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Dr. Christa Bähr, Leiterin des Life-Science-Teams, Equity Research, DZ BANK

 

Von Dr. Christa Bähr, Leiterin des Life-Science-Teams, Equity Research, DZ BANK, und Dr. Markus Manns, Senior Fondsmanager, Union Investment Privatfonds GmbH

Die Finanzierbarkeit der insbesondere wegen der Alterung der Bevölkerung zunehmenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen und medizinischen Produkten rückt immer mehr in den Fokus. Die sich im Zuge der Staatsschuldenkrise weiter ausweitende Finanzierungslücke wirkt als Katalysator für ökonomisch notwendige, strukturelle Anpassungsprozesse im Gesundheitswesen und bei den Unternehmensstrategien. Dabei treten neben den gesundheitsökonomischen Aspekten insbesondere der Patient und seine optimierte sektorübergreifende medizinische Versorgung in den Mittelpunkt.

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Dr. Markus Manns, Senior Fondsmanager, Union Investment Privatfonds GmbH

 

Ziele der strukturellen Änderungen sind die Steigerung der Effizienz, Effektivität und Qualität, bezahlbare innovative Produkte sowie eine optimierte Versorgung chronischer und multimorbider Kranker. Im deutschen Gesundheitswesen lassen sich derzeit folgende Trends beobachten:

Integration & Kooperation

Bei Gesundheitsdienstleistern besteht ein Trend zu mehr „Integration & Kooperation“. Dadurch soll die Verzahnung zwischen den verschiedenen Sektoren der medizinischen Versorgung (z.B. Akut-Reha-Pflege, Stationär-Ambulant) optimiert werden. Die Leistungserbringer positionieren sich auf diese Weise für den zunehmenden Wettbewerbsdruck (z.B. durch „Ambulantisierung“) und die mittel- bis langfristig auch in Deutschland erwarteten Änderungen im Vergütungssystem hin zu ergebnisorientierten Entlohnungen. Bei ergebnisorientierten Programmen haben Anbieter ein geringeres Interesse, eine möglichst große Menge an Leistungen zu erbringen, für die sie vergütet werden, oder Medikamente zu verschreiben. Der Fokus liegt vielmehr auf der Prävention und Leistungsvermeidung durch eine engere Einbindung und Betreuung des Patienten. Um die ganzheitliche Betreuung des Patienten auf hohem Qualitätsniveau wirtschaftlich anbieten zu können, ist eine Positionierung als breiter Gesundheitsanbieter („One-Stop-Shopping“) vorteilhaft und eine hinreichende kritische Größe erforderlich. Hierin liegt auch die strategische Logik für die geplante Übernahme von Rhön-Klinikum durch Fresenius für 3,1 Mrd. EUR. Fresenius ist bereit, eine 52%ige strategische Prämie auf die Börsenbewertung von Rhön-Klinikum am Tag vor der Bekanntgabe der Übernahme zu zahlen. Die neue HELIOS-Rhön-Gruppe hätte rund 6 Mrd. EUR Umsatz und wäre mit rund 8% Marktanteil der mit Abstand größte private Anbieter im deutschen Krankenhausmarkt. Neben der Integration durch Einbindung in das Unternehmen (In-house-Lösung) werden vielfach auch Partnerschaften, die weniger finanzielle Mittel und Managementkapazitäten binden, geschlossen. In solche regionalen, vertraglichen Gesundheitsnetzwerke dürften künftig neben stationären und ambulanten Leistungserbringern zunehmend weitere Spieler, wie z.B. Medizintechnik-Unternehmen und Krankenkassen, eingebunden werden.

Health-IT/Telemedizin

Für eine wirtschaftliche und erfolgreiche Verzahnung von Kliniken, niedergelassenen Ärzten, Apotheken und sonstigen Gesundheitsdienstleistern kommt der Health-IT/Telemedizin eine zunehmende Bedeutung zu. So sind z.B. die Etablierung von standardisierten E-Health-basierten Behandlungspfaden und -protokollen sowie die elektronische Dokumentation (elektronische Patientenakte) und Kommunikation zwischen den Leistungserbringern entscheidende Erfolgskriterien für eine bessere Versorgung der Patienten. Neben den Big Playern, wie GE Healthcare, IBM und Siemens, bietet hier eine Reihe mittelständischer Unternehmen wie z.B. CompuGroup Medical und NEXUS interessante Systemlösungen an.

 

Personalisierte Medizin

Die personalisierte Medizin ist bereits im klinischen Alltag angekommen. Sie soll Ärzten ermöglichen, ihren Patienten unter Berücksichtigung des individuellen Genprofils eine maßgeschneiderte Behandlung zu verordnen. Der Patient profitiert von der „Pille nach Maß“ durch einen höheren Therapieerfolg und geringere Nebenwirkungen. Das Pharmaunternehmen profitiert von geringeren Ausfallrisiken und geringeren R&D-Kosten. Dies ist vor dem Hintergrund der strengeren Zulassungsbedingungen und restriktiveren Vergütungen wichtig. Die enge Verzahnung von Diagnostik und Therapie bietet große Chancen nicht nur für Big Pharma, wie z.B. den Weltmarktführer in der personalisierten Medizin Roche, der diagnostische Tests zusammen mit einem Medikament anbietet, sondern auch für viele kleinere Unternehmen, die in der Entwicklung und dem Vertrieb von genetischen Tests und Biomarkern tätig sind, z.B. QIAGEN und Hologic/Gen-Probe.

Kosten-Nutzen-Bewertung

Last but not least lässt sich ein Trend zur stärkeren Kosten-Nutzen-Bewertung beobachten. So unterliegt beispielsweise seit der Einführung des AMNOG zum 1.1.2011 jedes neue Medikament in Deutschland einer Kosten-Nutzen-Analyse durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Nur wenn ein Zusatznutzen nachgewiesen wird, kann das Pharmaunternehmen das Festpreissystem umgehen und mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) den Preis verhandeln.

Ausblick

Die zunehmende Finanzierungslücke forciert einen Umbau der Gesundheitssysteme hin zu mehr Integration und Kooperation von Ärzten, Kliniken und sonstigen Gesundheitsdienstleistern, zur personalisierten Medizin sowie zu mehr E-Health-basierten Lösungen. Der Patient und der Patientennutzen treten immer mehr in den Mittelpunkt. Die Trends im Gesundheitswesen bieten interessante Wachstumsmöglichkeiten für strategisch gut aufgestellte Healthcare-Unternehmen, die helfen, eine bezahlbare, qualitativ hochwertige medizinische Versorgung für alle zu sichern.

Über den Autor

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