 und damit noch 150 % höher als im Krisenjahr 2003. Und der Dow Jones dick über 10.000 Punkte.

Rein marktmäßig betrachtet hätte es also weit schlimmer kommen können, ja eigentlich kommen müssen. Hätte mir jemand vor 10 Jahren gesagt, dass das, was wir gegenwärtig erleben, heute tatsächlich passieren könnte, hätte ich ihn für verrückt gehalten. Doch wenn er dann noch behauptet hätte, dass die Aktienkurse trotzdem so hoch stehen und das nicht das Ende der Finanzwelt ist, hätte ich ihn gleich für doppelt verrückt gehalten.

Niemand weiß heute, was tatsächlich los ist. Das Einzige, auf das wir hören können, sind die Kurse. Und diese sagen uns, dass wir es nicht mit einer epochalen Krise zu tun haben. Jedenfalls bis jetzt nicht. Und dass die Bankaktien derart heftig in den Keller rauschen, hat positive wie negative Effekte: Die einen werden aus dem Markt ausscheiden und die anderen stehen anschließend noch besser da. So lange es immer wieder Retter gibt, wird mir nicht wirklich bange.

Und was ist nun mit unserem Geld? Ein beliebtes Spiel ist es, die Höhe der Verbindlichkeiten einer notleidenden Bank mit der Höhe des Einlagensicherungsfonds zu vergleichen. Das ist jedoch illegitim. Ganz vereinfacht dargestellt: Wenn eine Bank fünf Prozent Eigenkapital besitzt und ihre Vermögenswerte in der Summe so weit fallen, dass sie den Verbindlichkeiten entsprechen, ist das Eigenkapital aufgezehrt und die Aktien sind wertlos.

Aber dennoch sind in diesem Fall alle Verbindlichkeiten immer noch zu hundert Prozent durch werthaltiges Vermögen gedeckt! Das muss man immer berücksichtigen. Sollte also ein Institut tatsächlich ein Fall für den Einlagensicherungsfonds werden, so sind die Zahlungen, die durch diesen geleistet werden, vergleichsweise klein. Überdies gewährt der Staat bei seinen Rettungsaktionen stets nur Ausfallbürgschaften. Wenn es also gelingt, das Gerüst der Forderungen und Verbindlichkeiten stabil zu halten, könnte es in der Tat so sein, dass die wirkliche Situation weit weniger dramatisch aussieht als gegenwärtig befürchtet.

Die viel gravierendere Gefahr droht dann jedoch durch die Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Wie steht es mit Kreditvergaben für gute Geschäfte? Wie viele Jobs gehen verloren? Normalerweise drehen die Aktienkurse immer dann, wenn das Ausmaß der Krise ersichtlich wird, bereits wieder ins Positive. Das kann auch dieses Mal gut möglich sein. 25 Prozent vom Top haben wir ja schon korrigiert. Das eskomptiert durchaus eine Rezession.

Andererseits ist natürlich auch möglich, dass es weit gravierender wird. Doch darüber lässt sich derzeit nichts sicher sagen. Die Angst ist sehr groß, doch mit Tatsachen ist sie nicht unterlegt. Sicher sagen lässt sich nur, dass der deutsche Anleger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das größte Steuergeschenk seines Lebens, das ihm nur noch in diesem Jahr serviert wird, mit großer Konsequenz verpassen wird.

Bernd Niquet

Die GoingPublic Kolumne ist ein Service des GoingPublic Magazins, Deutschlands großem Kapitalmarktmagazin. Bezogen werden kann das Magazin unter www.goingpublic.de. GoingPublic ist allein für die Inhalte der Kolumne verantwortlich. Informationen zu einzelnen Unternehmen stellen keine Aufforderung zum Kauf bzw. Verkauf von Aktien dar. Die Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.