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Plattform Life Sciences: Herr Dr. Serrano, zuweilen hört man statt „personalisierte“ Medizin immer häufiger die Begriffe „stratifizierte“ oder „precision“ Medizin. Ist die Zeit der personalisierten Medizin schon wieder vorbei?

Dr. Serrano: Nein, die Zeit der personalisierten Medizin ist nicht vorbei. Die stetig weiter wachsenden Erkenntnisse aus den molekularen Vorgängen einer Krankheit, über die Fehlfunktionen des Organismus werden ständig in immer individuellere Therapien umgesetzt. Am Ende sind es auch Begrifflichkeiten. Jeder Arzt ist davon überzeugt, dass er seine Patienten personalisiert behandelt.  Passender  ist für das, was derzeit darunter verstanden wird, vielleicht der Begriff der stratifizierenden Medizin: Mit Hilfe eines Diagnostikums lassen sich individuelle Wirksamkeiten, Nebenwirkungen oder die notwendige Höhe einer Dosis feststellen. Bislang sind aus dem aktuellen Konzept der personalisierten Medizin Bereiche wie beispielsweise die Advanced Therapies (Tissue Engineering – autologe Zelltransplantationen) außen vor gelassen. Dennoch, die personalisierte Medizin wird ein äußerst valides und sich weiter entwickelndes Konzept bleiben. So arbeitet man derzeit an individualisierten therapeutischen Vakzinen gegen  Tumore, deren spezifische genetische Charakteristika als Grundlage für den tatsächlich personalisierten Wirkstoff dienen. Zudem werden Arzt und Patient durch die fortschreitende Digitalisierung ganz anders miteinander kommunizieren. Vor allem wird man durch das fortschreitende Verwenden von Daten, die jeder Patient generiert, künftige Therapien immer weiter individualisieren können, und zwar auf verschiedenen Ebenen.

Wagen wir einen Blick auf die Metaebene: Welche Folgen wird das Fortschreiten der Medizin auf alle Stakeholder im System haben, allen voran den Patienten?

Die neuen Möglichkeiten der individuelleren Behandlung von Krankheiten werden eine Verbesserung in der medizinischen Versorgung bewirken. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient wird sich grundlegend ändern. Viele Patienten sind heute schon vor dem Arztbesuch bestens informiert, weil ihnen das Internet die entsprechenden Möglichkeiten bietet. Umgekehrt werden die Patienten auch stärker in die Verantwortung  genommen.  Wenn Patienten dank der molekularen Biologie Erkenntnisse über ihre genetische Prädisposition für eine Erkrankung haben oder über das Wissen zu den Auswirkungen ihres jeweiligen Lebensstils verfügen (etwa ob ein erhöhtes Risiko für Diabetes- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht), dann kann erwartet werden, dass sich die Betroffenen frühzeitig darauf einstellen. Der Patient hat eine Verantwortung für seine eigene Gesundheit. Diese Verantwortung ist, wenn auch nicht im Sinne einer Rechtspflicht, heute schon im §1 des 5. Sozialgesetzbuchs festgeschrieben.

Wie kann sich ein Gesundheitssystem der Zukunft finanzieren?

Das Gesundheitssystem wird auch durch neue Therapieformen nicht an den Rand des Ruins kommen. Eine Kostenexplosion ist im Moment nicht erkennbar. Jetzt schon liegen in Deutschland für 80% der neuen  Wirkstoffe  die  Preise  unter  dem europäischen Durchschnitt. Für viele Krankenkassen ist die personalisierte Medizin allerdings noch immer ein rotes Tuch. Sie fürchten steigende Versicherungsbeiträge. Doch ich denke, dass die Kassen häufig die Vorzüge der personalisierten Medizin übersehen. Denn diese Art der Therapien kann helfen, im Gesundheitssystem Effektivitätsreserven zu mobilisieren, um auch aufwendigere, innovative Behandlungen zu finanzieren. Das alles kann in Zukunft dank zugänglicher und intelligent ausgewerteter Patientendaten viel leichter funktionieren. Das gesamte Gesundheitssystem wird nicht teurer durch neue Therapien, sondern durch die Tatsache, dass die Menschen, auch durch die vielfältigen Möglichkeiten der modernen Medizin, immer länger leben und somit häufiger zum Arzt gehen werden.

Und welche Rolle werden die Pharmafirmen in diesem Zusammenhang spielen?

Es wird im Rahmen der Entwicklungsund Zulassungsverfahren zu einer viel intensiveren Kommunikation zwischen Pharmafirmen, Behörden und Patienten kommen. Beispiel individualisierte Tumorvakzine: Diese Mittel sind personalisierte Wirkstoffe. Bislang mussten Wirkstoffe mit Hilfe von RCTs (randomized clinical trials) im Rahmen klinischer Studien geprüft werden. Doch wie soll das künftig vor dem Hintergrund der Fülle an personalisierten Wirkstoffen gelingen? Umso früher muss daher der Dialog zwischen allen am Prozess beteiligten Partnern einsetzen. Ein weiterer Aspekt ist der Ausbau der Kooperationsmöglichkeiten zwischen Wissenschaft und Industrie, aber auch innerhalb der unterschiedlichen Unternehmenssektoren selbst (KMU, Mittelstand, Big Pharma), vor allem über die Pharmabranche hinweg unter Einbeziehung beispielsweise von IT: Je flexibler, desto agiler wird der Ideenfluss zu immer weiter fortschreitender Verbesserung der individualisierten Therapien zum Wohle der Patienten werden.

Herr Dr. Serrano, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Holger Garbs.

Zur Person

Dr. Pablo Serrano, Geschäftsfeldleiter für Innovation & Forschung/Biotechnologie beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI)

 

Dr. Pablo Serrano studierte und promovierte an der TU Braunschweig Biologie. Später war er als Senior Manager und Pressesprecher für BIO Deutschland tätig. Seit 2013 ist er beim  Bundesverband  der Pharmazeutischen Industrie (BPI) Geschäftsfeldleiter für Innovation & Forschung/Biotechnologie.

 

Über den Autor

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