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Hinder dem Kalauer steckt ein Körnchen Zeitgeist, der wohl nur zu gerne auf die Reise gehen würde – nur weg von hier!

Am 31.03.2003 tickerte eine amüsante Meldung durch die Leitungen: Die US-Börsenaufsicht SEC sei offenbar einem "Zeitreisenden" auf die Schliche gekommen. An der Wall Street wurde ein bekannter Händler des Insiderhandels bezichtigt und verhaftet. Er hatte es innerhalb von zwei Wochen geschafft, aus einem ursprünglichen Investment von 800 US-Dollar eine Summe von rund 350 Millionen Dollar anzuhäufen. Ein gewisser 44jähriger namens Andrew Carlssin kaute den Behörden zufolge 126 höchst riskante Aktien und erzielte stets große Gewinne. Die Aktien stiegen binnen kürzester Zeit wegen einer Fusion oder einer technologischen Neuerung.

Zu seiner Verteidigung hätte Carlssin behauptet, aus dem Jahr 2256 in die heutige Zeit gereist zu sein. "Es war einfach zu verlockend, um widerstehen zu können", so Carlssin in seinem vierstündigen Geständnis, das die SEC auf Video aufgenommen habe. Er habe eine kleine Liste der Unternehmen gemacht, welche sich auf dem maroden Aktienmarkt der Jetzt-Zeit in Zukunft durchsetzen würden. Carlssin soll auch freundlicherweise angeboten haben, das Versteck von Osama bin Laden zu verraten, wenn man ihn laufen lasse. Recherchen zufolge ist der Herr bei der SEC jedoch weder bekannt noch in Haft. Ob er wieder „zurück in die Zukunft“ abgereist ist, mit 350 Mio. US-Dollar im Kofferraum seiner Zeitmaschine?

Was will uns diese Geschichte sagen? Der frustrierte Börsianer dieser Tage scheint sich nicht nur nach dem vielerträumten Trick mit der Zeitreise zu sehnen, sondern auch nach Vermögenszuwächsen in seinem Depot und nach Erfolgsmeldungen, die von aller Welt gierig aufgesogen werden und ihm Respekt einbringen. Professionelle Psychologen werden wohl einen Strauß weiterer verschütteter Sehnsüchte freilegen können. Es wäre eine interessante Untersuchung, wieviele Menschen die Geschichte überhaupt glaubten – nicht die mit der Zeitmaschine, sondern die mit den 350 Mio. Dollar in 14 Tagen.

Ein paar Wahrheiten enthält die Story trotz allem – und verleiht ihr eine gewisse Glaubwürdigkeit, wenn man die zahlenmäßigen Übertreibungen einmal zurücknimmt: erstens kann man auch in allgemein schwachen Börsenphasen Geld verdienen, indem man sauber recherchiert und analysiert, welche Unternehmen in Zukunft Erfolg haben. Leider sind wir auf konventionelle Mittel angewiesen, doch oft genug werden selbst diese nicht ausgeschöpft. Zweitens: die SEC paßt auf und schlägt zu, wenn man die Regeln übertritt. Zumindest für den amerikanischen Aktienmarkt wird ein Minimum an Vertrauenswürdigkeit bewiesen, das unserer Börse manchmal gut täte.