Während die Exportwirtschaft boomt, bedrohe der weiterhin stagnierende private Verbrauch den allseits erhofften Aufschwung, hieß es vom Ifo-Institut. Die Lage ist denkbar einfach: Die Arbeitnehmer sind stark verunsichert, haben Angst um ihren Job oder doch zumindest erhebliche Befürchtungen, das derzeitige Lohnniveau nicht halten zu können. Also ist man vorsichtig bei den Ausgaben, verschiebt Anschaffungen, spart, was geht, und wartet ab.

Bei alledem ist die tatsächliche Verlagerung von Arbeitsplätzen in die sogenannten Billiglohnländer für den Arbeitsmarkt zwar schmerzlich, aber letztlich noch überschaubar und zu einem großen Teil auch dadurch bedingt, daß die Unternehmen auf anderen Märkten präsent und damit näher beim Kunden sein wollen. Wolfgang Grupp, Trigema-Chef und Verfechter des Standortes Deutschland, sagt sogar, er kenne keinen Unternehmer, der durch Verlagerung von Produktion ins Ausland reicher geworden sei.

Verheerend für den privaten Konsum ist bis zum heutigen Tag also weniger die real existierende Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, als die unerträgliche Leichtigkeit des Drohens mit dieser Verlagerung oder ersatzweise die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Ja, man kann einen Aufschwung kaputt reden, und die Vertreter von Industrie-, Handwerks- und sonstigen Arbeitgeberverbänden mühen sich nach Kräften.

Statt eine Stimmung des Aufbruchs zu verbreiten und Zuversicht auszustrahlen, daß der Standort Deutschland mit motivierten und dank des dualen Systems immer noch weit überdurchschnittlich ausgebildeten Arbeitskräften eine Zukunft besitzt, und zwar eine gute, wird versucht, die vermeintlich günstige Gelegenheit zu nutzen, eigene Forderungen aller Art durchzusetzen. Immer mit dem Hinweis, sonst werde verlagert und im übrigen müsse eh länger fürs gleiche Geld gearbeitet werden. Mitbestimmung, Flächentarifvertrag und Kündigungsschutz sind die sofort anschließenden Themen. Die Dutzende von Statements nach den eingangs genannten Meldungen sprechen Bände.

Ist es das Gefühl, Macht zu besitzen und das Bedürfnis, sie auszuüben? Denken die Arbeitgeber-Funktionäre, ihre Klientel möchte das hören und also wird im vorauseilenden Gehorsam losgeplappert? Schon wird von der 45-Stunden-Woche fabuliert. Und der einzelne Arbeitnehmer denkt sich seinen Teil und spart, wie das Eichhörnchen für den langen Winter. Deutschland, eine Zuversichts-Wüste.

Nein, die derzeit herrschende Rhetorik weist auf eine kurzsichtige Wahrnehmung der Dinge hin, und das ist, kraß gesagt, nicht intelligent. Die Bundesrepublik hat in den zurückliegenden 55 Jahren im Konsens am besten funktioniert. Gut, in den meisten Jahren gab es Wachstum zu verteilen. Aber auch jetzt, in engeren Zeiten, verspricht dieses Modell den meisten Erfolg. Verlagerungen, die  betriebswirtschaftlich wirklich Sinn machen, werden auch ohne rhetorische Brechstange umgesetzt. Alles andere sind Erpressungsversuche, die den privaten Konsum abwürgen.

Stefan Preuß

Die GoingPublic Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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