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Die Plattform Life Sciences sprach mit Arno Fuchs über Deutschlands Life-Sciences-Branche im internationalen Vergleich, bedenkliche Entwicklungen und kostspielige (verpasste) Weichenstellungen.

 

Plattform Life Sciences: Herr Fuchs, nimmt Deutschland innerhalb der europäischen Life- Sciences-Branche, um nicht zu sagen: der globalen, eine seiner Wirtschaftsleistung adäquate Rolle ein?

Fuchs: Nein – ganz und gar nicht. Diese spottet leider jedem Vergleich. In erster Linie im internationalen Kontext, aber auch ganz konkret laufen wir vielen unserer – kleineren – europäischen Nachbarn massiv hinterher. Frankreich und erst recht Großbritannien haben weit mehr schlagkräftige, aktive Investoren im Life-Sciences-Markt als wir in Deutschland.

Eine andere Perspektive ist die Anzahl der Firmen im internationalen Vergleich: Wir haben zwar eine Generation von super Life-Sciences-Firmen, die haben aber andere, viel kleinere Länder auch. Schweden und die ganze Nordic-Region ist hier der beschämende Vergleich.

Zu guter Letzt haben wir im internationalen Vergleich einen total unterentwickelten Small- und Mid-Cap-Kapitalmarkt – trotz diverser wohlgemeinter Initiativen.

Da wurde doch aber das eine oder andere sich bemüht zu unternehmen …

Ja, aber zum einen wird an den falschen Stellen herumgedoktert und zum anderen von den Falschen. Es ist klar sichtbar, dass es in Deutschland zu wenige sektorspezialisierte Venture-Capital-, Crossover-, aber auch Publikumsfonds gibt – wie auch solche, die gezielt in kleinere Titel investieren können bzw. dürfen. Die kann man an zwei Händen abzählen. Damit lässt sich keine Börsenbreite herstellen – zum Vergleich: In den USA gibt es sicher mehr als 250.

In Deutschland hatten wir in den vergangenen Jahren wenige Neuzugänge im Life-Sciences-Bereich, vielleicht noch Brain Anfang 2016 – auch das ist schon zwei Jahre her. Dabei gilt Deutschland doch eigentlich als Pharma-Hochburg, man sprach ja auch früher von ABC im DAX, also Automobile, Banken, Chemie …

Es ist ja keineswegs so, dass wir in Deutschland nicht Top-Firmen auf Weltmarktniveau hätten – um die uns das Ausland beneidet. Auch im Bereich Life Sciences.

Das ist doch interessant. Diese Firmen führen immer wieder zu enormen Exits – nur eben nicht bei deutschen Kapitalgebern, da sie zuvor schon international akquiriert wurden. Deutschland scheint nicht in der Lage, seine Top-Firmen mit Top-Patenten international zu Größe zu führen. Wie es beispielsweise einer SAP gelungen ist, als Ausnahme im Softwarebereich. Da sie zuvor längst verkauft worden sind. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Und weshalb? Spielt denn eine Rolle, wer deutsche Firmen groß macht?

Wir befinden uns aktuell in einer Welt, in der die USA das partnerschaftliche, freundliche Verständnis aufgekündigt haben und viel wettbewerblicher denken. Als Land und Kontinent sollten wir bei den wichtigen Zukunftstechnologien, -patenten und -produkten, die ursprünglich hierzulande entwickelt wurden, nicht vom Ausland abhängig sein. Sehr wahrscheinlich nämlich müssen wir die teuer bezahlen.

Möglicherweise wird der Zugang auch strategisch gegen andere Länder eingesetzt. Ich halte es für einen strategischen Imperativ, dass auch die deutsche Politik ein Signal setzt, dass deutsche Firmen mit hier erfundenen Patenten und Produkten groß werden können. Auch mal eine Phase III selbst finanzieren können und, wenn es sein muss, noch den Vertriebsaufbau. Wie in Amerika nämlich.

Ist für ein deutsches Unternehmen relevant, wer es durch eine Phase III begleitet?

Für das Unternehmen selbst etwas weniger, und sie finden ja auch Kapitalgeber – nur eben ausländische. Aber unter viel größeren Zugeständnissen und schlechteren Bewertungen als amerikanische. Das ist nicht nur schädlich, sondern langfristig wahrscheinlich sogar volkswirtschaftlich schädlich in einem so wichtigen Sektor wie der Biopharmazie.

Da gab es doch aber die eine oder andere wohlgemeinte Initiative.

Diese Feigenblätter sind mir wohlbekannt. Die Diskussion liegt seit sicherlich zehn Jahren auf dem Tisch. Wenn man vor zehn Jahren mehr auf die Politik eingewirkt hätte, hätte man vor vielleicht fünf Jahren die Weichen noch in eine adäquate Richtung stellen können. Zum Beispiel, dass die Versicherungen und Pensionsfonds, sagen wir, 1% oder 2% ihrer Assets under Management zusätzlich in Equity anlegen dürften, oder dass Small- und Mid-Cap-Unternehmen steuerbegünstigt würden, solange sie in Forschung und Entwicklung investieren. Irgendetwas in der Art. In anderen Ländern hat man das auch geschafft, wenn der politische Wille da war. Dann hätten wir heute nicht zehn, sondern 50 relevante Fonds, die in Wachstumsfirmen investieren. Auf diese Weise hätten wir auch einen ganz anderen Kapitalmarkt.

Aktuell scheint die Emissionsfront doch wieder recht aktiv. Noch nicht genug?

Dass es wieder einen IPO-Boom geben wird, sage ich schon länger voraus. Allerdings besteht in Deutschland die Gefahr, dass es wieder die gleiche Entwicklung nimmt wie zur Jahrtausendwende. Ein IPO-Boom zieht vor allem sogenanntes Hot Money an, das Kurse für eine Phase nach oben treibt: IPOs zu übertriebenen Bewertungen, und wenig später, wenn das Geld aus welchen Gründen auch immer wieder abgezogen wird, bricht es in sich zusammen. Dann haben wir wieder Katzenjammer und keine gesunde langfristige Entwicklung.

Ist dann nicht sogar der größte Hebel bei einem Wachstumsunternehmen, in einen international versierten – womöglich gleich angelsächsischen – CEO zu investieren, wenn denn schon die relevante Investorenschaft vorrangig im Ausland angesiedelt zu sein scheint? Dr. Lanthaler von Evotec oder Moroney von MorphoSys fallen mir da zuerst ein.

Aber ja: in einen internationalen Vorstand – kann auch von der Nationalität ein Deutscher sein –, der in der Lage ist, sich in diesem Kontext mit seinen Investoren auf Augenhöhe zu bewegen. Die halbe Million, die er verdient, holt er mindestens zehnmal wieder heraus. Meine Erfahrung ist, dass selbst die besten „Tekkies“ wesentlich schlechter bei Präsentationen abschneiden als ein halbwegs anglophiler Vorstand. Es ist ein typisch deutscher Missstand, hier an der völlig falschen Stelle zu knausern.

Herr Fuchs, einmal mehr ganz herzlichen Dank für Ihre Einblicke – wir überprüfen den Status quo sicherlich wieder bei nächster Gelegenheit!

 

ZUM INTERVIEWPARTNER

Arno Fuchs ist Gründer und CEO der Unternehmensberatung FCF Fox Corporate Finance, München. Zuvor war Fuchs Managing Director und Junior-Partner der Deutschen Investmentbanking-Boutique Viscardi.

Das Interview führte Falko Bozicevic.

 

Der aktuelle „FCF Life Science Monitor Q1 2018“ ist kostenlos hier abrufbar.

Über den Autor

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