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Im August 2021 wirft das Special „M&A Insurance“ in der vorliegenden Ausgabe bereits zum vierten Mal einen Blick auf die Trends im noch relativ jungen Markt der Transaktionsversicherungen, der im laufenden Jahr 2021 einen nie gekannten Ansturm an Anfragen und zu versichernden Deals erlebt, wie Robert Engels im Gespräch erläutert.

GoingPublic: Herr Engels, vor fast genau einem Jahr haben Sie an gleicher Stelle in einem Beitrag über die noch relativ kurze Historie der Transaktionsversicherung in Deutschland berichtet. Als Meilenstein bezeichneten Sie damals den Aufbau deutschsprachiger Underwriting-Kapazitäten im M&A-Bereich. Wie entwickelten sich diese seitdem? Können sie mit dem M&A-Boom 2021 noch mithalten …?

Engels: Der Auf- und Ausbau an deutschsprachigen Underwriting-Kapazitäten hält an und Versicherer sowie Managing ­General Agents (MGAs) bauen diese in Deutschland, aber auch in z.B. London oder Barcelona aus. Dennoch hat der Markt aktuell seine Schwierigkeiten, mit dem anhaltenden M&A-Boom Schritt zu halten. Seit Ende 2020 ist der M&A-­Versicherungsmarkt in Deutschland im Ausnahmezustand. Ähnliches ist auch in anderen europäischen und internationalen Märkten zu beobachten. Der Ansturm an Anfragen und zu versichernden Deals ist kaum zu bewältigen. Die Underwriting-Kapazitäten kommen an ihre Grenzen, was wiederum zu restriktivem Quotierungsverhalten bzw. zu vermehrter Ablehnung von Transaktionen führt – Trans­aktionen, die noch vor einem Jahr recht problemlos quotiert worden wären. Es liegt aber nicht an der fehlenden Bereitschaft oder veränderter Risikoeinschätzung der Versicherer/MGAs – es bleibt ihnen bei der vorhandenen Personaldecke schlichtweg nichts anderes übrig, als die Anfragen nach Risikoappetit und Erfolgsaussicht zu filtern.

Meine Kollegin Janin Kauffmann, verantwortlich bei uns für M&A-Versicherungen, stellt gemeinsam mit ihrem Team fest, dass durch diese Entwicklung der Markt derzeit auch Schwierigkeiten hat, die M&A-typischen engen Zeitrahmen einzuhalten. Es kommt momentan vor, dass die Versicherer/MGAs bei Ausschrei-bungs­prozessen das Nachsehen haben, da sie nicht in der Lage sind, sich zu einer geforderten Zeitschiene zu verpflichten.

Lesen Sie hier unser Special M&A Insurance 2021.

Dieses Verhalten der Marktteilnehmer hat es in der Vergangenheit schon häu­figer gegeben, meistens gegen Ende eines Kalenderjahres. Die Vehemenz und vor ­allem die anhaltende Dauer, in der diese Dynamik im Moment vorherrscht, ist aber bisher einmalig.

Zwar ist der deutschsprachige M&A-Versicherungsmarkt in den letzten zwölf Monaten weiter konti­nuierlich gewachsen, aber bei der aktuellen Entwicklung besteht hier nach unserem Empfinden klar noch weiterer Bedarf, was Versicherungskapital, aber vor allem auch Investitionen in Underwriting-Ressourcen angeht. Nach unserem Wissen ist vor ­allem Letzteres bei vielen Häusern in ­Planung bzw. bereits in der Umsetzung.

Die Coronapandemie hat vieles verändert, nicht nur zum Negativen: So hat sie unter anderem einen Digitalisierungsschub in der Wirtschaft ausgelöst. Welche Effekte beobachten Sie in der „W&I-Industrie“?

Nach meinem Empfinden ist die Digita­lisierung in unserem Markt bzw. unserer Nische der Versicherungsindustrie bisher nicht wirklich ein Thema. Der gesamte Prozess einer W&I oder anderer Trans­aktionsrisikolösungen war immer schon sehr „virtuell“. Insofern hat die Pandemie in unserem Umfeld keinen Digitalisierungsschub ausgelöst. Anders als in anderen Sparten der Industrieversicherung konnte der Betrieb bei allen Marktteilnehmern prinzipiell ohne Unterbrechung – meist dann im Homeoffice – fortgeführt werden. Der positive Effekt in unserem Markt war zumindest anfänglich eher ­inhaltlicher und preislicher Natur, da der zu Beginn der Pandemie starke Rückgang an Anfragen nach M&A-Versicherungs­lösungen zu einem größeren Risikoappetit und zu einem Preiswettbewerb unter den M&A-Versicherern/MGAs geführt hat. Der ab dem zweiten Halbjahr 2020 einsetzende Anstieg an Anfragen und Deals hat diese Entwicklung wie eben beschrieben vor ­allem seit Anfang 2021 vorerst umgekehrt.

Als Makler haben Sie beste Sicht auf die Anbieterlandschaft, hauptsächlich bestehend aus Versicherern und MGAs. Was hat sich hier in den zurückliegenden zwölf Monaten geändert und welche Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft?

Wie schon angesprochen, haben sich aufgrund des durch die Pandemie ausgelösten Rückgangs an M&A-Transaktionen die Prämien und auch Deckungspositionen im zweiten und dritten Quartal letzten Jahres zunächst spürbar positiv für die Versicherten entwickelt. Als sich der M&A-Markt dann erholte und somit die Anfragen nach M&A-Versicherungslösungen anzogen, drehte sich diese Entwicklung langsam um und der Markt begann, sich zu ver­härten – bei restriktiverem Underwriting-Verhalten und steigenden Prämien spricht man in der Versicherungsindustrie von ­einer Verhärtung des Markts. Da die Flut vor allem an klassischen W&I-Prozessen bisher nicht abriss, hält dieses verhärtete Marktumfeld bis dato an.

Hier finden Sie in unserem großen Online-Themenmonat weitere Beiträge rund um M&A-Versicherungen.

Wie gesagt: Der M&A-Versicherungsmarkt kann den Ansturm kaum verarbeiten. Daher ist unserer Meinung nach auch noch Raum für neue Player bzw. mehr ­Underwriting-Kapazitäten. Auch im Hinblick auf die Marktdurchdringung, also das Verhältnis zwischen abgeschlossenen Transaktionen und platzierten M&A-Versicherungspolicen, ist noch Luft nach oben. Nicht zuletzt deswegen steht der deutsche Markt bei Versicherern/MGAs ganz oben auf der Expansionsliste.

Wie sieht Ihr Blick auf die Prämienentwicklung aus?

Im Gegensatz zu 2020 ist das Prämien­niveau durch die Bank weg leicht gestiegen. Spannend wird zu beobachten sein, was passiert, wenn sich der Markt wieder etwas beruhigt und gleichzeitig womöglich die Personaldecke bei den Versicherern/MGAs ausgebaut und stabilisiert wurde. Werden die Prämien dann bei gesteigertem Risikoappetit wieder günstiger? Oder wird die derzeitige Marktverhärtung ­längerfristig anhalten? Dafür könnte neben der gegenwärtigen Marktsituation auch die Entwicklung auf der Schadenseite sprechen, wo Schadenquoten bei den Versicherern/MGAs steigen – es gibt insgesamt nicht nur mehr Schäden, sondern auch das ­absolute Volumen der Schäden nimmt zu.

Stichwort Claims: In der Öffentlichkeit ist wenig bekannt über große Schadenfälle, noch weniger im deutschsprachigen Raum. Wie ist die Lage wirklich, und welche Entwicklung zeichnet sich hier ggf. ab?

Es stimmt schon, dass über die Schadenerfahrung im M&A-Versicherungsbereich weniger öffentlich bekannt ist als in ­anderen Versicherungssparten. Es werden tatsächlich nur wenige Statistiken und Berichte veröffentlicht. Es zeichnet sich aber ab, dass sowohl die Anzahl an gemeldeten Schäden als hauptsächlich auch deren Volumen in den letzten Jahren gestiegen ist. Ein Grund ist vor allem die gestiegene Anzahl an M&A-Policen, aber auch proportional ist die Anzahl an Schadenmeldungen im Verhältnis zu platzierten Policen nach oben gegangen. Viele Meldungen werden richtigerweise vorsorglich gemacht, um keine Meldeobliegenheiten zu verletzten. Schätzungsweise 20% der gemeldeten Schäden führen auch zu Schadenzahlungen. Wenngleich sich zeigt, dass die Schadenhäufigkeit und -höhe zunimmt, zeigt sich nach unserer Erfahrung, dass die Versicherer/MGAs grundsätzlich eine gute Schadenmoral beibe­halten. Dies ist die essenzielle Grund­lage für das Vertrauen in diese Versiche­rungs­lösungen und deren nachhaltigen Erfolg.

Herr Engels, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Zum Interviewpartner
Robert Engels ist Leiter M&A im Geschäftsbereich Corporate Risk and Broking bei Willis Towers Watson in Deutschland und Österreich. Das Team ist Teil einer weltweiten Practice, die strategische sowie Finanzinvestoren bei Transaktionen in den Bereichen Risikomanagement, Due Diligence und M&A-Versicherungslösungen begleitet und berät. Seit über 20 Jahren ist er in der Versicherungsindustrie tätig, immer auf Beraterseite, und davon mehr als 18 Jahre im Bereich M&A.