Nach der Krise hat sich die traditionelle Hausbankbeziehung durch höhere Risikoprämien und strengere Eigenkapitalvorschriften verändert. Daher ist die Bankenfinanzierung schwieriger geworden. Aber es gibt eine neue Möglichkeit, Fremdkapital aufzunehmen: Seit 2010 steht den Familienunternehmen ein funktionsfähiger Anleihenmarkt für mittelständische Emittenten zur Verfügung.

Diese Veränderungen der Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt im Allgemeinen und für Familienunternehmen im Besonderen zu untersuchen, ist das Verdienst einer neuen Studie der Stiftung „Familienunternehmen“1. Die Studie befasst sich mit den Besonderheiten dieses Emittententypus, der Kapitalmarktfähigkeit, Durchführungstipps und Schlussfolgerungen über die Nutzung des Kapitalmarkts einschließlich der Segmente, die außerhalb des regulierten Marktes stehen. Wesentliches Ergebnis der Studie ist, dass sich Familienunternehmen durch eine Betonung des Kontrollerhalts und der Unabhängigkeit auszeichnen. Zwar werden interne Quellen der Finanzierung weiterhin bewusst präferiert, jedoch wächst das Interesse, ein zusätzliches Standbein der Kapitalmarktfinanzierung mittels Eigen- und Fremdkapitaltitel aufzubauen. Für die Abwägung zur Nutzung des öffentlichen Kapitalmarkts spielt eine besondere Rolle, inwieweit die Regularien einen solchen Zugang erleichtern oder erschweren. Eine wichtige Bedeutung hat hierbei die Definition des „kapitalmarktorientierten Unternehmens“, die im Jahr 2009 Eingang in das Handelsgesetzbuch gefunden hat. Unternehmen, die nicht unter diese Definition fallen, sind von der Erstellung eines Konzernabschlusses nach IFRS befreit und unterliegen weiteren Erleichterungen bezüglich Transparenz und Corporate Governance. Zudem ermöglicht die Emission von Fremdkapitaltiteln zwingenderweise keinen Rechtsformwechsel in eine für Familienunternehmen oft aufwändig zu gestaltende Aktiengesellschaft. Entscheidend bleibt aber grundsätzlich die Bereitschaft zu einer höheren Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit. Folglich sind Kenntnisse über den Schritt an den Kapitalmarkt wichtig. Dazu gehört genügend Expertise zum „Going Public“ wie auch zum „Being Public“.

Der fünf Jahre alte Entry Standard für Aktien zeigt, dass dieses Regulierungskonzept bezüglich Rechnungslegung, Transparenzanforderungen und Corporate Governance aufgeht. Dieses familienunternehmensfreundliche Konzept findet sich auch in den mittelständischen Marktsegmenten für Anleihen, da sie als Segmente des Freiverkehrs „börsenreguliert“ sind und somit nicht die strengen Bürden der kapitalmarktorientierten Kapitalgesellschaften einhalten müssen. Kehrseite ist bei kleineren Kapitalmarktnutzern allerdings eine mangelnde Visibilität, die laut einer neueren DAI-Umfrage2 vor allem in Bezug auf Unternehmensgröße gesehen wird. Ein gezielter Fokus auf Privatanleger kann dieses Defizit jedoch mindern.

Die Studie über Familienunternehmen bestätigt, was wir in den letzten Monaten am Kapitalmarkt erlebten: Die Bereitschaft zur Öffnung der Unternehmen, vor allem über Fremdkapital, ist vorhanden und hat bereits zu einem Emissionsvolumen in diesem Segment von über 1,0 Mrd. EUR an den Börsen Stuttgart, Düsseldorf und Frankfurt geführt. Daraus lässt sich schließen, dass eine solche Diversifikation auch durchgeführt wird, wenn sie finanzierungsstrategisch Sinn ergibt und die Kosten angemessen sind. Wir können heute davon ausgehen, dass sich der Erfolg des Entry Standards für Eigenkapital in den letzten fünf Jahren in den Märkten für mittelständische Anleihen wiederholen kann.

Es lohnt sich somit, die Vor- und Nachteile einer kapitalmarktorientierten Finanzierung abzuwägen. Dies gilt nicht nur, weil man die anziehende Wirtschaft nutzen sollte, um zu wachsen und neue Investitionen mit frischem Kapital zu tätigen, sondern auch weil viele Unternehmen, die sich in den Jahren 2004 bis 2007 über Mezzanine-Programme finanziert haben, eine Anschlussfinanzierung brauchen.

Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen
Ursprünglich erschienen im GoingPublic Magazin 05/2011.

___________________
1) Stiftung Familienunternehmen, München 2011, siehe auch S. 58
2) Die Aktiengesellschaft, Heft, März 2011