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Von daher nehmen die Risiken der importierten Inflation wieder ab. Sorgen bereitet den Ökonomen jedoch das Wachstum der Geldmenge M3, das im dritten Monat hintereinander mit mehr als 6 % deutlich über dem Referenzwert von 4,5 % gelegen ist. Die EZB wird daher voraussichtlich nicht umhinkommen, noch einmal kräftig an der Zinsschraube zu drehen. Anders sieht es in den USA aus: Die jüngsten Daten für den Arbeitsmarkt, die Produktivität und den privaten Verbrauch in USA deuten darauf hin, daß sich die dortige Ökonomie nachhaltig abkühlt. Damit werden weitere Zinserhöhungen durch die Fed immer unwahrscheinlicher, der Druck auf die Renten nimmt spürbar ab. Die Renditen der richtungsweisenden 30jährigen Anleihen sind daher in den letzten Wochen bereits deutlich zurückgegangen.

Die Aktienmärkte haben auf die jüngsten Konjunkturdaten in den letzten Tagen ebenfalls mit sprunghaften Kursgewinnen reagiert: Der Dow Jones hat sich wieder über das Niveau von 10.500 Punkten berappelt, der Euro Stoxx 50 notiert nicht mehr allzu fern von seinem Hoch vom März bei 5.500 Zählern, und auch der DAX hat zu einem neuen Höhenflug oberhalb der 7.000er Marke angesetzt. Lediglich die Technologiebörsen wie NASDAQ und Neuer Markt liegen noch weit unter ihren Höchstständen. Die Frage ist, ob es sich an den Märkten lediglich um ein kurzes Strohfeuer, im Fachjargon auch „Bullenfalle“ genannt, handelt, oder ob der Weg nach oben wieder frei ist. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, ob sich die US-Wirtschaft in einem Soft Landing befindet oder ob die beängstigend niedrige Sparquote in den USA und das rapide steigende Leistungsbilanzdefizit eher auf einen unsanften Aufschlag hindeuten.

Einige Mahner ziehen mittlerweile schon wieder den Vergleich mit dem verhängnisvollen Jahr 1929 heran, als die Fed den Diskontsatz ebenfalls in mehreren Schritten anhob und damit letztlich dem Aktienmarkt die erforderliche Liquidität entzog. Die Folge war ein Jahrhundertcrash nach einer über acht Jahre andauernden Hausse. Auch eine andere Parallele ist bemerkenswert: Während anno 1929 technische Neuerungen wie das Radio, die Elektrizität und das Telefon für Wachstumsimpulse und zunächst steigende Aktienkurse sorgten, wird heutzutage der Siegeszug der Neuen Medien, insbesondere des Internets, für die New Economy mit Aktienbewertungen jenseits von Gut und Böse verantwortlich gemacht.

Ein wesentlicher Unterschied zu damals hat sich jedoch im Jahr 2000 schon klar abgezeichnet: Die anfängliche e-phoria über die vermeintlich unbegrenzten Wachstumsaussichten der dotcoms ist mittlerweile einer spürbaren Ernüchterung gewichen, die sich in den Kursverlusten, abgesagten oder aufgeschobenen Börsengängen und zunehmend kritischen Analysen seit Mitte März niedergeschlagen hat. Dennoch besteht bei vielen Werten aus den Bereichen Internet, Technologie und Medien immer noch eine gravierende Diskrepanz zwischen den aktuell hohen Bewertungen und den langfristig realistischen Wachstumsperspektiven. Daneben ist es noch längst nicht erwiesen, daß sich die zum Teil sehr ambitionierten Geschäftsmodelle auch in bare Münze umschlagen lassen. Selbst Leitfiguren der Internetstock-Fangemeinde wie der Staranalyst Henry Blodget von Merrill Lynch rechnen damit, daß bis zu 75 % der heutigen Internetunternehmen wieder vom Markt verschwinden werden.

Die maßgeblichen institutionellen Anleger sind daher schon wesentlich vorsichtiger geworden und beginnen, bei den Technologie- und Wachstumspapieren die Spreu vom Weizen zu trennen. Daneben bevorzugen die großen Investmenthäuser derzeit defensivere Aktien aus den Bereichen Pharma, Konsum, Versorger und Finanzdienstleistungen, die eher der Old Economy zuzurechnen sind. Aus psychologischer Sicht sind die Märkte daher momentan viel zu labil, um erneut zu überhitzen. Die derzeit anhaltende Vorsicht ist daher eher vergleichbar mit der Situation 1998, als die Märkte unter der weltweiten Finanzkrise litten. Es bleibt jedoch zu hoffen, daß die spekulative Luft bei den überteuerten New Economy-Werten weiterhin langsam entweicht und sich die Blase nicht erneut wieder ausweitet, wie dies in den vergangenen zwei Jahren geschehen ist, nachdem sich die Nervosität der Anleger zum Jahresende wieder gelegt hatte.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.