Zunächst waren es noch das Mercedes-Junior-Team sowie das Davis-Cup-Team des Deutschen Tennis-Bundes, für die Boris Becker medienwirksam als Teamchef agierte. Doch schon schnell wurde dem Ex-Wimbledon-Champion, der von sich sagt „Ich bin keine nationale Größe, sondern einer der bekanntesten Menschen der Welt“ diese Bühne zu klein. Querelen mit den Jungen Wilden innerhalb der Teams, allen voran Nicolas Kiefer, taten ihr übriges. Becker gab beide Posten schnell wieder auf. Anstatt nun seinen Wohlstand zu genießen und wie andere ehemalige Sportler gelegentlich als Fernseh-Kommentator aufzutreten, wollte Becker mit aller Macht zurück ins Rampenlicht: Big Business statt Babs und Babys! Die glitzernde Welt der Internet-Start-ups war zudem verheißungsvoller als enge Sprecherkabinen und überfüllte VIP-Lounges auf den Tennis-Courts dieser Welt, auf denen der Ex-Weltranglisten-Spieler überdies sein halbes Leben verbracht hat. Etwas Abwechslung mußte einfach sein! Ein Werbeauftrag von AOL kam dabei wie gerufen – und das Paket AOL-Aktien natürlich ebenso. Becker kommt mit seinem Auftritt ähnlich gut an wie AOL-Boss Steve Case und weiß sich gut in Szene zu setzen. Die Rolle eines „Internet-Botschafters“ paßt daher sicher gut zu seinem Naturell. Beckers zweifelsohne hervorragende Kontakte zu Persönlichkeiten aus den Bereichen Politik, Sport und nicht zuletzt der Wirtschaft öffnen ihm so manche Tür, die für andere verschlossen bleibt.

Die Mit-Gründung eines Internet-Start-ups war daher die logische Konsequenz des bisherigen Handelns. Im Gegensatz zu manch kleinem Internet-Entrepreneur muß der Star weder Türklinken putzen, um an das nötige Kapital heranzukommen, noch fällt es ihm schwer, die richtigen Kooperationspartner ins Boot zu holen: Pixelpark ist eine der führenden Internet-Agenturen, die den Web-Auftritt professionell gestalten kann und sich darüber hinaus auch finanziell an Sportgate beteiligt – die Investitionen in Sportgate sollen sich nach Angaben von Pixelpark-Chef Paulus Neef in diesem Jahr auf rund 10 Mio. Euro und bis zum angestrebten Börsengang in 2002 auf rund 25 Mio. Euro belaufen. Zudem steht das Medien-Imperium Bertelsmann als Anteilseigner hinter Pixelpark. Mit Helmut Thoma konnte Becker darüber hinaus einen excellenten Kenner der Medien-Branche als Geschäftsführer für Sportgate verpflichten, der ebenfalls aus dem Hause Bertelsmann kommt. Bei Sportgate wird also von vorneherein nicht gekleckert, sondern geklotzt.

Trotz dieser anscheinend optimalen Voraussetzungen bleibt jedoch eines noch unklar: Womit soll bei Sportgate eigentlich das Geld verdient werden? Ein Internet-Portal für den Breitensport mit der Beteiligung des Deutschen Sportbundes ist sicher eine lobenswerte Einrichtung. Auch steht nicht zu bezweifeln, daß das Zugpferd Boris Becker zumindest kurzfristig Werbeeinnahmen in Millionenhöhe akquirieren kann. Insgesamt erscheint das Konzept jedoch recht schwammig, ein Alleinstellungsmerkmal fehlt überdies. Bisher hat es der gefeierte Jungunternehmner bei seinen Aktivitäten abseits des Tennis-Courts leider auch meist an der erforderlichen Nachhaltigkeit mangeln lassen. Die Gefahr ist daher groß, daß sich Sportgate zu einer Eintagsfliege entwickeln könnte. Und was passiert darüber hinaus, wenn das Medieninteresse an dem ehemaligen Tennis-Star einmal erlahmen sollte? Auch andere Sportler mußten schon erleben, daß ihr Marktwert mit zunehmendem Abstand von ihrem Aktivendasein sinkt. Viele Sportler sind daher als Geschäftsleute auf die Nase gefallen, wenn sie das Rad überdreht haben: Man denke nur an das Firmenkonglomerat von Björn Borg, das wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen ist! Mittlerweile ist die schwedische Tennis-Legende nur noch ein tragisches Beispiel dafür, wie die falschen Berater sowie ein übersteigertes Ego einen Sportler von den einstigen Höhen der Karriere in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit führen können.

Boris Becker sollte daher vorsichtig sein und sich nicht zu sehr auf seinen wohlklingenden Namen und seine guten Kontakte verlassen. Eine gewisse Zurückhaltung bei riskanten finanziellen Engagements wie Sportgate wäre überdies empfehlenswert – nötig hat es der Multimillionär sowieso nicht mehr.

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