Anfang September habe ich an dieser Stelle über die Abgeltungssteuer geschrieben. Damals war der Dax schon deutlich von seinen Hochs zurückgekommen. Überall ging die Meinung um, die Finanzkrise habe ihren Höhepunkt bereits überschritten. Und ich beendete meine Kolumne mit den Worten: „Ich wette, am Jahresende steht der Dax deutlich höher als jetzt, deutlich höher als 6.500 Punkte also. Wer sich jedoch dann erst zum Kaufen entschließt, der wird zu spät dran sein.“

Das ist zugegebenermaßen peinlich, zumal ich mich ansonsten nicht so stark aus dem Fenster lehne mit konkreten Prognosen. Die Grundlage meines Denkens war die folgende Überlegung, bei der ich bereits März 2008 an anderer Stelle versucht habe, auszuloten, wie tief der Dax fallen müsste, damit bei anschließender Verdopplung das Nachsteuerergebnis mit Abgeltungssteuer (also Kauf in 2009) dem Kauf im März vorzuziehen wäre. Ich kam damals auf einen Wert von 4.290 Punkten im Dax. Erstaunlich, dass fast haargenau das Schlusskurs-Tief des Dax in diesem Jahr diesen Wert getroffen hat. Was beim damaligen Indexstand von 6.700 Punkten jedoch völlig unvorstellbar war.

Doch jetzt kommt das Beste: Auch wer im Jahr 2008 bei einem Dax von 6.700 eingestiegen ist, besitzt aufgrund der Steuervorteile bei angenommener Kursverdoppelung die gleichen Chancen wie derjenige, der jetzt, im Jahr 2009, noch zu 4.290 einsteigen würde. Geht es dann jedoch noch weiter nach oben, dann bleibt er konkurrenzlos vorne. Im Moment ist das alles natürlich kaum vorstellbar, doch wenn ich in vielleicht fünfzehn Jahren mich einmal zur Ruhe setzen und meine Aktienpositionen auflösen werde, gehe ich stark davon aus, dass der Dax dann weit höher steht.

Wer sich also tatsächlich noch im letzten Jahr mit ein paar Aktienpositionen „eingeloggt“ hat, sollte daher nicht verdrießen, wenn es jetzt vielleicht noch einmal kritisch wird. Ein Verkauf von 2008 oder vorher gekauften Positionen steht nicht zur Diskussion. Diese Positionen sind Gold wert. Im letzten Jahr standen wir Anleger in der Zwickmühle, einerseits noch handeln zu müssen, andererseits jedoch den Mut dafür nicht aufbringen zu können. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass langfristig die Mutigen belohnt werden.

Für die nächsten Monate sollte man sich daher nicht irritieren lassen, wenn es noch einmal ruckelt und schaukelt. Bei dem gegenwärtigen Volldampf der Geld- und Fiskalpolitik – im Zusammenwirken mit den dramatisch gesunkenen Rohstoffpreisen – sollte das Schiff wieder Fahrt aufnehmen und nicht wie eine Nussschale im Wellengang umkippen. Doch dafür braucht man sicherlich mehr Geduld als nur ein paar Tage, Wochen oder Monate.

Bernd Niquet

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