In Reims, dem Herz der Region Champagne-Ardenne fand Ende September das European Forum for Industrial Biotechnology & the biobased Economy zum siebten Mal statt. Biotechnologie hat in Reims eine lange Tradition: seit Urzeiten in Form des Champagners, einer der ursprünglichsten Formen der Biotechnologie, in der Moderne mit der Bioraffinerie Pomacle-Bazouncourt, einem französischen Vorzeigeprojekt der Region. Wohin bewegt sich die Bioökonomie? Was sind die Herausforderungen, was die Hürden? Zwei Tage diskutierte die Branche miteinander.

Von der Bioökonomie zur Ökonomie der Nachhaltigkeit

Die Bioökonomie kann nicht allein betrachtet werden. Wie Gwenole Cozigou, Direktor des Direktorats für Basis-, verarbeitende- und Konsumgüterindustrien innerhalb des Generaldirektorats Unternehmen und Industrie, in seiner Eröffnungsrede ausführte. Die Grenzen zwischen den Industrien verwischen. Das Gebot der Nachhaltigkeit sorgt dafür, dass die Grenzen zwischen Bioökonomie und Recycling, Agro und Chemie, Organik und Anorganik durchlässig werden, bzw. beginnen, sich aufzulösen. Am Ende geht es darum einen Markt für sekundäre Rohstoffe zu entwickeln und zu etablieren. Nur ein integriertes Denken erlaubt es die von der EU-Kommission formulierten Ziele beim Wachstum und im Umweltschutz zu realisieren.

Der Shale-Gas-Boom

Der Shale-Gas-Boom mag der Endlichkeit fossiler Rohstoffe noch eine Atempause verschaffen. Doch angesichts unseres globalen Energiehungers ändert er die aktuellen Megatrends nicht, wie Francois de Bie, Vorsitzender European Bioplastics Association, ausführte. Die Herausforderungen des 21ten Jahrhunderts können jedenfalls nur über eine neue nachhaltige Form der Ökonomie erreicht werden, waren sich die Fachleute in Reims einig. Die Bioökonomie – so die Logik – könnte zum Teil sogar vom Shale-Gas-Boom profitieren. In dem Maße, wie mit Shale-Gas betriebene Ethane-Cracker klassische Naphtha-Cracker verdrängen sinkt die Verfügbarkeit von deren Beiprodukten wie Benzol, Toluol, Xylol mit der Folge hoher Preisvolatilität. Eine neue Nische für biobasierte Ersatzprodukte entsteht. Die Wettbewerbsfähigkeit von Biokunststoffen wie Bio-PET und Poly-Milchsäure (PLA) könnte steigen.

Wie kann die Bioökonomie finanziert werden?

Weiterhin findet die Frage „Wie kann die Bioökonomie finanziert werden?“ viel Aufmerksamkeit. Die erste Überraschung: Es gibt genug Geld, allerdings nur, wenn man weiß, wo man suchen muss. So sieht es zumindest John Davis, Abteilungsleiter Life Sciences und Gesundheit der Europäischen Investment Bank. Allerdings ist es sehr kompliziert an das Kapital heranzukommen – so der Tenor einiger Anwesender. Hier setzt das Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Union (EU), Horizon2020, an. Ziel der EU-Kommission war es, Synergien zwischen verschiedenen europäischen, nationalen und regionalen Fördermaßnahmen zu erzielen. Die bisherigen Ergebnisse haben allerdings bisher große Verunsicherung ausgelöst: Das Ganze ist komplex und kompliziert. Alleine der European Structural and Investment Fonds (ESIF) besteht aus fünf Sub-Fonds: dem European Regional Development Fund (ERDF), dem European Social Fund (ESF), dem Cohesion Fund (CF), dem European Agricultural Fund for Rural Development (EAFRD) und dem European Maritime & Fisheries Fund (EMFF). Mit den Fonds sollen nun Synergien gehoben werden. Es stellt sich jedoch die Frage nach der internen Organisation. Sollen mehrere verwandte Projekte nacheinander oder parallel gefördert werden? Alternativ könnten verschiedene Partner innerhalb eines Projektteams oder verschiedene Aktivitäten innerhalb eines Projekts aus verschiedenen Töpfen gefördert werden.

Noch nicht kompliziert genug? Steigt man auf die nationale oder gar regionale Ebene, so zeigt sich: Es gibt keine EU-weite Definition der Bioökonomie, die über alle Regionen Gültigkeit hätte. Wer da bei der Antragstellung nicht die richtigen Vokabeln findet, fällt schon einmal durch. Arbeitszeit, die insbesondere die kleinen und mittelständischen Unternehmen auf deren Innovationskraft doch insgesamt stark gesetzt wird, einfach nicht vorfinanzieren können.

Ohne Zweifel bedarf es noch größerer Anstrengungen und einer verstärkten Ausbildung sowohl der Antragsteller, als auch der Antragsbewilliger, bevor Europas Verwaltung hier mit einer Stimme spricht und handelt.

Zukunft der Biokraftstoffe

In Zukunft werden immer mehr Entwicklungen zu einer nachhaltigen Ökonomie aus den Emerging Markets kommen, erläuterte Aileen Ionescu-Somers, Direktor der CSL Learning Platform. Damit Europa nicht abgehängt wird, muss es sich von der Vorstellung verabschieden, den Weg zur biobasierten Gesellschaft in einem einzigen Schritt zu gehen. Marc Verbruggen, Präsident und CEO von NatureWorks, zeigte es am Beispiel USA. Dort wurden große Kapazitäten für die erste Generation von Biokraftstoffen aus Mais aufgebaut. Dabei wurde viel Erfahrungen über Bau und Betrieb von Bioraffinerien gewonnen und Logistiknetzwerke zwischen Biotech, Bauern und Treibstoffindustrie aufgebaut. Nun, da die zweite Generation Biokraftstoffe auf Basis von Zellulose marktreif wird – und durch die Verarbeitung von Materialien wie Stroh die Diskussion von Tank versus Teller ad acta gelegt wird – werden die bestehenden Bioraffinerien umgerüstet. Ein Know-how-Vorsprung und Wettbewerbsvorteil, der offensichtlich ist. Die Logistiknetze verändern sich für ein flüssiges Gut wie Treibstoff nicht. Diese sind von der Herstellungsmethode weitgehend unabhängig. Europa sollte hier also mehr Offenheit gegenüber nachhaltig erzeugten Biokraftstoffe ersten Generation – wie sie aus Zuckerrüben herstellbar sind – zeigen.

Fazit:

In Europa kann uns das Gefühl beschleichen, dass die Verwaltungshemmnisse und die geführten Debatten den Blick auf das Wesentliche verstellen. Was hat Europa infolge seiner Milliarden-Förderprogramme vorzuweisen? Wenn nur das getan wird, wofür es Subventionen gibt, weicht dies weit von der Marktwirtschaft ab, die in ihrer Natur auch Fehlschläge kompensiert und Fehlentwicklungen korrigiert. Die perfekte Welle der Bioökonomie wird es nicht geben, doch anstatt zu lamentieren, sollten wir des Öfteren in Europa eher einmal dem Slogan eines bekannten Sportartikelherstellers folgen: Just do it. Die Mobilisierung von privatem Kapital ist hierbei inbegriffen. Ein Feld, in dem Europa im globalen Vergleich auch schon lange nicht mehr in der Champions League spielt.

700 Teilnehmer aus 35 Ländern nahmen an der EFIB 2014 teil. Leider war Deutschland heillos unterrepräsentiert. Es bleibt der Eindruck, dass außer der niederländischen DSM kein großes europäisches Chemieunternehmen die Bioökonomie ernst nimmt. Das ist fatal. Die chemische Industrie täte gut daran offen zu zeigen, dass die Böokonomie auf der Agenda steht. Dieses offene Interesse würde sicher auch das Interesse von Investoren an passenden Technologien, Technologietransfers und Startups befeuern, was wiederum die Zahl der Innovationen erhöhen könnte. Ein positiver Feedback-Loop könnte entstehen. Noch läuft alles sehr träge und Nationen wie Frankreich, Belgien und die Niederlande laufen Good Old Germany in dieser Sache den Rang ab.

Die nächste EFIB wird vom 20. bis 22. Oktober 2015 in Spaniens Hauptstadt Madrid stattfinden.

www.efibforum.com

 

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