Während der Baisse der vergangenen Jahre gingen viele innerhalb der Financial Community von der Theorie aus, daß die IPOs nun eine besondere Qualität haben müßten. Doch was uns auch noch während des Börsenabschwungs am IPO-Markt geboten wurde, ist schwerlich der Rubrik „Qualitätsunternehmen“ zuzurechnen. Firmen wie Trading-house.net, AIG International Real Estate, VCH Best-of-VC oder Uniprof gehören sonstwo hin, aber nicht in die Kategorie der geforderten Qualitäts-IPOs. Alle Marktteilnehmer haben aus der Vergangenheit gelernt; niemand könnte es, mit Blick auf seinen eigenen Ruf, auch nur wagen, einen ähnlichen Versuch zu starten – so hätte man jedenfalls meinen sollen. Doch der menschlichen Phantasie sind offensichtlich doch keine Grenzen gesetzt.

Mitte September trat der IR-Verantwortliche eines bis dahin am Markt völlig unbekannten Finanzdienstleistungsinstituts auf den Plan und berichtete stolz vom ersten deutschen IPO des Jahres, einem britischen Biotech-Unternehmen, das man in Deutschland plazieren wolle. Doch rasch zeigte sich, daß es mit der Qualität nicht weit her sein kann: Ein Geschäftsführer des Finanzdienstleistungsinstituts war früher bereits in leitender Funktion bei der insolventen BAV Börsenmakler GmbH tätig. Während seiner Tätigkeit hat die BAV-Firmengruppe Unternehmen wie TC Unterhaltungselektronik (TCU) und Unit Energy plaziert. Wie sich diese „Qualitäts-Unternehmen“ entwickelt haben, ist bekannt. Bei dem besagten britischen Biotechnologie-Unternehmen handelt es sich um ein Unternehmen, das bislang nicht einmal ein tragfähiges Geschäftsmodell vorweisen kann. Vielleicht sollte man es mal mit Early Stage-VC probieren. Um es kurz zu machen, das IPO soll nun doch nicht stattfinden, zum Glück.

Die Qualitäts-IPOs, sie lassen sich förmlich bitten. Doch langsam wird es Zeit, schließlich kann der neuerliche Börsenboom, von dem man angesichts elevierter Börsenstände durchaus sprechen darf, nicht ungebremst fortschreiten. Daher scheinen ernstzunehmende Börsenkandidaten ihre Chance aus eingeschliffener Zögerlichkeit zu verpassen, zumindest hinsichtlich des optimalen Zeitpunkts. Zu deutlich sind wohl noch die Narben, die der Neue Markt bei seinem Abriß hinterlassen hat. Die Zeit heilt nun aber bekanntlich alle Wunden, und so sollten die gewünschten Qualitäts-Kandidaten bitte nicht zu lange auf sich warten lassen – im eigenen und unser aller Interesse.

Denn die Nachfrage nach hoffähigen Börsenneulingen läßt sich nicht leugnen, schließlich bitten derzeit unzählige Unternehmen ihre und neue Aktionäre mit massiven Kapitalerhöhungen zur Kasse, geschickterweise die Mehrjahreshochs ihrer Aktienkurse auskostend. Wenn das durchgeht, dann auch IPOs – sogar in Deutschland.

Die GoingPublic Kolumne erscheint zweimal wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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