Jeden Patienten individuell zu behandeln, war schon immer Ziel von Medizinern. Die Möglichkeiten, einen Menschen möglichst genau zu charakterisieren, sind in den letzten Jahrzehnten allerdings massiv gestiegen. Wurden früher Geschlecht, Alter oder Blutgruppe in die Behandlung miteinbezogen, so werden heute für die möglichst spezifische Darstellung eines Patienten auf molekularer, genetischer sowie phänotypischer Ebene mittels Genotypisierung und Big-Data-Analysen um ein Vielfaches mehr Daten erhoben. Und die Ideen zur immer feineren Charakterisierung von Menschen, aber auch die Translation dieses Wissens in Prävention und Therapie, scheinen den Wissenschaftlern nicht auszugehen. Von Gabriele Klingner

 

Je mehr Informationen zu einem Patienten und seinem Krankheitsbild vorliegen, desto individueller und präziser können Prädiktion, Diagnose und letztendlich die Therapie erfolgen. Biotechnologische Forschungsansätze mit diesem Hintergrund haben immer bessere Chancen auf eine erfolgreiche Entwicklung und treffen somit auch bei Investoren und Pharmaunternehmen auf immer größeres Interesse. Dies zeigen sowohl die Gründungszahlen als auch die Investitionen in neue Projekte oder Start-ups auf dem Gebiet der Personalisierten Medizin.

Spitzencluster seit 2010

Mit dem Gewinn im BMBF-Spitzencluster-Wettbewerb konnte die Münchner Biotechregion im Jahr 2010 einen neuen Entwicklungsschritt und neues Mindsetting in der dortigen Unternehmerlandschaft anstoßen. Dieses brachte insbesondere die biomarkerzentrierte Medikamentenentwicklung als elementaren Bestandteil einer „Personalisierten Medizin“ in die neuen kooperativen Forschungs- und Entwicklungsansätze. Gut 65 Biotech-Start-up-Gründungen hat es seit 2010 im Großraum München gegeben, zahlreiche davon im Bereich Personalisierte Medizin. Viele neue maßgeschneiderte Ideen und Therapieansätze entspringen den exzellenten wissenschaftlichen Einrichtungen in Bayern. Dabei gibt es u.a. Gründungen mit klarer Medikamentenentwicklungsstrategie, solche mit Schwerpunkt eher im diagnostischen Bereich, Technologieunternehmen, die spezifisch bei Therapeutika- oder Diagnostika-Entwicklung unterstützen, sowie Unternehmen, die aus dem trüben und riesigen Datenmeer die signifikanten Signale auslesen und korrekt zu interpretieren vermögen. Hier seien einige Unternehmen beispielhaft genannt, um die Bandbreite in Bayern zu beleuchten.

Gabriele Klingner, BioM: „Gut 65 Biotech-Start-up-Gründungen hat es seit 2010 im Großraum München gegeben, zahlreiche davon im Bereich Personalisierte Medizin.“ Bild: BioM

Die BioVariance GmbH, mittlerweile in Regensburg angesiedelt, analysiert und interpretiert biomedizinische Daten und unterstützt somit Ärzte, Biotechnologie und Pharmaunternehmen in deren Entscheidungen hinsichtlich Forschung und Entwicklung personalisierter Therapien. Das macht das Unternehmen offensichtlich so innovativ, dass die Zeitschrift brand eins zusammen mit Statista das Unternehmen 2018 zum zweiten Mal in Folge zu den innovativsten Unternehmen zählte. Von den insgesamt 496 nominierten Innovatoren sitzen dieses Jahr 130 im Freistaat – 64 davon in der Landeshauptstadt. Bricht man die Ergebnisse noch weiter auf, finden sich zehn Unternehmen aus den Bereichen Chemie, Pharmazie und Biotechnologie in Bayern. Gerade weitet die BioVariance GmbH, 2013 gegründet von Dr. Josef Scheiber, ihr Angebot auf eine Gesundheitsplattform sowie eine App aus, die Patienten aus dem Bereich Neuropsychiatrie bei der Einnahme von Medikamenten unterstützen sollen, und erwartet sich davon kräftiges Wachstum.

Noch jünger ist die PreOmics GmbH aus Martinsried bei München. Sie ist in einem anderen Omicsfeld unterwegs als BioVariance und hat 2017 eine erste Finanzierungsrunde abschließen können. Dr Nils Kulak und Dr. Garwin Pichler gelang – auch mithilfe des m4 Awards als bayerische Pre-Seed-Förderung – 2016 die Ausgründung aus der Proteomics-Forschungsgruppe von Prof. Matthias Mann am Max-Planck-Institut für Biochemie. Die Proteomik umfasst die Analyse der Gesamtheit der Proteine (Eiweiße) eines Organismus oder einer Zelle. Diese Analyse lässt einen noch genaueren Einblick auf den „Ist-Zustand“ zu und deckt damit auch Störungen genauer auf, die am Krankheitsgeschehen unmittelbar beteiligt sind. Um die hohe Komplexität auf dem Gebiet der Proteomik zu bewerkstelligen, entwickelte PreOmics ein standardisiertes Probenvorbereitungs-Kit, mit dem die Untersuchung von Proteinen mittels Massenspektro metrie vereinfacht werden soll. Das mehrfach ausgezeichnete Unternehmen will mit seiner iST-Technologie Krankheitsmechanismen besser verstehen und die Personalisierte Medizin sowie die Begleitdiagnostik voranbringen. Der aktuelle Fokus von PreOmics liegt auf der Erschließung des US-Marktes, der über 40% des weltweiten Marktes für Proteomik umfasst und ein Volumen von rund 5 Mrd. USD aufweist. Um eine effiziente Adressierung zu gewährleisten, ist eine Expansion etwa mit einer Nebenstelle an der Ostküste der USA geplant.

Einen eher untypischen Weg ging das Martinsrieder Unternehmen Medigene. 1996 angefangen als Spin-off des Münchner Genzentrums, hat sich dieses Unternehmen bisher schon zweimal „gehäutet“ und von einem Kardiologie-Biotech zu einem Onkologie-Unternehmen entwickelt. Im Jahr 2014 richtete sich das Unternehmen mit der Übernahme von der kurz zuvor gegründeten Trianta Immunotherapies völlig neu aus und fokussiert sich seitdem auf die Entwicklung personalisierter, T-Zell-gerichteter Immuntherapien. Medigene konnte sich eine breit aufgestellte, hochkompetitive Technologieplattform in diesem Bereich einverleiben und diese mit seiner großen klinischen Entwicklungs und Zulassungskompetenz ideal ergänzen. Das Börsenlisting eröffnete den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt. Erste klinische Studien stehen in den Startlöchern und das Unternehmen rechnet in der näheren Zukunft damit, dass Medigenes Pipeline mit zunehmenden Anwendungen der individuellen Onko-Immuntherapien eine wichtige Rolle spielen wird.

Neben den personalisierten, erwünschten Wirkungsweisen der zielgerichteten Therapeutika gibt es jedoch auch das Feld der unerwünschten Nebenwirkungen, die selbst noch im späten Entwicklungsstadium eines Medikamentes zum plötzlichen Aus und Totalverlust der Investitionen führen können. In genau diesem Bereich hat sich 2014 als Spin-off des

Klinikums der Universität München die MetaHeps GmbH gegründet – unterstützt durch eine EXIST-Förderung, den m4 Award und einen Business Angel. Schwerpunkt des jungen Biotechunternehmens ist die Diagnostik von medikamentös-toxischen Leberschäden (Drug-Induced Liver Injury = DILI). DILI ist einer der häufigsten Gründe, warum Medikamente in späten klinischen Entwicklungsstadien scheitern. Aus einer Blutprobe der betroffenen Patienten werden durch ein patentiertes Verfahren leberzellähnliche Zellen generiert und auf toxische Reaktionen gegenüber den eingenommenen Medikamenten geprüft. Aktuell plant das Münchner Startup für den MetaHeps-Test eine umfangreiche Validierungsstudie mit mehreren internationalen Studienzentren, um auch mögliche ethnische Unterschiede individueller Medikamentenreaktionen zu erfassen. Eine Series-A-Finanzierung soll dies ermöglichen.

Läuft das Geschäftsmodell, ist nicht nur in der Personalisierten Medizin für Gründer und Investoren der Einstieg – und irgendwann auch der Exit – interessant. Die Münchner Definiens schaffte tatsächlich beides: Gegründet 1994 von Nobelpreisträger Dr. Gerd Binnig, bringt das Unternehmen Multi-Omics-Daten aus Gewebeproben über ausgeklügelte Algorithmen der Bildverarbeitung in einen krebsrelevanten Kontext und fördert so die Umsetzung neuer Therapien und Behandlungsstrategien. 2014 wurde Definiens erfolgreich an MedImmune verkauft, die Biologika-Sparte von AstraZeneca – sie agiert jedoch weiterhin autonom und kann Kooperationsprojekte eingehen.

Ideen und Vorgründungen

Ebenfalls spannend und durchaus vielversprechend ist auch die breite Pipeline an bayerischen Gründungsideen und Vorgründungsprojekten. „Durch das Zusammenspiel des Trends Personalisierung in Diagnostik und Therapie und der neuen Möglichkeiten der Digitalisierung, der Anwendung von AI und Big-Data-Auswertung, ergeben sich ganz neue Geschäftsmodelle. Dies zeigte auch unser erstes BioEntrepreneurship Summit im Oktober 2017“, meint Christina Enke-Stolle, Senior Manager Start-ups & Funding bei BioM. Welchen Weg die Gründerteams jeweils gehen und wie sie Investoren sowie Pharmaunternehmen von ihrer Idee überzeugen, die Möglichkeiten bleiben vielfältig. Das Potenzial ist jedenfalls vorhanden.

 

ZUR AUTORIN

Gabriele Klingner ist seit 2017 Manager Communications bei BioM Biotech Cluster Development. Zuvor war die Biologin 15 Jahre in der Krebsforschung tätig, davon 10 Jahre bei Roche Diagnostics GmbH.

Über den Autor

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