Man kann sich das so richtig schön ausmalen: Greenpeace demonstriert gegen die unterstellte Verwendung von genmanipuliertem Futter bei der Haltung von Kühen, deren Milch von der Großmolkerei Müller verarbeitet wird, und Beschäftigte und Eigner bis hin zum Seniorchef stürmen aus dem Gebäude, um sich mit den Aktivisten ein Handgemenge zu liefern.

Aktionen von Umweltschutz- oder Menschenrechtsorganisationen besitzen eine lange Tradition: Ob gegen Unternehmen mobil gemacht wird, die beim Apartheid-System in Südafrika mitgespielt haben, denen die Ausbeutung von Kindern in Dritte-Welt-Ländern vorgeworfen wurde oder die sich als Umweltsünder etwa mit der Verklappung von Dünnsäure in der Nordsee oder dem übermäßigen Gebrauch von Plastik bei der Ausgabe von Fastfood einen Namen gemacht haben – stets zeigten die Aktionen Wirkung.

Wer erinnert sich nicht an die Auseinandersetzung um die Bohrinsel Brent Spar, die Royal Dutch/Shell zum Inbegriff des bösen multinationalen Konzerns machte. Und ExxonMobile wurde vor wenigen Jahren sogar in vielen Analysten-Kommentaren abgestuft, nachdem Greenpeace mit Bianca Jagger als Galionsfigur den Konzern angeprangert hatte, mit immensen Wahlkampfspenden George W. Bush als erklärten Gegner des Kyoto-Protokolls beim Wahlsieg entscheidend geholfen zu haben. Vor allen Dingen im Vereinigten Königreich, dem größten europäischen Exxon-Markt, verzichteten viele Autofahrer auf den Tiger im Tank.

Die Öl- und Chemie-Multis haben ihre Lektion zu einem großen Teil gelernt, jetzt gelangt ein anderer Industriezweig ins Visier der Umweltschützer: Unternehmen, die im weitesten Sinne mit genmanipulierten Pflanzen oder Genfood zu tun haben, kommen bei den Menschen nicht wirklich gut an. Das zeigen die Aktionen gegen Müller Milch, Kelloggs (Genmais) oder die großen Saatzuchtbetriebe.

Kommt dann noch eine etwas ungelenke Öffentlichkeitsarbeit wie im illustrierten Fall hinzu, geht es ganz schnell an den Umsatz. Dies kann auch jederzeit ein börsennotiertes Unternehmen treffen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie man zu genmanipulierten Erzeugnissen steht und ob die Erörterungen als rational oder nicht gelten dürfen: Genau betrachtet gibt es eigentlich kein irrationaleres Etablissement als den Markt der Märkte, und deshalb heißt es: Vorsicht, Emotionen!

Wer in einschlägige Aktien investiert ist, tut also gut daran, nicht nur den Börsenteil zu verfolgen, sondern auch die gesellschaftliche Diskussion zum Thema. Reagiert ein angegriffenes Unternehmen nicht von Beginn an mit professioneller Kommunikationsarbeit auf Anwürfe, sollten Entscheidungen schnell fallen. Denn das zeigt die Erfahrung: Haben Kampagnen erst einmal Fahrt aufgenommen, entwickeln sie Eigendynamik und sind nicht mehr zu stoppen.

Stefan Preuß

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