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Bildnachweis: ©VADIM KUSHNEROV – stock.adobe.com..

Im Rahmen unseres Online-Themenmonats rund um den Bereich M&A Insurance haben wir Experten befragt, welche Trends Sie sehen und wie die weitere Entwicklung sich gestalten wird. Heute starten wir unseren Themenmonat mit einem umfassenden Überblick über den aktuellen Stand im Bereich M&A Insurance.

In den nächsten Wochen folgen Interviews mit den Experten der Szene: Mirjam Boche von ARQIS, Robert Engels von Willis Towers Watson, Dr. Markus Rasner von Oppenhoff, Dr. Marco Niehaus von NORTON ROSE FULBRIGHT und Dr. Markus Messinger von Liberty GTS.

Unser Themenmonat erscheint vorab zu unserem großen Special „M&A Insurance 2021“, das wir Ende August als Magazin und E-Magazin veröffentlichen. Hier finden Sie unser Special aus dem letzten Jahr. Und das ist nicht alles: Wir begleiten unser Engagement im Bereich M&A Insurance mit unserem Netzwerk-Event „M&A Insurance Summer Forum“. Hier lesen Sie mehr zur Veranstaltung und können das Event des letzten Jahres (nach-)sehen.

 

Der M&A Markt hatte sich bereits im vierten Quartal 2020 erholt, aktuell läuft er auf Hochtouren. M&A Geschäft und Kapitalmarkt sind eng verzahnt. Börsennotierte Unternehmen treten fortlaufend als Käufer sowie Verkäufer von Unternehmen(steilen) auf. Auch für sie sind in den letzten Jahren M&A Versicherungslösungen (Warranty&Indemnity; W&I Policen) immer wichtiger geworden. Doch ständig gibt es neue Trends bei diesen erklärungsbedürftigen Produkten. So schätzen Marktteilnehmer die Entwicklung ein:

Bis Mitte des vergangenen Jahres gab es kaum M&A Geschehen in Deutschland. „Viele Marktteilnehmer haben sich mit dem eigenen Portfolio beschäftigt und geprüft, ob Maßnahmen in den Unternehmen zu ergreifen sind“, beschreibt Christoph Karbenk von Capiton die Ausgangssituation. Bereits ab dem vierten Quartal 2020 habe der Markt aber stark angezogen, „und das hält bis heute an“.

Analog zur Transaktionsaktivität entwickelt sich auch der Bereich M&A Insurance dynamisch. „Wir sehen unverändert hohen Bedarf für M&A Policen. Solange Pricing und Aufwand stimmen, wird sich das in absehbarer Zeit kaum ändern“, sagt Mark Suderow von der Deutschen Private Equity. Christian Futterlieb von VREP bestätigt diese Einschätzung: „M&A Policen haben in den vergangenen Jahren deutlich an Akzeptanz gewonnen. Die Nutzung dürfte weiter zunehmen.

Zahl der Policen auf Rekordhoch

Dr. Markus Messinger von Liberty GTS konstatiert sogar einen neuen Höchststand: „Die starke M&A Aktivität seit dem vierten Quartal 2020 schlägt sich auch auf dem Markt für W&I Versicherungen nieder. Die Zahl der Anfragen für W&I Policen und platzierte Policen ist auf einem Rekordhoch.“

Dr. Christina Silberberger von HANNOVER Finanz sieht das Instrument in weitere Marktbereiche vordringen: „W&I Versicherungen finden weiterhin Anwendung, eine Stagnation ist aus unserer Sicht nicht zu erkennen. Im Small- und Mid-Cap-Bereich ist sogar eher eine Belebung zu sehen, weil das Instrument auch bei Beratern mittelständischer Verkäufer und Unternehmern bekannter wird.“

Mittlerweile habe der gesamte Mittelstand von M&A Policen zumindest gehört, ergänzt Suderow: „Der Wunsch nach entsprechenden Policen wird regelmäßig an uns herangetragen.“ Bei Transaktionsgrößen unterhalb eines Unternehmenswertes von etwa 50 Mio. EUR rechtfertige der Nutzen für den Verkäufer allerdings nicht unbedingt Aufwand und Kosten. „Daher sehen wir in diesem Bereich eher wenig abgesicherte Transaktionen.“ Kommt es doch zum Abschluss, so Suderow, tragen die Verkäufer in der Regel die Kosten der Police.

Suderow, Karbenk, Silberberger und Futterlieb bestätigen unisono, dass sie sowohl auf Käufer- als auch Verkäuferseite regelmäßig W&I Policen nutzen. Verkäufer forderten die Versicherungen, um in strukturierten Verkaufsprozessen gegen Haftungsrisiken abzuschirmen, erklärt Silberberger. Gerade bei kleineren Transaktionen sei jedoch eine Kosten-Nutzen-Betrachtung erforderlich, da Versicherungsprämien in einem bestimmten Volumen im Verhältnis kostenintensiv sind. „Es ist immer Verhandlungsfrage im Dialog mit den Verkäufern, ob eine individuelle Haftungsregelung ohne eine Versicherung gefunden werden kann.“

Futterlieb ergänzt, dass VREP als Mid-Cap-Investor die Versicherungsangebote schon lange nutzt. „Nach unserer Wahrnehmung sind M&A Versicherungen im Small- und Mid-Cap-Bereich längst angekommen und akzeptiert.“ Ob der Einsatz einer Versicherung sinnvoll sei, hänge aber vom Einzelfall ab. Auch Futterlieb verweist auf eine Abwägung von Kosten und Nutzen.

Policen werden spürbar professionalisierter eingesetzt

Generell berichten die Gesprächsteilnehmer von zunehmend professionalisiertem Einsatz von Policen. Messinger: „Die Nachfrage nach M&A Versicherungen ist ungebrochen.“ Zunehmend werde auch beim Verkauf von Familienunternehmen und Konzern-Carve-Outs verkäuferseitig eine Versicherungslösung im Kaufvertrag angelegt.

Robert Engels von Willis Towers Watson geht weiter: „Der ohnehin schon sehr professionell organisierte M&A Markt scheint sich während und durch die Pandemie noch weiter entwickelt zu haben.“ Manche Deals würden inzwischen komplett virtuell gemanagt.

Der Fokus im deutschen Markt liege nach wie vor auf klassischen W&I Insurance Policen, sagt Dr. Markus Rasner von Oppenhoff. Außerdem sei ein sichtbarer Anstieg von eigenständigen Tax Policen für Known Risks zu verzeichnen, der durch nochmals gesteigerte Professionalisierung auf Seiten der Broker und Underwriter befördert worden sei. Dazu komme ein zunehmender Risk Appetite im Londoner Markt.

Im Steuerbereich finden sich laut dem Experten zudem immer öfter Verrechnungspreisthemen auf der Agenda. „Sonstige Policen für Special Situations sind nach wie vor nur vereinzelt zu sehen.“ Man ziehe die Policen aber bei der Beratung in M&A Projekten öfter mit Mandanten in Erwägung als noch vor ein paar Jahren.

Prozesse standardisiert – Policen weiterhin nicht

Von standardisierten Policen, die gerade bei kleineren Transaktionen Kosten minimieren könnten, ist der Markt allerdings weiter weit entfernt. Suderow: „Standardisiert ist wohl eher der Prozess.“ Wenn man aber einen maximal guten Schutz erreichen wolle, insbesondere an den für die jeweilige Transaktion wichtigen Stellen, sei viel Detailarbeit notwendig.

Unterschiedliche Erfahrungen gibt es bei der Entwicklung der Prämien. Dr. Mirjam Boche von Arqis Rechtsanwälte sieht ein Ende der Talfahrt: „Der Wettbewerb findet zumeist über die sogenannten Enhancements statt. Diese Enhancements sind Verbesserungen der Position des Käufers gegenüber dem Unternehmenskaufvertrag. Sie passieren über entsprechende Regelungen in der Versicherungspolice.

Deckungen einer synthetischen Steuerfreistellung seien vor einem Jahr noch ungewöhnlich gewesen. Inzwischen gehört die Deckung von Steuerfreistellungen, die nur bilateral zwischen dem Käufer als Versicherungsnehmer und dem Versicherer vereinbart werden, bei größeren Private-Equity-Transaktionen in kompetitiven Bieterprozessen fast zum Standard. „Ebenfalls neu ist die Deckung von grob fahrlässiger Unkenntnis des Verkäufers. Das war vor einem Jahr praktisch undenkbar. Die Beschränkung auf positive Kenntnis des Verkäufers war uneingeschränkter Marktstandard.“

Marktteilnehmer sehen Ende des Preisverfalls bei Prämien

Karbenk und Jonathan Lerman von Capiton sehen ebenfalls das Ende des Preisverfalls der Prämien erreicht. „Von einem Niveau knapp oberhalb 1% haben wir eine gewisse Steigerung gesehen, aber nie oberhalb von 1,5% der Deckungssumme“, erklärt Lerman. Statt bei der Höhe der Prämien seien viele Versicherer bereit, ohne zusätzliche Kosten Policen komplexer auszugestalten und weitere Bereiche abzudecken.

Rasner: „Beispielsweise das Knowledge Scraping ist inzwischen zum Standard Enhancement geworden.“ Dabei akzeptiert der Versicherer für Zwecke der Police, dass die im Kaufvertrag auf das Wissen der Verkäufer qualifizierte Garantie in der Police als objektiv abgegebene Garantie vereinbart wird. Messinger bestätigt: „Das Prämienniveau ist im Vergleich zu den letzten Jahren leicht gestiegen. Die Selbstbehalte verbleiben hingegen niedrig, der Deckungsumfang wird eher weiter.“ Als Deckungssumme würden oft 10 bis 20% des Unternehmenswertes angefragt.

Rasner erwartet bei den Prämien eine Konsolidierung auf dem derzeitigen Niveau von 0,8 bis 1,0% der Deckungssumme. „In den USA ist bereits ein Prämienanstieg zu verzeichnen. Die Marktteilnehmer gehen davon aus, dass dieser nachhaltig sein wird.“ Dieser Trend könne sich auch nach Deutschland bewegen, inwieweit bleibe abzuwarten.

Zahl der Claims steigt international

Die Geltendmachung von Claims bleibt in Deutschland weiterhin eher unterdurchschnittlich. Bis auf Capiton, die aktuell ein Claim angemeldet haben, antworten die Experten ähnlich wie Suderow: „Glücklicherweise haben wir noch keine gravierenden Claims anmelden müssen. Man darf aber nicht ignorieren, dass M&A Policen keine 100-prozentige Abdeckung haben und es Lücken in bestimmten Bereichen gibt – je nach Versicherer und dessen Erfahrungen.“

Die globale Schadensstudie des Versicherers AIG dokumentiert weltweit hingegen eine deutliche Zunahme der Claims von 8% 2018 auf 15% 2019 und 19% im vergangenen Jahr. Nicht nur die Häufigkeit steige, auch die Claim-Summe erreiche teilweise mehr als 10 Mio. USD. Generell steige die Zahl der Claims mit der Größe der Transaktion.

Dennoch konstatiert Boche: „Die Entwicklung der Claims verläuft zurückhaltender als erwartet.“ Viele Unternehmen gerieten wider Erwarten nicht in wirtschaftliche Schieflage, die erfahrungsgemäß dazu führe, dass Käufer genauer hinschauten, ob sie das Scheitern des Investments noch zu einem gewissen Teil kompensieren könnten – eben über die Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen wegen Garantieverletzungen.

Zudem steige die Qualität der Schadenmeldungen. „Die Käuferberater sind zunehmend mit Möglichkeiten und Grenzen der W&I Versicherung vertraut und bereiten die Schadenfälle sorgfältiger auf.“ Für Messinger ist eine steigende Zahl von Claims in Deutschland denn auch durchaus möglich: „In den zurückliegenden Monaten zeichnet sich ein Anstieg von Schadenmeldungen ab.“ Zudem seien geltend gemachten Schäden durchschnittlich größer als in der Vergangenheit und würden früher angezeigt.

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