In Zeiten, in denen keine ehemalige Ikone des Wachstumsmarktes davor sicher ist, schwarze Löcher in der eigenen Bilanz entdecken und erklären zu müssen, klammert sich der Aktienkäufer gerne an etablierte Geschäftsmodelle und starke Großaktionäre, deren eigenes Geld im Unternehmen eine gewisse Selbstverpflichtung verheißt. Doch seit wenigen Tagen ist auch dies in Frage gestellt. Man nehme ein paar Vokabeln, auf die derzeit so ziemlich jeder Aktienbesitzer empfindlich reagiert, dazu eine kleine Firma, die man zum Analysehaus erklärt, und die üblichen Verbreitungskanäle für solche Nachrichten. Fertig ist die Kursbewegung.

So wie eine WCM-Aktie durch die nackte Angst der Miteigentümer abgeschlachtet wurde, konnten vor ein paar Jahren Internet-Buden durch die Angst derselben Leute, beim Boom nicht dabei zu sein, astronomische Bewertungen erreichen. Darf man erwarten, daß ein Lerneffekt eingetreten wäre? Kürzlich noch hießen die Kursziele der zugehörigen Aktien "Dausend!", heute wird man bescheidener: 2,86 Euro im Falle WCM und keinen Cent mehr oder weniger. Sind Analysten nicht geniale Auguren, daß sie die Unsicherheit so exakt ausrechnen können?

Wenn es noch seriöse Analysten gibt, so wird deren Leben durch willige bezahlte Kollaborateure skrupelloser Leerverkäufer, wie es im Falle WCM nicht ganz auszuschließen sein könnte, nicht leichter. Ein weiteres Signal mögen die Lenker deutscher Börsengesellschaften bitte nicht übersehen: Nur wo Aktionäre nicht vom inneren Wert ihres Unternehmens überzeugt sind, können Panikverkäufe passieren. Sprich: Intransparenz, Geheimniskrämerei, Desinformation – all die Mittel, die in den Vorstandsetagen so beliebt sind, um die Teilhaber nicht mehr als gesetzlich nötig über ihr Vermögen wissen zu lassen, sichern Leerverkäufern ihr Eldorado.

Als Antwort auf informationshungrige Miteigentümer wertvoller Gesellschaften hat der Kapitalmarkt die Squeeze-out-Regel bekommen. Kein freier Aktionär muß sich mehr Sorgen um den wahren Wert seiner Aktien machen, weil man sie ihm bei Bedarf einfach wegnimmt.

Auf dem Weg nach oben haben Unternehmenslenker die seltsamen Kurssprünge wohl gerne unterstützt, immerhin kann man zu Traumpreisen eigene Aktien losschlagen (in Deutschland bisher garantiert straffrei) oder neue Aktien plazieren. In Zeiten rarer Bankkredite könnte der Verkauf junger Aktien über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wo hätten Sie den Kurs gerne? Bei einem angemessenen Wert oder da, wohin ihn die Panik treibt?

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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