Der Dax punktet inzwischen wieder über 4.000 Zählern, das macht Laune auf mehr. Die angesprochene Zeitung wertet es als positiv, daß der starke Euro (hier liegt natürlich auch schon ein Denkfehler) den deutschen Aktienindex weniger bremst als erwartet (wieso eigentlich „bremst“?), zudem dürften „junge Menschen Aktien zur privaten Altersvorsorge kaufen“. Unter anderem deshalb (auch weil deutsche Aktien als billig gelten – Frage: wann war das genau?) sollte der Dax seine Rallye im laufenden Jahr weiter fortsetzen.

Wohl selten war ein Ausblick dermaßen oberflächlich und tendenziös. Vielleicht waren deutsche Aktien mal billig im letzten Jahr, ob sie das jetzt noch sind, ist zumindest diskussionswürdig, aber nicht hier und heute. Daß der starke Euro (natürlich ist nicht der Euro selbst stark, sondern der Dollar befindet sich im inzwischen ungeordneten Rückzug) den Markt nicht bremst, ist nicht positiv zu werten, sondern im Gegenteil, dies zeugt davon, daß etwas nicht ganz stimmen kann. Aufwertungsbörsen waren historisch nie vorteilhaft. Wer die Quartalsberichte zahlreicher Unternehmen liest, muß erkennen, daß der Wechselkurseinfluß für Unternehmen aus dem Land des Exportweltmeisters zunehmend unangenehmer wird. Schließlich, daß mit steigenden Aktienkursen gerechnet werden darf, weil nach mir noch andere Investoren auf den Zug springen dürften, ist nichts weiter als die bekannte Greater-Fool-Theorie, oder auf gut deutsch: Die nach mir kommenden Deppen werden halt abgezockt, wenn sie nicht aufpassen, Hauptsache ich selbst kann meine Kursgewinne dann realisieren.

Wo hier also ein neuer Reifegrad erreicht wurde, ist ziemlich diffus, so daß das gesamte angesprochene Statement wie ein Vermarktungsartikel für Aktienfonds daherkommt. Auch das Lob für die Bundesregierung, die in letzter Zeit angeblich Einiges für die Aktienkultur getan habe, kann nur Kopfschütteln hervorrufen. Der Finanzplatz Deutschland wird im Ausland mitleidig belächelt, und dies zumindest seit 1998 nicht mal zu unrecht. Es gibt reichlich zu tun, und zwar ausdrücklich auf allen Seiten: beim Finanzministerium, bei der eben noch nicht gereiften Anlegerschaft und auch auf Seiten der Presse, die sich nicht selten selbst und anderen einen Bärendienst erweist.

Die GoingPublic Kolumne erscheint zweimal wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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