Welche Rolle spielt der deutsche Mittelstand am internationalen Übernahmemarkt?

Müller-Veerse: Mittelständler sind in der Regel zunächst einmal anders bewertet als Technologie-Start-ups. Besonders chinesische Investoren sind in den letzten Jahren als große Käufer des deutschen Mittelstands aufgefallen und nehmen damit sogar eine stärkere Rolle ein als US-Investoren. Anderseits treten Mittelständler auch vermehrt als Käufer auf, weil sie auf den Digitalisierungszug aufspringen. Am Beispiel des Werkzeugherstellers Hoffmann Group wird dies deutlich. Diese hat vor ein paar Monaten (PLS CHECK) das E-Commerce-Start-up Contorion aufgekauft, um damit ihre Stellung im Online-Segment auszubauen.

Können Unternehmen hierzulande in Sachen Technologie und Innovation überhaupt mithalten im Vergleich zu anderen Ländern, wie z.B. den USA oder China?

Müller-Veerse: Ganz klares Ja. Deutsche Unternehmen können es durchaus mit der Konkurrenz aus China oder den USA aufnehmen. Ich denke da etwa an die Münchner Software-Schmiede Celonis, die von Studenten gegründet wurde und seit der letzten Finanzierungsrunde  mit 1 Mrd. USD bewertet wird. Die ersten Jahre haben sie ihr Unternehmen sogar ohne externe Finanzierung nach oben gebracht. Solche Vorzeigeunternehmen gibt es auch andernorts in Deutschland. Nicht zuletzt, wenn es um Automation – Stichwort Industrie 4.0. – geht, ist Deutschland weltweit führend.

Hanser: Deutschland muss sich in Sachen Innovation keineswegs verstecken im internationalen Vergleich. Das Problem hierzulande ist jedoch, dass für gewisse technische Innovationen anfangs oftmals nicht genügend User begeistert werden können. Die Kunden reagieren lange sehr zurückhaltend. Als Beispiel sind Zahlungen mit dem Smartphone zu nennen; in Asien ist das der absolute Renner, während es in Deutschland immer erst eine Weile dauert, bis eine kritische Masse zusammengekommen ist, die solche Technologien auch wirklich nutzt.

Inwiefern wirken sich aktuelle geopolitische Krisen, wie z.B. der Brexit oder der Handelskrieg etc. pp. auf die Finanzmärkte aus?

Müller-Veerse: Global gab es im letzten Quartal einen deutlichen Rückgang an Börsengängen, der mit den oben genannten Ursachen begründet wird. Umso erfreulicher ist es, dass Deutschland diesem Trend getrotzt hat. Hier gab es sogar einen signifikanten Anstieg an Börsengängen im Vergleich zum Vorjahr. Daher denken wir, dass der Aktienmarkt in Deutschland derzeit ziemlich robust ist.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Hypethema ICOs weiterhin entwickeln?

Müller-Veerse: Es könnte eine ähnliche Entwicklung nehmen wie die Crowdfunding-Welle vor einigen Jahren. Klar gibt es da viele innovative Start-ups mit guten Ideen. Doch ob die hohen Summen, die für diese Projekte teilweise gezahlt werden, auch wirklich angemessen sind, wird sich noch zeigen müssen. Und noch sind viele Fragen im Kontext Regulierung ungeklärt.

In Sachen IPOs steht Deutschland im internationalen Vergleich derzeit sehr gut da, immerhin gab es einen signifikanten Anstieg von Börsengängen im ersten Halbjahr im Vergleich zu den letzten Jahren – sind Sie auch für das zweite Halbjahr optimistisch?

Hanser: Viele IPO-Transaktionen werden erfahrungsgemäß im starken dritten und vierten Quartal finalisiert, weshalb wir sehr optimistisch sind, dass der positive Trend am IPO-Markt auch in den nächsten Monaten anhalten wird. Ich denke, besonders im Tech-und Healthcare-Bereich werden wir noch viele spannende Transaktionen sehen.

Herr Müller-Veerse, Herr Hanser, vielen Dank für das informative Gespräch!

Das Interview führte Svenja Liebig

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