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Das GoingPublic Magazin sprach mit dem M&A-Experten Dr. Michael R. Drill von Lincoln International.

Erst Corona, dennoch später Rekordstände an den Börsen, seit Neustem noch ein Krieg innerhalb Europas inkl. wiederum volatiler Kurse: nicht die leichtesten Voraussetzungen für M&A-Aktivitäten – schließlich muss man im Konsens valide ­Bewertungen finden.

Herr Dr. Drill, die vergangenen beiden Jahre waren gewiss nicht normal und viele Themen schienen für Unternehmen wichtiger als Zukäufe. Was hat sich im Schatten von Corona getan?

Drill: Ja, in den ersten Monaten seit Aufkommen der Pandemie ist das M&A-Geschäft tatsächlich zum Erliegen gekommen. Viele Unternehmen und Private-Equity-Häuser konnten seinerzeit die ­Auswirkungen auf die Konjunktur und auf bestimmte Branchen kaum einschätzen und haben deshalb ihre Transaktions­vorhaben kurzfristig auf Eis gelegt. Seit Ende 2020 hat sich die Situation allerdings auch zu meiner Überraschung deutlich zum Positiven gedreht. Mit steigenden ­Aktienkursen ist in den Chefetagen und bei Finanzinvestoren wieder Mut und ­Euphorie eingekehrt. Im Ergebnis hatten wir daher 2021 weltweit und auch in Deutschland boomende M&A-Märkte – bei der Anzahl der Deals konnten vielerorts sogar Rekordwerte konstatiert ­werden.

Diesen und weitere Artikel zu den Themen Börse, Finanzierung und Wachstum finden Sie in der neuen Ausgabe des GoingPublic Magazins 01-2022.

In welchen Branchen speziell passierte das Meiste oder Interessanteste?

Drill: Grundsätzlich konnten nahezu alle Branchen ein reges Übernahmegeschehen ­verzeichnen. Besonders aktiv und heiß waren der Technologiesektor – also Software, IT-Services und E-Commerce – ­sowie Healthcare. Aber auch in Branchen, die unter der Pandemie nach wie vor ­leiden, fanden Transaktionen statt, wenngleich sie defensiver Natur waren oder gar durch Insolvenzen ausgelöst wurden. Ich denke hier etwa an Automobilzulieferer, an Einzelhandelsketten oder Tourismusunternehmen.

Nun hatten sich die Indizes 2021 durchaus gut entwickelt. Wie steht es vor diesem Hintergrund mit den aktuellen Bewertungen an und abseits der Börsen?

Drill: Trotz der jüngsten Kurskorrekturen an den Aktienmärkten sind die Bewertungen bei Fusionen und Übernahmen aktuell weiterhin hoch. Dies wird auch so bleiben, solange wir uns weiterhin in einem ­Niedrigzinsumfeld bewegen – schließlich gibt es auf dem Markt für Unternehmenskontrolle deutlich mehr Nachfrage als ­Angebot. Konkret bedeutet dies, dass Großkonzerne und Finanzinvestoren über große Kriegskassen für Akquisitionen verfügen. Diesen immensen Finanzmitteln stehen auf der Angebotsseite zu wenig ­attraktive Übernahmetargets gegenüber. Dies wird auch künftig ein Haupttreiber für hohe Kaufpreise sein. Gleichzeitig könnte dies dazu führen, dass viele ­Eigentümer darüber nachdenken, ihre ­Unternehmen in den kommenden zwölf bis 18 Monaten zu verkaufen.

Die über Jahrzehnte an zweistellige BIP-Wachstumsraten gewöhnten Chinesen müssen sich derzeit mit rund der Hälfte zurechtfinden, was sich beinahe wie Rezession im Reich der Mitte anfühlt. Können sich chinesische Unternehmen auf der Suche nach Wachstum mehr als zuletzt im Ausland schadlos halten?

Drill: Die chinesische Regierung hat in den ­letzten Jahren den Kapitalexport reguliert und stark darauf geachtet, dass viel im ­eigenen Land investiert wird, um die ­abflauende Inlandskonjunktur zu stützen und dem längerfristigen Ziel einer autarken Volkswirtschaft näherzukommen. Schließlich wuchs die Volkswirtschaft auch wegen des Handelsstreits mit den USA so langsam wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aufgrund staatlich gelenkter Investitionsprogramme wie „Made in China 2025“ und der Dual-Circulation-Strategie der Volksrepublik drängt die Politik Großunternehmen zu Akquisitionen euro­päischer Unternehmen mit besonderen Technologien und Know-how. Im Ergebnis erwarten wir deshalb, dass Übernahmen deutscher Unternehmen durch chine­sische Konzerne in den nächsten Jahren wieder spürbar zunehmen werden.

Wie gehen chinesische Unternehmen eigentlich mit dem neuen europäischen Buzzword ESG um? Hierzulande geht nichts mehr ohne. Passen China und ESG überhaupt irgendwie zusammen?

Drill: Wir sollten die chinesischen Unternehmen und Investoren hier nicht unterschätzen – auch diese berücksichtigen zunehmend die Einhaltung von Umweltrichtlinien und guten Governanceregeln bei ihren Inves­titionsentscheidungen.

Wie wird sich der deutsche M&A-Markt vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine entwickeln?

Drill: Grundsätzlich sind wir für 2022 trotz der geopolitischen Unsicherheiten bis heute positiv gestimmt. Es gibt eine Reihe an Treibern, die den Markt beflügeln und für starke Aktivität sowie ein erneut exzellentes M&A-Jahr sprechen. Die anhaltenden Trends zur Globalisierung und Digitalisierung spielen eine große Rolle. Zu nennen sind auch die anhaltend hohen Aktien­kurse. Börsennotierte Großkonzerne ­können ihre aktuellen Bewertungen nur dann nachhaltig rechtfertigen, wenn sie nicht nur organisch wachsen, sondern auch über Akquisitionen – sie sind also ­regelrecht gezwungen, aktiv über M&A nachzudenken. Doch aller Euphorie zum Trotz: Der Krieg in der Ukraine wird die Probleme von Lieferengpässen, unter­brochenen Logistikketten und steigenden Energie- und Rohstoffpreisen vergrößern und die Inflation weiter anheizen. Dies sind allesamt negative Faktoren für das M&A-Geschäft.

In welcher Beziehung befeuert die ­jüngste Inflationsspirale oder hemmt sie sogar den M&A-Markt?

Drill: Sollte es bei einer temporären sogenannten Assetinflation bleiben, könnte sich dies tendenziell eher positiv auf Akquisi­tionen auswirken. Schließlich können ­Unternehmen und Investoren überschüssige Finanzmittel am besten mit Investi­tionen in Sachwerte vor einer starken Geldentwertung schützen. Sollten wir ­allerdings in den kommenden Jahren eine nachhaltig hohe Inflation – und damit ­einhergehend steigende Zinsen – bekommen, wäre dies sicherlich Gift für die ­Konjunktur und den M&A-Markt.

Herr Dr. Drill, besten Dank, dass Sie Rede und Antwort standen!
Das Interview führte Falko Bozicevic.

Über den Interviewpartner

Dr. Michael R. Drill ist Vorstandsvorsitzender der Lincoln International AG. Seit 2006 ist er in dieser Funktion mitverantwortlich für die strategische Ausrichtung und die operative Führung der M&A-Investmentbank im deutschsprachigen Raum.

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