Werbung

20. März 2000 – Bilanzpressekonferenz: Fakten nach Gerüchten
Nachdem sich um das Traditionsunternehmen Schering AG schon entsprechende Biotech-Gerüchte ranken, spricht es Finanzvorstand Klaus Pohle auf der Bilanzpressekonferenz offen aus: Der Weltmarktführer bei Verhütungshormonen, Kontrastmitteln für die Diagnose und bei Arzneien gegen Multiple Sklerose will durch den Börsengang seiner Biotechnologie-Aktivitäten am Aufschwung der Branche partizipieren. Drei noch nicht näher benannte Kandidaten sind dafür vorgesehen.

27. April 2000 – Hauptversammlung: Alles im Plan
Auf der Hauptversammlung verkündet CEO Giuseppe Vita seinen Aktionären: „ … planen wir, Teile unserer Genomforschung an die Börse zu bringen. Gleichzeitig soll diese Maßnahme dazu dienen, unseren Aktionären den vollen Wert unseres Unternehmens zu erschließen.“

Oktober 2000 – Beteuerung der Biotechnologie-Aktivitäten
Schering, der deutsche Pharma-Nischenplayer, hatte nach Angaben von Vita erklärtermaßen in Sachen Reorganisation und Konzentration auf das Kerngeschäft unter Deutschland´s Pharmagrößen schon immer die Nase vorn. Und dies seit Anfang der Neunziger Jahre. Jetzt möchten es die Berliner vor allem Aventis und Bayer noch einmal vormachen. „Wir wollen noch in der ersten Hälfte des Jahres 2001 unser Tochter Metagen, die Krebsgene erforscht, an die Börse bringen. Vielleicht wird das die erste große Tat meines Nachfolgers Erlen werden“, verkündet der noch ein halbes Jahr den Vorsitz innehabende Vita im Interview mit der Wirtschaftswoche.

12. Oktober 2000 – NYSE
Scherings Gang an die New York Stock Exchange lenkt von den Biotech-Aktivitäten ab.

30. Oktober 2000 – Vorläufiges Ende einer „Biotech-Dienstfahrt“
Im Rahmen der Präsentation der Zahlen für das am 30. September abgelaufene dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres werden endlich Fakten geschaffen: Der Börsengang von Metagen erfolgt erst Ende 2002.

All dies wäre wenig berichtenswert, wenn es nicht zum Ärgern, zum Nachdenken und zum Schmunzeln wäre.

Ärgern! Wenigstens im ersten Moment werden sich all jene enttäuscht zeigen, die sich schon Hoffnungen machten, ein in Anlegerkreisen noch nicht sehr bekanntes Biotech-Juwel als Investitionschance ausgemacht zu haben. Trotz der allseits bekannten Mutter Schering war Metagen doch bisher wenig aufgefallen.

Nachdenklich! Oder zumindest verwundern wird den einen oder anderen der Rückzug von Vita & Company. Das Interesse der Investoren sei zu gering. Eine Bemerkung, die aufhorchen läßt. Ist das Biotech-Juwel vielleicht gar keines? Oder zumindest noch keines? Wieso sollten die Frühinvestoren mit ihrem Chancenkapital ausgerechnet dann kein Interesse haben, wenn André Rosenthal das Unternehmen leiten soll? Immerhin handelt es sich doch um einen bereits aus DDR-Tagen bekannten und weltweit anerkannten deutschen Genentzifferungs-Spezialisten. Oder ist gerade die Tatsache, daß ein Wissenschaftler das Unternehmen leiten soll, Grund der Abkehr?

Schmunzeln! Am Ende könnte ganz einfach das Zusammenspiel der ungeschriebenen Gesetze eines Großunternehmens Anlaß für die verwunderliche Biotech-Posse gewesen sein. Warum sollte sich ein Großkonzern verbal herauslehnen, wenn keine Not dazu besteht? Es sei denn, ein abdankender Vorstand will sich noch einmal ein Denkmal setzen und einen letzten womöglich mit den Kollegen nicht abgestimmten Schritt bekanntgeben, kraft seines Amtes. Alles nur Spekulation?! Eine verbleibende 30 %ige Beteiligung der Schering AG könnte auch eine abschreckende Wirkung entfaltet haben. Welcher Venture Capitalist, der selbst sein Handwerk versteht, läßt sich schon gern durch einen Pharmavorstand in dasselbe pfuschen.

Im Interview sprach Vita von der „vielleicht ersten großen Tat seines Nachfolgers“. Vielleicht! Nur ein Füllwort oder orakelnd verschlüsselte Tatsache? Und der Ballon platzte nur ein halbes Jahr zu früh? Den Investor braucht es nicht zu ärgern. Die Biotech-Pipeline ist auch ohne die Scherings dieser Welt gefüllt.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.